MEDIZIN: Kasuistik

Kasuistik

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, WS 2009/10: 36

Geddert, Helene

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LNSLNS Ein 40-jähriger Mann, der bisher nie ernsthaft krank gewesen ist, klagt bei einer Feier über Magenschmerzen. Schon gegen 22.30 Uhr verlässt er das Fest, um sich hinzulegen. Die Schmerzen halten in der Nacht an, Übelkeit und Brechreiz kommen hinzu. Als am nächsten Morgen auch noch Fieber auftritt, sucht der Mann die Ambulanz einer Klinik auf. Dem Arzt gegenüber lokalisiert er die Schmerzen jetzt im rechten Unterbauch. Dieser diagnostiziert eine akute Appendizitis und veranlasst eine sofortige Operation. Intraoperativ zeigt sich aber ein völlig unveränderter Wurmfortsatz des Blinddarms. Nach Erweiterung der Laparotomie entdecken die Operateure eine Aussackung am Dünndarm, die sie zur Diagnostik in die Pathologie schicken.
Uneröffnetes Resektat: Links und rechts geht es in den normalen Dünndarm weiter, unten die tumorös aufgetriebene und entzündete Struktur.
Uneröffnetes Resektat: Links und rechts geht es in den normalen Dünndarm weiter, unten die tumorös aufgetriebene und entzündete Struktur.
Eröffnetes Resektat: schwere Schleimhautschädigung links, Kotstein rechts, Peritonitis rechts
Eröffnetes Resektat: schwere Schleimhautschädigung links, Kotstein rechts, Peritonitis rechts

Auflösung
Die Operateure fanden ein entzündetes Meckel-Divertikel. Dieses war tumorös aufgetrieben, die Wand ausgedünnt und die Serosa wegen der Entzündung mit Fibrin belegt. Der „Tumor“ war ein Kotstein, der die Wand schon fast perforiert hatte.

Zum Krankheitsbild
Das Meckel-Divertikel entspricht dem nicht vollständig zurückgebildeten Rest des Ductus omphaloentericus und liegt etwa 60 bis 90 cm oral der Bauhin-Klappe im Ileum. Da die Aussackung alle Wandschichten betrifft, handelt es sich um ein echtes Divertikel. Bei einem Pseudodivertikel tritt nur die Schleimhaut durch Lücken der Muskularis. In der Regel machen Meckel-Divertikel keine Beschwerden. Bei einer Entzündung unterscheiden sich die Symptome aber kaum von der akuten Appendizitis.

Beschwerden können auch durch die häufig nachweisbaren Gewebeheterotopien (normales Gewebe, aber am falschen Ort) bedingt sein. Am häufigsten lässt sich funktionell aktives Magen- oder Pankreasgewebe nachweisen. Im Kindesalter ist dies etwa in der Hälfte der Fälle die Ursache einer Blutung aus dem unteren Verdauungstrakt. Das Meckel- Divertikel findet man bei rund zwei Prozent aller Menschen. Oft ist es mit einer weiteren Fehlbildung kombiniert. Bei diesem Patienten fand man eine Verschmelzung des vierten und fünften Lendenwirbels und eine Halsrippe.
Helene Geddert, Institut für Pathologie an den St.-Vincentius-Kliniken Karlsruhe

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