ArchivMedizin studieren1/2009Medizinische Versorgungszentren: Alles unter einem Dach

Politik

Medizinische Versorgungszentren: Alles unter einem Dach

Hibbeler, Birgit

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LNSLNS Als angestellter Arzt in der ambulanten Versorgung arbeiten: Wer das will, für den könnte ein Medizinisches Versorgungszentrum genau das Richtige sein. Doch Kritiker sehen in solchen Zentren auch Gefahren und befürchten das Aussterben der Einzelpraxen.

Ein großes Team: Die Ärztinnen und Ärzte des MVZ in Bonn. Fotos: Medizinisches Zentrum, Bonn-Friedensplatz
Ein großes Team: Die Ärztinnen und Ärzte des MVZ in Bonn. Fotos: Medizinisches Zentrum, Bonn-Friedensplatz
Von oben hört man das Dröhnen eines Schlagbohrers, auf dem Fußboden ausgebreitet liegen Baupläne. Wer das Büro von Dr. med. Wolfgang Nagel (48) im „Medizinischen Zentrum Bonn-Friedensplatz“ betritt, der merkt schnell: Dieser Mann hat noch viel vor, denn hier wird expandiert. Der Facharzt für Urologie ist einer von vier Ärzten, die das Zentrum betreiben. Mediziner aus zehn Fachbereichen arbeiten hier: Chirurgie, Dermatologie, Gynäkologie, Gefäßchirurgie, HNO, Innere Medizin, Neurologie, Physikalische/Rehabilitative Medizin, Psychiatrie und Urologie. Und das Zentrum wächst weiter. Die letzte von vier Etagen des Gebäudes wird zurzeit ausgebaut. Einziehen soll dort unter anderem eine physiotherapeutische Abteilung.

Die Bonner Einrichtung ist nicht einfach nur ein Ärztehaus wie man es kennt – also eine Ansammlung von Praxen in einem Gebäude. Es handelt sich um ein sogenanntes Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ). 20 Ärztinnen und Ärzte arbeiten hier als Angestellte in einem großen Team. Die Interdisziplinarität ist für Medizinisches Versorgungszentren gesetzlich vorgeschrieben. Doch MVZ heißt nicht nur, dass es viele Fachrichtungen unter einem Dach gibt. Alle wirtschaften in einen gemeinsamen Topf. „Deshalb gibt es wenig Konkurrenzgedanken. Es geht mehr um die Frage: Wer kann dem Patienten am besten helfen“, sagt Nagel.

MVZ Friedensplatz: Mitten in der Bonner City finden Patienten zehn Fachgebiete unter einem Dach.
MVZ Friedensplatz: Mitten in der Bonner City finden Patienten zehn Fachgebiete unter einem Dach.
MVZ fördern den kollegialen Austausch. Das allein hätte sie aber wohl nicht zu einem Erfolgsmodell gemacht. Sie haben knallharte wirtschaftliche Vorteile, die unter wachsendem Kostendruck immer wichtiger werden. Die Ärzte nutzen die Geräte und die Räumlichkeiten gemeinsam. Das spart Geld, und so lohnt sich die Anschaffung modernster Technik, die sich eine Einzelpraxis zum Teil nicht leisten könnte. Beispiel Bonn: Verwandte Fachrichtungen liegen auf der gleichen Etage nahe beieinander. Der Raum für die urodynamischen Untersuchungen liegt zwischen Gynäkologie und Urologie. Ein Gerät für Duplexsonografien verwenden Internisten, Neurologen und Gefäßchirurgen gemeinsam. Das setzt natürlich eine gute Organisation voraus. In jedem Untersuchungszimmer befindet sich daher ein Computer, über den man die Belegung planen und einsehen kann. Auch die Räume für ambulante Operationen werden von den verschiedenen Fachrichtungen gemeinsam genutzt.

Für die Patienten gibt es ebenfalls Vorteile. Das Bonner MVZ hat beispielsweise ein eigenes Röntgengerät. Das heißt, wenn eine i.v.-urografische Aufnahme gemacht werden soll, dann muss der Patient keinen Termin in einer radiologischen Praxis vereinbaren. Stattdessen kann dies innerhalb des Zentrums organisiert werden. Das MVZ ist in Bonn übrigens sehr anerkannt: Es hat den Status eines Akademischen Lehrzentrums und ist damit Partner der Bonner Universitätskliniken. Für Nagel gibt es viele Gründe, die dafür sprechen, in einem MVZ tätig zu sein: „Man arbeitet im Team und hat nicht das zunehmend höhere Risiko der Selbstständigkeit.“ Auch sei es in der Regel kein Problem, in Teilzeit zu arbeiten. Damit habe man in Bonn gute Erfahrungen gemacht.

Über die Arbeitsbedingungen in einem solchen Zentrum kann auch Heinrich Becher (43) nur Positives berichten. Seit fast vier Jahren arbeitet er in einem MVZ im bayerischen Bad Neustadt. Mit den Fachrichtungen Urologie, Gynäkologie und Handchirurgie ist die Interdisziplinarität sicher noch ausbaufähig. Mit den Bedingungen in der Einrichtung ist Becher aber sehr zufrieden. Er könne sich auf seine ärztliche Tätigkeit konzentrieren, müsse sich nicht um die Abrechnung kümmern und auch nicht um die Urlaubsplanung oder Schwangerschaftsvertretungen der Arzthelferinnen. „Der ganze Verwaltungskram fällt weg“, berichtet der Urologe. Als angestellter Arzt hat er ein festes Grundgehalt, hinzu kommen leistungsabhängige Zusatzzahlungen. Wenn Becher Urlaub machen will, dann geht das relativ einfach nach Absprache mit den Kollegen. Der Hauptgrund für den Facharzt, keine eigene Praxis zu eröffnen, war aber die Angst vor Schulden. „Als Einzelkämpfer, das war mir zu riskant“, erklärt der Familienvater. Wenn man eine urologische Praxis übernehme, dann müsse man mitunter viel investieren, um technisch auf dem neuesten Stand zu sein.

„Wir arbeiten im Team und haben nicht das Risiko der Selbstständigkeit.“ Wolfgang Nagel
„Wir arbeiten im Team und haben nicht das Risiko der Selbstständigkeit.“ Wolfgang Nagel
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Das dürfte für viele der Knackpunkt sein, die überlegen, sich selbstständig zu machen. Wer ein guter Arzt ist, muss noch lange kein guter Unternehmer sein. Darüberhinaus gibt es für Ärzte immer viele Faktoren, die sie nicht beeinflussen können: die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen. Und wer nicht kalkulieren kann, tut sich mitunter schwer damit, zu investieren. „Was fehlt, ist die Planungssicherheit für die nächsten Jahre“, sagt auch Becher. Das sei offenbar politisch so gewollt. Den Ärzten wird die Entscheidung für eine Einzelpraxis nicht gerade leicht gemacht. Eine Arbeit als Angestellter in einem MVZ kann für den Einzelnen daher eine gute Alternative sein. Außerdem können sich auch Ärzte zusammenschließen und ein MVZ gründen. Aber bei allen Vorteilen, die solche Einrichtungen für Patienten und Ärzte haben können: Man muss eines wissen: MVZ haben das Gesundheitswesen verändert. Ein gutes Beispiel dafür ist das Zentrum, in dem Heinrich Becher arbeitet. Es ist nicht in ärztlicher Trägerschaft wie das Bonner MVZ, sondern gehört zur Rhön-Klinikum AG, einer privaten Klinikkette. Angesiedelt ist es am Klinikzentrum in Bad Neustadt.

Dass ein MVZ unter ärztlicher Leitung stehen muss, ist gesetzlich vorgeschrieben. Als Gründer kommen neben Ärzten aber auch andere Leistungserbringer (nach dem Sozialgesetzbuch) in Betracht. Das bedeutet: Aldi und Lidl könnten kein MVZ gründen, wohl aber Krankenhäuser, Apotheker, Krankengymnasten und Rehaeinrichtungen. Auch die Techniker Krankenkasse (TK) hat mithilfe eines Betreibers, der HCM Health Care Managers GmbH, schon mehrere MVZ mit dem Namen „Atrio-Med“ eröffnet. HCM unterhält physiotherapeutische, ergotherapeutische und logopädische Praxen und ist als Leistungserbringer zugelassen. Die Marke Atrio-Med gehört der TK.

Für eine Klinikkette wie Rhön sind MVZ eine neue Möglichkeit, in der ambulanten ärztlichen Versorgung tätig zu werden. Denn eigentlich sind die Bereiche ambulant und stationär im deutschen Gesundheitswesen ziemlich strikt getrennt. Rhön ist allerdings nicht nur eine Klinikkette, sondern auch ein börsennotiertes Unternehmen, dessen Erfolg sich auch an der Dividende misst, die es den Aktionären auszahlt. Für die Privatwirtschaft sind MVZ also eine neue Möglichkeit, sich im Gesundheitswesen mehr und mehr auszubreiten. Einzelpraxen könnten es künftig immer schwerer haben. Dr. med. Birgit Hibbeler

MVZ im Überblick
Entweder als angestellter Arzt im Krankenhaus arbeiten oder eine eigene Praxis eröffnen – dazwischen gab es früher nicht viele Möglichkeiten. Doch das hat sich geändert. Heute ist es einfacher für Ärzte, andere Kollegen anzustellen. Seit 2004 kann man außerdem als Angestellter in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) arbeiten. Mittlerweile gibt es rund 1 000 MVZ in Deutschland, in denen etwa 4 500 Ärzte tätig sind. Die meisten MVZ sind in Trägerschaft von Medizinern. Aber auch zum Beispiel Krankenhäuser können solche Zentren gründen.
Weitere Merkmale eines MVZ:
• gemeinsame Räume und Geräte
• verschiedene Fachrichtungen (Pflicht!)
• alle wirtschaften in einen Topf
Ein MVZ ist also etwas anderes als ein Ärztehaus oder eine Gemeinschaftspraxis.

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