ArchivMedizin studieren1/2009Dr. Alemán: Im globalen Selbstfundbüro

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Dr. Alemán: Im globalen Selbstfundbüro

Keidel, Oliver

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Selbsterfahrung, muss der Autor Oliver Keidel feststellen, kann Kollateralschäden hinterlassen. Fotos: TomTrambow
Selbsterfahrung, muss der Autor Oliver Keidel feststellen, kann Kollateralschäden hinterlassen. Fotos: TomTrambow
2006 erhielt Oliver Keidel den deutschen Drehbuchpreis in der Sparte „Unverfilmt“ für sein Szenario „Dr. Alemán“. Darin geht es um einen deutschen Medizinstudenten mit den besten Absichten, um die Absurdität der Fremde und um die Folgen der Selbstfindung. Ein Jahr später wagten die 2pilots Filmproduktion und der Regisseur Tom Schreiber die Verfilmung der Geschichte, die 2008 in den Kinos lief. Der Autor war bei den Dreharbeiten in Kolumbien dabei und steckte plötzlich mittendrin in seiner eigenen Geschichte. Manchmal fragt er sich, ob er daraus eigentlich etwas gelernt hat...

Nach der Rückkehr von einem nur mittelmäßig erfolgreichen und daher geheimen Selbsterfahrungstrip an einen exotischen Ort entwickelte ich eine Faszination für Dr. Walter Jackson Freeman II, den „Henry Ford der Chirurgie“. Der Mann hatte seinerzeit knapp 3 500 Leute lobotomiert, bis zu 25 am Tag. Und war dafür ein Star geworden. Ein bisschen Augenmaß, ein eleganter Zickzackschwung mit dem Eispickel, irgendwo durch präfrontalen Kortex und weiße Substanz, und schon konnte er sich freuen über das „roboterähnliche, kontrollierbare Individuum“ (Freeman). „Lobotomie bringt sie nach Hause“, trompetete er fröhlich. Er meinte die armen Irren, und schloss damit in den 50ern auch Kommunisten und derlei Abnorme ein. Das sollte heute nochmal einer versuchen. Wir scheinen ja inzwischen gewaltig dran zu hängen, an unserem menschlichen – nicht mehr allzumenschlichen – Dingsda, unserem Selbst. Naja, meistens. Nein, fragen Sie nicht nach einer genauen Definition. Denn auch die postlobotomistische Epoche hat ihre Hölle. Um uns dorthin zu bringen, braucht das Selbst nur ein winziges bisschen unbeschäftigte Zeit. Und eine winzig kleine Frage. Nach sich selbst, höchstallerselbst.

Sie kennen das. Als selbstverloren Pubertierender. Später als Möchtegern-Peter-Pan, der die Felle seines beschützten Daseins wegschwimmen sieht. An irgendeinem Morgen, an dem man unverhofft als weiteres Rad am Wagen einer frischgebackenen Familie (oder sonstigen Institution) erwacht. Oder vielleicht eines Tages in irgendeiner schlammigen Pfütze, wo man still liegt und sich fragt, ob dieses Ergebnis den ganzen Zauber wirklich wert war. Die Frage des Selbst nach sich selbst ist unscharf genug, um jede Antwort zuzulassen. Aber wir schließen messerscharf: Wenn die Lobotomie uns nach Hause bringt, dann müssen wir das Selbst wohl in der Fremde suchen.

Mit Rückflugticket oder nicht, das entscheidet jeder nach der gefühlten Dringlichkeit. Ein Auslandssemester. Ein Sabbatjahr. Oder brechen wir doch gleich die Brücken hinter uns ab. Pfeifen wir auf Familie, Pflichten und schlammige Pfützen, täuschen wir unser Ableben vor und kaufen uns eine Fischerhütte an einem exotischen Strand, wo uns niemand je finden wird. Wir wären nicht die Ersten. Wenn alles um uns herum anders wird, muss, was übrig bleibt, wohl unser Selbst sein, nun voll entfaltbar.

Das Ziel heißt also maximale Exotik: Eine Palmeninsel anstelle der fleckigen Fassaden von Essen-Kray. Ein Shoppingcenter in Lower Manhattan, wenn ich aus einem Slum stamme. Oder ein Slum bei den Ärmsten der Armen, wenn mein künstlich gealterter Eichenholzschreibtisch Symbol geworden ist für meinen alltäglichen Brechreiz. Die Westsahara könnte man getrost trostlos finden, aber da gibt es wenigstens keine Bäume, die mir den Blick verstellen auf meinen ganz persönlichen Wald.

Gesagt, getan. Erste Beobachtung: Das Selbst hängt offenbar an einem sehr elastischen Gummiband. In der ersten Zeit in der Fremde bleibt es einfach zu Hause hängen und gibt mir frei. Ich werde übermannt von einer scheinlobotomischen Mischung aus Glückseligkeit und Blödaus- der-Wäsche-Gucken. Ganz angenehm, auch wenn der Frischgelandete so ein ideales Opfer ist für Trickdiebe und heimtückische Liebesschwüre. Die Phase dauert an, bis die aufregende Entfremdung nur noch nach Einsamkeit schmeckt, so arg weit weg von Mutters Herd. Dann schnalzt das Gummiband los, das Selbst bombt sich in die Hirnmitte zurück wie das Geschoss einer Steinschleuder und jammert uns in den präfrontalen Kortex. Zweite Erkenntnis: Das Selbst nervt, denn es ist nie zufrieden. Dieser psychologische Tiefblick hätte zwar auch in der heimischen Küche stattfinden können, aber er führt mit vollem Karacho in die Phase der Selbstauflösung. Allerlei Methoden hierzu sind bekannt, eher softe Verwandte der Lobotomie, mit unterschiedlichen Nebenwirkungen: Selbstreinigung in heilversprechenden Bewegungen jeglicher Couleur, Selbstaufgabe im Namen einer altruistischen Tätigkeit, Selbstverschlingung durch Gründung einer deutschen Würstchenbude in Mekka. Insgeheim sucht das reumütige Selbst dafür meist auch ein wenig Bestätigung. Die es von der im Zweifelsfall eher unsentimentalen Welt aber nur selten erhält.

Wem es gelingt, Tätigkeiten wie die oben genannten auf Dauer auszuführen, ohne in Zynismus und massive Selbstzweifel zu verfallen, der hat das Zeug zum globalen Superstar. Wie einst Freeman mit seinem Eispickel. Für uns andere bleibt die dritte Erkenntnis, mit der wir dann weitgereist dreinblickend heimkehren: Die Suche nach dem Selbst führt zwar nirgends hin, aber Feuer unterm Hintern hat sie uns gemacht.

Womit wir zum täglichen Trott zurückkehren. Und da gelobt und befördert werden, ob der gelassenen Energie, mit der wir nun unseren Krimskrams erledigen. Das nenne ich Fortschritt: Mit gefundenem Selbst und ohne chirurgischen Eingriff – und dennoch ganz im Sinne des alten Dr. Freeman und seinem Traum vom roboterähnlichen Individuum. Oliver Keidel

Oliver Keidel
ist Drehbuchautor und Filmmusiker, geboren 1968 in Essen. Unter anderem schrieb er das Drehbuch zu „Dr. Alemán“ (2008, Regie: Tom Schreiber). Es erzählt die Geschichte eines Medizinstudenten, der in seinem praktischen Jahr in Kolumbien täglich Kugeln aus Teenagerkörpern herauspult: Dr. Alemán auf der Entdeckungsreise in die Welt.
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