ArchivMedizin studieren1/2010Nachwuchsmangel: Beste Perspektiven für Hausärzte

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Nachwuchsmangel: Beste Perspektiven für Hausärzte

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 1/2010: 22

Rieser, Sabine

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In den nächsten 15 Jahren fehlen vermutlich 15 000 Hausärztinnen und Hausärzte. Mit Geld und guten Beispielen will man Studierende für diese unverzichtbare Versorgungsaufgabe gewinnen.

Zupacken und den Beruf mit Leben füllen – das zeigt Dr. med. Antje Bergmann (Mitte) Studierenden. Sie leitet den Lehrbereich Allgemeinmedizin am Dresdner Universitätsklinikum und arbeitet als Hausärztin am dortigen Medizinischen Versorgungszentrum. Fotos aus: „Berufsbild Hausarzt“, Deutscher Hausärzteverband/Agentur 73pro
Zupacken und den Beruf mit Leben füllen – das zeigt Dr. med. Antje Bergmann (Mitte) Studierenden. Sie leitet den Lehrbereich Allgemeinmedizin am Dresdner Universitätsklinikum und arbeitet als Hausärztin am dortigen Medizinischen Versorgungszentrum. Fotos aus: „Berufsbild Hausarzt“, Deutscher Hausärzteverband/Agentur 73pro

Hausärztin zu werden, das ist manchmal ein Prozess wie Liebe auf den zweiten Blick. So bei Dr. med. Barbara Jansen* (41), die ihre allgemeinmedizinische Weiterbildung in einer Landarztpraxis in Sachsen-Anhalt absolviert. Sie arbeitete bereits als fertige Chirurgin in einem Kreiskrankenhaus. Doch als die Klinik privatisiert wurde und sich die Arbeitsatmosphäre änderte, wollte sie weg. „Als Chirurgin hat man nicht so bedingungslos die Möglichkeit, sich niederzulassen“, sagt Jansen. Sie entschloss sich umzusatteln, und zwar zur Allgemeinmedizin: „Ich will mit Patienten arbeiten. Außerdem werden Hausärzte gesucht.“

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Viele ältere Kolleginnen und Kollegen werden in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. In zehn bis 15 Jahren, so die offiziellen Schätzungen, werden deshalb rund 15 000 Nachfolger fehlen. Doch das Interesse an der Allgemeinmedizin ist dürftig. Der Deutsche Hausärzteverband (HÄV) verwies unlängst auf eine Studie des Berliner Universitätsklinikums Charité, wonach sich derzeit nur sieben Prozent der Medizinstudierenden im praktischen Jahr für eine Facharztweiterbildung zum Allgemeinarzt entscheiden.

Viele sehen im Hausarztberuf ein wenig interessantes und kaum lukratives Arbeitsfeld. Dazu kommt, dass sich angehende Allgemeinmediziner ihre Weiterbildung bislang häufig selbst zusammenstoppeln mussten, was Zeit kostete. Und während allgemeinmedizinische Weiterbildungsassistenten im Krankenhaus mit 4 000 Euro nach Tarif bezahlt wurden, gab es bis vor kurzem für die Weiterbildungszeit in einer Praxis meist nur 2 040 Euro monatlich.

Zum Jahresanfang ist jedoch das bundesweite „Förderprogramm Allgemeinmedizin“ verbessert worden. Zudem sollen bis zum 1. Juli 2010 in den Bundesländern Koordinierungsstellen eingerichtet werden, um die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin für den Nachwuchs besser zu strukturieren, ihre Qualität zu evaluieren und Mentoren zu gewinnen, die angehende Hausärzte begleiten (siehe Kasten).

Doch damit nicht genug: Viele Bundesländer begegnen dem drohenden Hausärztemangel noch auf eigene Weise. Das Land Nordrhein-Westfalen zahlt all jenen eine Prämie von bis zu 50 000 Euro, die sich als Hausarzt auf dem Land niederlassen. Infrage kommen derzeit rund 100 Orte im Westen. In Thüringen haben das Land, die Krankenkassen und die dortige Kassenärztliche Vereinigung (KV) vor kurzem eine Stiftung für den hausärztlichen Nachwuchs gegründet. Sie soll Ärzte im praktischen Jahr unterstützen, bedarfsbezogene Weiterbildungen fördern und gegebenenfalls Einrichtungen der KV finanzieren. Und in Sachsen können Medizinstudierende bis zu 600 Euro im Monat als Beihilfe erhalten, wenn sie sich verpflichten, vier Jahre als Hausarzt in einer unterversorgten Region des Landes zu arbeiten.

Hausarzt auf Rädern: Dr. med. Lars Schirmer hat eineWoche nach Abschluss der Weiterbildung eine Praxis übernommen.
Hausarzt auf Rädern: Dr. med. Lars Schirmer hat eineWoche nach Abschluss der Weiterbildung eine Praxis übernommen.

Dazu kommen vereinzelt weitere Angebote: So hat die Rhön-Klinikum AG gerade beschlossen, die Gelder für angehende Allgemeinmediziner aus dem Förderprogramm nicht zu deren regulärer Bezahlung einzusetzen. Dies übernimmt Rhön selbst; die Fördermittel können Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung zum Allgemeinmediziner für zusätzliche Qualifikationen ausgeben. In Baden-Württemberg fördert das Land schon seit 2007 das „Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin“, ein Netzwerk der fünf allgemeinmedizinischen Universitätsstandorte Freiburg, Heidelberg, Mannheim, Tübingen und Ulm.

Darüber hinaus werben erfahrene Hausärztinnen und Hausärzte öffentlichkeitswirksamer als zuvor für ihren Beruf. „Wenn Sie bereit sind, in die ambulante Versorgung zu gehen, finden Sie nahezu paradiesische Zustände vor“, betonte Dr. med. Cornelia Goesmann unlängst beim Kongress „Perspektiven und Karriere“ des Deutschen Ärzte-Verlags. Goesmann ist Vizepräsidentin der Bundes­ärzte­kammer und Hausärztin in einer Gemeinschaftspraxis. Kommunen, KVen und Krankenkassen unterstützten niederlassungswillige Ärzte in ländlichen Gebieten häufig mit Niederlassungsprämien, niedrig verzinsten Krediten oder mietfreien Praxisräumen, hieß es beim Kongress.

Über die Details wissen Medizinstudierende oft wenig. Doch die Weiterbildungszeit kann man nutzen, um sich auf die Selbstständigkeit vorzubereiten. Dr. med. Lars Schirmer (35) hat bereits eine Woche nach dem Ende seiner Weiterbildung zum Allgemeinmediziner seine Hausarztpraxis im Erzgebirge eröffnet. Wie man sie führt und finanziert, das schaute er sich in seiner Lehrpraxis, bei Infoveranstaltungen und Vorbereitungsseminaren ab. Dort hatte er auch Gelegenheit, sich mit Kollegen auszutauschen: „Das hat mir Sicherheit gegeben, und die Begeisterung meiner Kollegen hat mir die Angst vor möglichen Risiken genommen.“

Schirmer ist zufrieden mit der Arbeit, dem Praxisteam und dem Verdienst. „Allerdings sollte man darüber nachdenken, ob und wie man sich mit Kollegen zusammenschließen kann“, findet er. So ließen sich Arbeit und Bürokratiepflichten besser verteilen. Der 35-Jährige hat mit drei Kollegen aus Einzelpraxen ein informelles Netz gegründet, in dem man sich mehrmals jährlich zum Erfahrungsaustausch trifft und ansonsten telefoniert.

Schirmers Erfahrungen und die hausärztlicher Kollegen kann man in der Infobroschüre „Berufsbild Hausarzt“ nachlesen, die der Deutsche Hausärzteverband (HÄV) herausgegeben hat (Bezug: www.hausaerzteverband.de). Sie ist Teil der Kampage „Perspektive Hausarzt“, mit der der Verband mehr Medizinstudierende motivieren möchte, sich für diesen Beruf zu entscheiden. Dazu gehört auch ein Online-Expertenrat für Fragen rund um den Beruf, an den man sich per Mail wenden kann. „Das breite Tätigkeitsspektrum und die Arbeit am und mit dem Patienten sind alles andere als langweilig“, widerspricht Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des HÄV, gängigen Vorurteilen. Und die Verdienstmöglichkeiten würden für angehende Hausärzte im Vergleich zu Fachärzten auch deutlich besser. Sabine Rieser

* Name von der Redaktion geändert


Förderprogramm Allgemeinmedizin:
Verbesserungen sind fest eingeplant


Im Rahmen der neuen „Vereinbarung zur Förderung der Weiterbildung in der Allgemeinmedizin“ können jährlich mindestens 5 000 Stellen in Krankenhäusern und Arztpraxen gefördert werden. Im ambulanten Bereich zahlen Kassenärzt-
liche Vereinigungen und Krankenkassen jeweils 1 750 Euro
je Stelle und Monat. In unterversorgten Gebieten finanzieren sie noch einen Zuschlag von 500 Euro, bei drohender Unterversorgung von 250 Euro.

Im Krankenhaus erhalten allgemeinmedizinische Weiterbildungsassistenten rund 4 000 Euro brutto nach Tarif. Davon zahlen die Kassen für Stellen in der Inneren Medizin und ihren Schwerpunkten pro Stelle 1 020 Euro. 1 750 Euro gibt es in anderen Gebieten der unmittelbaren Patientenversorgung.

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