ArchivMedizin studieren1/2010Psychiatrie: Ungeahnte Vielfalt

Karriere: Die Reportage

Psychiatrie: Ungeahnte Vielfalt

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 1/2010: 10

Gieseke, Sunna

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Nur wenige Medizinstudierende entscheiden sich dazu, Facharzt/-ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie zu werden. Für den Assistenzarzt Berend Malchow zu Unrecht: Für ihn ist die Psychiatrie das interessanteste Fach der Welt.

Die Psychiatrie ist ein spannendes Fach. Im Uni-Kurs von Malchow sind die Studierenden schnell fasziniert von seiner Vielfalt und Komplexität. Fotos: Ronald Schmidt
Die Psychiatrie ist ein spannendes Fach. Im Uni-Kurs von Malchow sind die Studierenden schnell fasziniert von seiner Vielfalt und Komplexität. Fotos: Ronald Schmidt

Die Antwort auf seine Frage kennt er schon. Dennoch fragt der Dozent die etwa 15 Studierenden aus seinem Kurs an der Universität, wer von ihnen Psychiater werden will. Keiner. Nur zwei Studenten sind noch unentschlossen, ob sie nun Neurologe, Dermatologe oder Psychiater werden wollen. Berend Malchow, selbst Assistenzarzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen, bleibt gelassen. Nachvollziehen kann er allerdings nicht, dass sich nur so wenige Studierende der Medizin für dieses Fach interessieren. Er selbst übt diesen Beruf mit Leidenschaft aus. „Ich kenne die Vorbehalte“, sagt der 34-Jährige. „Es heißt, man könne den Patienten nicht helfen, sehe sie immer wieder, werde frustriert und am Ende selbst krank.“ Malchow ist aber gut gelaunt, witzig und sympathisch – das passt so gar nicht in die stereotype Vorstellung, welche die meisten Menschen von einem Psychiater haben. Malchow wehrt sich gegen diese Art der Vorurteile und beweist den Studenten in 45 Minuten Unterricht, dass die Psychiatrie ein spannendes Tätigkeitsfeld ist.

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Mit einem dokumentarischen Film über eine schwerkranke Frau zeigt er den angehenden Medizinern, dass man gerade als Psychiater Patienten sehr gut helfen kann. Eine zunächst völlig verstörte, verängstigte und nahezu regungslose Frau sitzt nach der Behandlung vor der Kamera und kann zumindest von sich erzählen. Sie ist zwar immer noch leicht verwirrt, aber ansprechbar. Vorher hat sie kaum auf die Nachfragen des behandelnden Arztes reagieren können. Malchow diskutiert die mögliche Diagnose mit den Studenten. Katagonische Schizophrenie. Eine Erkrankung, die inzwischen selten geworden sei, aber immer noch vorkomme, erklärt der Assistenzarzt. „Man sollte die auf jeden Fall erkennen können“, mahnt er. „Die Erkrankung kann tödlich verlaufen, da die betroffenen Menschen aufgrund ihrer Unfähigkeit sich zu bewegen völlig dehydrieren.“ Vor dem Unterrichtsraum schreit ein Kind in regelmäßigen Abständen. „Wir sind hier auch an die Kinder- und Jugendpsychiatrie angeschlossen“, merkt Malchow nebenbei kurz an. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und diskutiert weiter mit seinen Studenten. „Schizophrene Menschen sind sehr sensibel. Man sollte aufpassen, was man sagt, auch wenn man meint, sie würden einen nicht registrieren. Normalerweise kriegen sie alles mit.“ Negative Aussagen könnten auch den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen.

Teambesprechung: Täglich stimmt Malchow Diagnosen und Behandlungsstrategien mit der Psychologin und den Pflegekräften ab.
Teambesprechung: Täglich stimmt Malchow Diagnosen und Behandlungsstrategien mit der Psychologin und den Pflegekräften ab.

Der Unterricht gehört zu Malchows festen Aufgaben während seiner Weiterbildung und macht einen wesentlichen Teil seines Tätigkeitsfeldes aus. Besonders spannend findet er seinen Kurs „Psychiatrie im Film“. „Anhand von einigen Filmbeispielen kann man Diagnosen psychischer Erkrankungen erklären“, weiß Malchow. „Das weiße Rauschen“ zum Beispiel, in dem Daniel Brühl einen schizophrenen Aussteiger spielt, hat er dort mit den Studenten besprochen.

Die Visite hat er an diesem Tag bereits abgeschlossen – und das obwohl er sich für jeden Patienten immer viel Zeit nimmt. „Mir ist wichtig, dass die Menschen sich verstanden fühlen.“ Zurzeit ist er auf der Privatstation – hier haben die 19 Patienten nur den Versicherungsstatus gemeinsam. Die Krankheitsbilder der Personen sind auf dieser Station sehr vielseitig: Schizophrenie, Angststörungen, Depressionen. Vorher war Malchow auf der Suchtstation gefordert. Einige Patienten aus dieser Zeit sieht er heute noch.

Die richtige Wahl: Julia Huber, Studierende im praktischen Jahr, bereut ihre Entscheidung für das Fach keineswegs.
Die richtige Wahl: Julia Huber, Studierende im praktischen Jahr, bereut ihre Entscheidung für das Fach keineswegs.

Malchow interessiert sich besonders für das Krankheitsbild der Schizophrenie. Hierüber verfasst er auch derzeit seine Dissertation. „Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man schizophren werden kann. Ich untersuche den Zusammenhang zwischen einer Schizophrenie und dem Konsum von Cannabis.“ Viel Zeit bleibt Malchow für seine Forschung nicht, die Patienten haben für ihn absolute Priorität. Auch nach seinem Kurs ist die Zeit knapp. Sofort eilt er zu seiner Teambesprechung. „Meist gehe ich auch nicht mittagessen. Dafür ist gar keine Zeit“, sagt er. Für seine Patienten ist er jedoch jederzeit ansprechbar. Auf dem Weg trifft er auf eine etwa 50-jährige Frau. Sie sucht das Gespräch, und Malchow macht noch schnell einen Termin mit ihr aus für den späteren Nachmittag. Alle Pflegerinnen und die Psychologin sind bereits da. Malchow wird sofort Mittelpunkt des Gesprächs. Intensiv diskutiert er jeden einzelnen Fall mit seinen Kolleginnen. Der Austausch ist ihm sehr wichtig. Die jeweilige Behandlungsstrategie und eventuelle Ausgehzeiten werden eng mit allen Beteiligten abgestimmt – vor allem aber mit der anwesenden Psychologin. Wichtig sei, dass alle an einem Strang ziehen und man vor allem auch mit den Patienten zusammenarbeite, betont der junge Arzt. Keinesfalls wird den Patienten eine Behandlung aufgezwungen. Der Umgang während der Teambesprechung ist ausgesprochen kollegial und entspannt, alle duzen sich. Viel Trubel gibt es aber auch hier: Das Telefon klingelt, Termine müssen abgestimmt werden – eigentlich ist ständig etwas zu tun. Die Diagnose psychiatrischer Erkrankungen und deren Behandlung, medikamentös, mit Gleichstrom oder auch mit einer Lichttherapie, ist ein Teil der Facharztausbildung.

Aber auch die Psychotherapie gehört dazu. Malchow hat sich dazu entschlossen, sich auf Verhaltenstherapie zu spezialisieren. Als Psychiater hat er zahlreiche psychotherapeutische Gespräche während der Woche, denn die meisten Patienten profitieren von einer stabilen psychotherapeutischen Beziehung. Malchow pflegt – soweit dies möglich ist – einen offenen Umgang mit seinen Patienten. Seine Tür geht auf, und ein Patient sieht herein. Er möchte einen Gesprächstermin mit Malchow abstimmen, auch die Mutter des Patienten soll bei diesem Gespräch anwesend sein. Auf solche Wünsche nimmt Malchow Rücksicht. Mit viel Fingerspitzengefühl muss er immer wieder mit Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten der betroffenen Menschen sprechen. Aber natürlich nur, wenn der Patient diesem zustimmt. „Ich tue nichts, was der Betroffene nicht will“, sagt Malchow. „Ich sehe mich als Advokat des Patienten.“ Die Patienten seien auf der Station in einer besonderen Situation. Aber man könne auch in dieser Ausnahmesituation Rückschlüsse auf das Leben der betroffenen Menschen schließen. „Wer draußen viele Konflikte mit Menschen hat, wird auch hier Auseinandersetzungen mit dem Personal und anderen Patienten haben.“ Dennoch muss man natürlich die Diagnose vorsichtig stellen. Das weiß auch Julia Huber (26), die gerade eine Station ihres praktischen Jahres in der Psychiatrie absolviert und eng mit Malchow zusammenarbeitet. „Ich finde den Beruf sehr spannend. Man muss in der Dia-gnose viel genauer sein, kann Unsicherheiten nicht so gut verstecken wie in anderen Fächern“, erklärt die junge Frau. Sie genießt es, dass sie auf dieser Station viel Zeit hat, sich mit den Patienten wirklich auseinanderzusetzen. „Zudem behandelt man den ganzen Patienten“, erklärt Huber. Man könne den Menschen wirklich helfen. „Und das ist für mich die beste Motivation.“ Das Spannende
seien die Biografien der Menschen. „Warum wird ein Mensch krank, der andere nicht?“

Zeit, Zuhören und Verständnis: Psychotherapeutische Sitzungen nehmen großen Raum in Malchows Tätigkeit ein.
Zeit, Zuhören und Verständnis: Psychotherapeutische Sitzungen nehmen großen Raum in Malchows Tätigkeit ein.

Malchow muss derweil schon wieder weiter. Er hat noch einen Termin mit einer schizophrenen Patientin. Um 17.30 Uhr noch einen Telefontermin. Zusammen mit seinem Chefarzt soll eine Strategie entwickelt werden, wie man bundesweit mehr Studierende für das Fach der Psychiatrie gewinnen kann. „Leider haben wir Nachwuchssorgen“, sagt Malchow. „Viele Stellen an den Universitäten sind nicht besetzt. Junge Ärzte haben viele Möglichkeiten.“ Die meisten Studenten könnten sich allerdings gar nicht wirklich vorstellen, was ein Psychiater eigentlich den ganzen Tag macht. Das Interessante an diesem Tätigkeitsfeld seien die vielen Schnittstellen zu anderen Fächern. „Wir haben mit politischen Entscheidungen zu tun, müssen uns ethische und philosophische Fragen stellen, arbeiten eng mit Neurologen, aber auch der Justiz zusammen.“ Darüber hinaus würden die Heilungsmethoden immer besser werden, die bildgebenden Verfahren genauer und die Psychotherapie immer fokussierter. Einen spannenderen und vielseitigeren Beruf gibt es seiner Meinung nach gar nicht. Dabei ist er selbst auf Umwegen dazu gekommen. Er ist sich sicher: Man muss nicht als Psychiater geboren werden. Jeder Medizinstudierende kann die Fähigkeiten, die man für diesen Beruf braucht, erlernen. Aber nun muss er los: Der nächste Termin ist fällig. „An solchen Tagen wie heute bringt mir mein Beruf am meisten Spaß.“ Sunna Gieseke

Die Facharztweiterbildung

Wer nach einem absolvierten Medizinstudium als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie arbeiten möchte, muss eine fünfjährige Weiterbildungszeit absolvieren. Diese besteht aus:

– einem Jahr Neurologie grundsätzlich im Stationsdienst

– einer vierjährigen Tätigkeit in der Psychiatrie und Psychotherapie, davon drei Jahre Stationsdienst; anrechenbar sind: Ein Jahr Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie oder psychosomatische Medizin oder ein halbes Jahr Innere Medizin und Allgemeinmedizin oder Neurochirurgie oder Neuropathologie.

Um sich zur Facharztprüfung anzumelden, müssen diagnostische Fähigkeiten sowie Teilnahmen an bestimmten Kursen, zum Beispiel an Balint-Gruppen, nachgewiesen werden. Darüber hinaus gibt es einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie.

Fachorganisationen: Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP), Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde (DGPPN).

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