ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2011Gesundheitsfachberufe: Drang zu akademischer Ausbildung

THEMEN DER ZEIT

Gesundheitsfachberufe: Drang zu akademischer Ausbildung

Dtsch Arztebl 2011; 108(1-2): A-30 / B-22 / C-22

Billig, Michael

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Im Wintersemester 2010/11 hat die Hochschule für Gesundheit in Bochum den Lehrbetrieb aufgenommen. Foto: Michael Billig
Im Wintersemester 2010/11 hat die Hochschule für Gesundheit in Bochum den Lehrbetrieb aufgenommen. Foto: Michael Billig

Modellklauseln gestatten es den Bundesländern, die Gesundheitsberufe auf die akademische Ebene zu befördern und neue Ideen für die Ausbildung umzusetzen.

Auf Ärzte kommt ein neuer Typ von Mitarbeiter zu. Der soll ihnen Arbeit abnehmen und vor allem helfen, die Qualität der gesundheitlichen Versorgung zu verbessern. Gemeint sind Logopäden, Physiotherapeuten, Hebammen, Ergotherapeuten und Pflegefachkräfte, die zunehmend über eine akademische Ausbildung verfügen.

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„Es gibt ein großes Interesse an einem Studium der Gesundheitsberufe. Das müssen wir positiv gestalten“, sagt etwa der Gelsenkirchener Gesundheitsökonom Dr. Josef Hilbert. Recht geben ihm die Bewerberzahlen an der neu gegründeten Hochschule für Gesundheit (HSG) in Bochum. Dort bewarben sich 2 000 junge Menschen für einen der fünf Bachelorstudiengänge. Physiotherapie, Logopädie, Hebammenkunde, Pflege und Ergotherapie standen zur Wahl. Mit 200 Studierenden hat die HSG, die den Rang einer Fachhochschule hat, in diesem Wintersemester den Lehrbetrieb aufgenommen. Sie ist die erste und bislang einzige staatliche Einrichtung ihrer Art. Das Besondere und vor allem Neue in Bochum: Das Studium führt sowohl zur Berufszulassung als auch zu einem akademischen Grad. Möglich machen das sogenannte Modellklauseln in den Berufsgesetzen, die der Deutsche Bundestag im Juli 2009 verabschiedet hat. Sie erlauben den Bundesländern, die Ausbildung für Gesundheitsberufe probeweise in die Hände der Hochschulen zu legen. Für den Beruf der Pflege gibt es diese Möglichkeit bereits ein paar Jahre länger.

Pflege oder Physiotherapie studieren – daran war in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern lange Zeit überhaupt nicht zu denken. Die Akademisierung dieser Berufe setzt in Deutschland in den 1990er Jahren langsam ein. Bis heute erlangten etwa 1 000 Physiotherapeuthen einen Bachelorabschluss. Sie haben das Studium entweder berufsbegleitend oder integriert in eine Ausbildung absolviert. Für Physiotherapie gibt es bundesweit mittlerweile 23 Studiengänge an ebenso vielen Hochschulen. Gänzlich an der Hochschule angekommen sind die Gesundheitsberufe aber erst in diesem Wintersemester, und zwar in Form sogenannter grundständiger Studiengänge.

Infolge der Modellklauseln können erstmals Hochschulen die Trägerschaft für die Ausbildung allein übernehmen. Neben Bochum macht davon bisher eine Handvoll privater Anbieter Gebrauch. Die Berufsverbände gehen davon aus, dass weitere Hochschulen nachziehen werden.

„Die Absolventen haben ein wissenschaftsbasiertes Verständnis für Therapien, sie können diese reflektieren und finden leichter Zugang zu Fachliteratur“, nennt Angelika Heck-Darabi vom Deutschen Verband für Physiotherapie als Vorteile eines Studiums. Für Physiotherapeuten sieht Heck-Darabi anschließend verschiedene Berufschancen. Sie könnten ein Masterstudium anschließen, um später in Forschung und Lehre tätig zu werden, oder an die Behandlungsbank zurückkehren.

Die Hochschule für Gesundheit will vorrangig für die Arbeit mit den Patienten ausbilden. „Wir wollen die Qualität der professionellen Arbeit und damit die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung verbessern“, umreißt Prof. Dr. Anne Friedrichs, Präsidentin der neuen Hochschule in Bochum, das Vorhaben. Friedrichs ist davon überzeugt, dass die klassische Ausbildung allein den aktuellen und künftigen Anforderungen an die Gesundheitsberufe nicht mehr genügt. Fragen rund um die Gesundheit und die Patientenversorgung würden immer komplexer. Mit Schlaganfallpatienten etwa arbeiteten nicht nur Ärzte, sondern auch Pfleger, Logopäden und Physiotherapeuten. Und zu den häufigsten Ursachen von Behandlungsfehlern gehörten nun einmal Kommunikationsprobleme zwischen den unterschiedlichen Berufsgruppen, sagt Friedrichs. „Die Kommunikationsfähigkeit muss trainiert werden. Deshalb gestalten wir das Studium interprofessionell“, betont die Präsidentin.

Die Einschätzung, dass die Anforderungen an die Gesundheitsberufe deutlich gewachsen sind, teilen auch die, die das studierte Personal einstellen sollen. „Schwestern und Pfleger müssen bei der Aufnahme eines Patienten schon an die Entlassung und die Nachversorgung denken“, erläutert Dr. med. Hans-Jürgen Hennes, Geschäftsführer am Katholischen Klinikum in Mainz. Mitarbeiter mit Verständnis für den Arbeitsablauf, die Organisation und das Projektmanagement seien mehr und mehr gefragt. Ihnen winken Hennes zufolge Positionen in der mittleren Leitungsebene einer Klinik.

„Um dem Fachkräftemangel in der Pflege entgegenzuwirken, brauchen wir Karriereperspektiven für diesen Beruf“, sagt Gesundheitsökonom Hilbert. Er geht noch einen Schritt weiter als Hennes und hält es für möglich, dass die Pfleger von morgen Ärzte entlasten und mancherorts sogar den Ärztemangel kompensieren können. Prof. Dr. Renate Stemmer, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft, erklärt, wie das aussehen könnte. „Das Pflegefachpersonal kann unter anderem Aufgaben im präventiven Bereich übernehmen“, sagt sie und denkt dabei an die gesundheitliche Versorgung chronisch kranker Menschen. Konkret vorstellbar sei beispielsweise, dass die Pflegefachkräfte bei Diabetespatienten die Insulingabe steuerten.

Als Dekanin an der Katholischen Fachhochschule (KFH) Mainz macht sich Renate Stemmer ebenfalls für eine Akademisierung der Gesundheitsberufe stark. An der KFH gibt es seit zwei Jahren den Bachelorstudiengang „Gesundheit und Pflege“. Der richtet sich nicht nur an Pflegefachkräfte, sondern auch an Logopäden, Physiotherapeuten und Hebammen. Wer das Studium in der Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz aufnehmen möchte, muss allerdings eine Ausbildung in einem der Gesundheitsberufe abgeschlossen oder zumindest begonnen haben. Das ist ein großer Unterschied zur HSG in Bochum. Dort läuft es genau umgekehrt. Die Bewerber wenden sich an die Hochschule und werden für den praktischen Teil der Ausbildung weitervermittelt. Circa 100 Kooperationspartner, von kleinen Praxen bis zu großen Kliniken, haben die Bochumer für dieses Modell gewinnen können. Wer im Fach Pflege für das Studium angenommen wird, hat den Ausbildungsvertrag gleich samt monatlicher Vergütung in der Tasche. Nach einem Theoriesemester im Hörsaal ruft die Praxis.

Theorie und Praxis in Einklang zu bringen, stellt die Hochschulen bei der Entwicklung neuer Studiengänge vor große Schwierigkeiten. „In der praktischen Ausbildung dürfen wir nicht abweichen von dem, was die Berufsgesetze vorsehen“, sagt HSG-Präsidentin Friedrichs. Das heißt: Studierende sind verpflichtet, wie Schüler einer Fachschule je nach Beruf bis zu 3 000 Praxisstunden abzuleisten. „Das ist mit einem wissenschaftlichen Studiengang nur mit großer Mühe zu vereinbaren“, weiß Friedrichs – und sieht Handlungsbedarf. Die Berufsgesetze seien in Teilen antiquiert, argumentiert sie. In der Logopädie etwa stammten die Paragrafen aus dem Jahr 1973. „Langfristig hoffen wir, dass wir mehr Freiheit bekommen“, betont Friedrichs.

Die Modellklauseln gestatten es den Bundesländern, die Gesundheitsberufe auf die akademische Ebene zu befördern und neue Ideen für die Ausbildung umzusetzen. Doch wegen der eingeforderten Zahl an Praxisstunden sind die Grenzen eng gesteckt. „Ich denke, dass man eine gute Ausbildung auch mit weniger Praxis machen könnte“, sagt Friedrichs. Das zeigten Länder wie die Schweiz, Österreich und die USA, wo Gesundheitsberufe längst an den Hochschulen zu Hause sind.

Wie es in Deutschland mit der Akademisierung weitergeht, entscheidet sich in den nächsten Jahren. Modellstudiengänge wie die in Bochum sind zeitlich bis 2017 begrenzt. Bis dahin kommen sie beim Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium auf den Prüfstand, und es wird sich zeigen, ob die akademische dauerhaft eine sinnvolle Ergänzung zur berufsschulischen Ausbildung ist.

Michael Billig

Ärzteschaft übt Zurückhaltung

Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hält eine generelle Akademisierung der Gesundheitsberufe für nicht erforderlich, nicht zuletzt mit Blick auf die hohe Fortbildungsbereitschaft in dieser Berufsgruppe. Bereits heute gebe es dort eine kontinuierliche wissenschaftliche Bewertung von Therapiekonzepten. Die deutsche fachschulische Ausbildung entspricht nach Auffassung der BÄK einem Niveau, das zum Teil im europäischen Ausland wegen anderer Bildungssysteme akademisch sei.

Trotz einer anderen, historisch gewachsenen Struktur sei die Ausbildungsqualität deutscher Gesundheitsfachberufe im internationalen Vergleich absolut vergleichbar und anerkannt. Eine Richtlinie des Europäischen Parlaments (2005/
36/EG) regele im Übrigen eindeutig die gegenseitige Anerkennung der im Gesetzentwurf genannten Ausbildungen.

Eine akademische Qualifikation dürfe kein Selbstzweck sein, betont die BÄK, sondern müsse aus einem Versorgungsbedarf abgeleitet sein, mit dem Ziel, diesen zu optimieren. Es müsse geklärt werden, ob für einen solchen Bedarf eine partielle Qualifizierung der Berufsangehörigen in bestimmten Funktionen ausreiche oder ob eine generelle Akademisierung angestrebt werde. TG

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