ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2011Die Medizinschule von Salerno: Weg zur Wissenschaft

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Die Medizinschule von Salerno: Weg zur Wissenschaft

Dtsch Arztebl 2011; 108(1-2): A-50 / B-40 / C-40

Goddemeier, Christof

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Bereits im zehnten Jahrhundert entwickelt sich am Rande der Kathedralschule ein medizinisches Zentrum, das in ganz Europa einen guten Ruf genießt.

Die Schule von Salerno aus dem Kanon des Avicenna: Der persische Gelehrte verfasste sein Werk Anfang des elften Jahrhunderts. Foto: Wikipedia
Die Schule von Salerno aus dem Kanon des Avicenna: Der persische Gelehrte verfasste sein Werk Anfang des elften Jahrhunderts. Foto: Wikipedia

Wann genau die Medizinschule in der einstigen römischen Hafenstadt Salernum ihren Ursprung hat, ist nicht bekannt. Seit dem neunten Jahrhundert sind in Salerno Ärzte bezeugt. Im zehnten Jahrhundert entwickelt sich am Rande der Kathedralschule ein medizinisches Zentrum, das in ganz Europa einen guten Ruf genießt. Um 970 reist der französische Bischof Adalbero II. nach Salerno, um sich dort Rat zu holen, wahrscheinlich wegen eines Harnsteinleidens. Die dortigen Ärzte können bereits Operationen an der Harnblase vornehmen.

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Im frühen Mittelalter ist die wissenschaftliche Medizin im westlichen Abendland über Galens Zusammenfassung der griechischen Medizin nicht hinausgelangt. Das Wissen findet seinen Weg in die Gesundheitspflege über die Skriptorien der Klöster. Es speist sich vor allem aus Übersetzungen, deren Grundlage oft nicht die führenden Werke der Antike selbst bilden, sondern byzantinische Auszüge oder selbstständige Texte, die in einem vulgären Latein verfasst sind. Erklärbar ist dieser Niedergang zum Teil damit, dass die Medizin im frühen Mittelalter nicht zu den artes liberales, den freien Künsten, und somit nicht zum Lehrkanon gehört. Die sieben artes liberales gliedern sich in das Trivium aus Grammatik, Rhetorik und Dialektik und das Quadrivium aus Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik. Sie bilden seit dem sechsten Jahrhundert die Grundlage des Unterrichts an Kloster- und Domschulen. Die Medizin wird meist als praktisch ausgerichtete, mechanische Kunst angesehen, die sich am Nützlichkeitsprinzip orientiert. Forschung hat keine besondere Bedeutung.

Arabische Einflüsse

Gegenüber der westlichen Medizin adaptiert der arabische Kulturkreis das antike Wissen rascher. So erlebt die Medizin, ausgehend von Übersetzungen des griechischen Schrifttums, in Bagdad, Turkestan und Nordafrika bereits vom neunten Jahrhundert an eine Blüte. Im elften Jahrhundert erkennt der salernitanische Arzt und Theologe Alphanus die Bedeutung der arabischsprachigen Medizin für die sich entwickelnde Medizinschule und verfertigt erste Übersetzungen. In seiner Übertragung einer Schrift des griechischen Kirchenvaters Nemesios von Emesa (viertes Jahrhundert) schafft er eine medizinische Fachsprache, die erstmals nach Jahrhunderten wieder Abstraktion ermöglicht. Alphanus empfiehlt dem Abt des Benediktinerklosters Montecassino einen Mann, der die Übersetzung orientalischer Werke ins Mittellateinische wesentlich vorantreibt: Constantinus Africanus.

Bereits im zehnten Jahrhundert wird in Salerno auf hohem Niveau Medizin gelehrt. Hundert Jahre später verbindet die Medizinschule als erste in Europa eine geregelte ärztliche Ausbildung mit einem öffentlichen Gesundheitswesen. Ärzte, die an der Schule lehren, haben oft auch staatliche Ämter inne. Man entwickelt neue Lehrmethoden wie den Kommentar und das Streitgespräch. Im zwölften Jahrhundert findet die Medizin zusammen mit den Fächern Wetterkunde und Physik einen Platz in der Naturwissenschaft. In Salerno entsteht das Bild des gelehrten Praktikers, der erst nach den Ursachen einer Erkrankung sucht und dann behandelt. Ohne theoretische Kenntnisse ist man einfacher Wundarzt und darf sich nicht „practicus“ nennen.

Neben Anatomie und Chirurgie, Diätetik und Hygiene entstehen in Salerno bedeutende Werke zur Arzneimittellehre. Ein pharmazeutisches Standardwerk der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts ist das „Antidotarium“ von Nicolaus von Salerno. Er reduziert die Anzahl der Präparate und schlägt ein einheitliches Gewichtssystem zur Portionierung von Arzneimittelbestandteilen vor. 1317 vollendet Matthaeus Silvaticus sein „Opus pandectarum medicinae“, ein Lexikon der Heilmittel aus einem einzigen, meist pflanzlichen Wirkstoff. Da ist der Stern der Medizinschule bereits gesunken. Zwar besteht die Universität in Salerno bis 1812, doch im Zuge weiterer Universitätsgründungen in Europa verliert sie den Anschluss und verschmilzt mit der Universität von Neapel.

Christof Goddemeier

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