ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2011Roman: Eine Parabel über das Böse

KULTUR

Roman: Eine Parabel über das Böse

Dtsch Arztebl 2011; 108(1-2): A-51 / B-41 / C-41

Voss, Walter-Friedrich

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Nun ging der Literatur-Nobelpreis wieder einmal nicht an ihn, und Peter Handke wird sich vielleicht in seinem abschätzigen Urteil über den großen Philip Roth, „er sei letzten Endes nur ein Conferencier“ („Zeit“, Ausgabe 48/2010), bestätigt fühlen. Aber die Roth-Gemeinde trauert zu Recht über eine vorenthaltene Ehrung. Sie argwöhnt, dass Nemesis, die Göttin der Vergeltung, dem Roman, der ihren Namen trägt, entstiegen sein könnte, um dem Autor Philip Roth die Leviten zu lesen; hört er doch nicht auf, seinem gebeutelten Land eine Abfolge verstörender Geschichten zu erzählen, die alle im Mahlstrom von Verfall und existenzieller Sinnlosigkeit zu enden scheinen, während man sich sonst eifrig auf tea parties und in gläubigen Netzen um positive thinking und Erweckung zum rechten Glauben bemüht.

Ein unwillkommener Bote der Düsternis

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„Nemesis“ also – der neueste Roman von Philip Roth und der vierte in einer Reihe, die man jetzt als ein Quartett verstehen kann. Nemesis entfaltet sich hier aus der Handlung als eine absurde Schuldaneignung. Zugleich hängt Nemesis wie ein Damoklesschwert über dem Roman und einem Autor, der dem American dream nicht seine Reverenz erweist und es in Kauf nimmt, als Bote der Düsternis nicht bejubelt und einem Komitee nicht vorgeschlagen zu werden. Nemesis mag schließlich auch als eine Parabel über das Böse gelesen werden: Wie aus dem Nichts tritt es in die Gesellschaft ein und verbreitet sich nach heimtückischen Gesetzen, in seiner Vernichtungskraft unberechenbar.

Die Handlung spielt im Sommer 1944 im tropenheißen Newark und in den kühlen Hügeln der Poconos, USA. Bucky Cantor ist 23 Jahre alt, Sportlehrer, doch mit dem human stain schlechter Augen versehen, weshalb er zu seinem Leidwesen am Krieg nicht teilnehmen darf. So ist er in seinem Beruf nun ganz besonders engagiert: immer hilfsbereit, kraftvoll, mutig, diszipliniert – perfektes Produkt der großväterlichen Erziehung zur Härte. Als eine Polioepidemie ausbricht und schließlich auch die ihm anvertrauten Schüler erfasst, stellt er sich der Herausforderung wie ein Held.

Seiner Freundin Marcia gelingt es jedoch, ihm einen Job in ihrer Nähe in einem Ferienlager zu verschaffen – in den Hügeln der vermeintlich poliosicheren Poconos, aber er folgt dieser Verlockung nur zaudernd und voller Schuldgefühle. Doch macht die Krankheit auch vor dieser Fluchtburg nicht halt, und schließlich infiziert sich auch Bucky. Zum Schuldgefühl des Deserteurs tritt nun das Schuldgefühl des Überträgers, und diese Schuldgefühle lasten schwer auf ihm – und sind doch gänzlich unbegründet.

Mehr als 25 Jahre später begegnet der Ich-Erzähler des Romans, ein ehemaliger Schüler von Bucky, seinem playground director zufällig auf einer Straße in Newark. Er trifft auf einen körperlich und seelisch ruinierten, zutiefst verbitterten Menschen, not just crippled physically by polio but no less demoralized by persistent shame und umgeben von einer aura of ineradicable failure. Marcias Wunsch, sie trotz des schlimmen Krankheitsausgangs zu heiraten, hatte er damals hart zurückgewiesen, um der Zukunft seiner Freundin nicht diese Last aufzubürden. Sein Leben ist jetzt zu einer einzigen Gottesanklage geronnen, sein Gott a sick fuck and an evil genius. Gänzlich unvorstellbar ist ihm der Gedanke, die Epidemie sei nichts als eine Tragödie gewesen, desperately kann er ohne einen tieferen Grund, ohne eine Selbstbestrafung, ohne eine Schuld nicht leben; eine childish religious interpretation, wie der Erzähler anmerkt. Er kann es einfach nicht, es entspricht ihm nicht. Eine Leichtigkeit des Seins ist ihm nicht möglich, Sorglosigkeit, Humor, Ironie etwa, sie sind ihm fremd, Pflichterfüllung hingegen ist ihm auferlegt, Schuld ihm unausweichlich zugewiesen, und sei ihre Herkunft noch so absurd. So könnte man auch sagen, in einer Umkehr von Camus’ Mythos: Man muss sich Bucky als einen Verdammten vorstellen.

Aus der Heiterkeit des Alltags sickert Böses in die Welt

Der Roman schließt mit einer nostalgischen Erinnerungspassage, in der uns Bucky in seinem Lebensaufbruch noch einmal vor Augen tritt: der Athlet, Meister, Mentor. Der unbesiegbare Held.

„Nemesis“ hat einen flüssigen, leichten Erzählduktus, der fast ein wenig plaudernd daherkommt. Hier könnte man tatsächlich an Handkes Conferencier denken. Es ist aber anders. Diese gelassene Erzählweise entspricht vollkommen dem Inhalt. Aus der Heiterkeit eines Alltags sickert Böses in die Welt hinein und nimmt das Leben mit. Die Dramatik kauert hinter dem ruhigen Rapport. Wir erfahren von Hiob, im Berichtmodus.

Walter-Friedrich Voss

Philip Roth: Nemesis. Hanser, München 2011, 224 Seiten, kartoniert, 18,90 Euro

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