ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2011PID: Ethische Grundsätze missachtet
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Beim Lesen Ihres Artikels läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Hier wird ein Vokabular verwandt, das eine political Correctness suggeriert, hinter der sich aber ein Abgrund kalter menschenverachtender Ausdrucks- und Denkweise verbirgt. Wie soll man etwa die Formulierung „Erzeugung von Rettungsgeschwistern“ verstehen. Das ist eine harmlose Umschreibung von Menschen zweiter Klasse, die nur als lebendes Ersatzteillager gezüchtet werden sollen, die im eigentlichen Sinne keine Individuen mit Lebensrecht und Menschenwürde sind und nur dazu dienen sollen, Menschen erster Klasse einen Anspruch auf ein gesundes Leben auf deren Kosten zu ermöglichen. Die Grenze zwischen „wertem“ und „unwertem Leben“ ist bei solchen Formulierungen bereits überschritten . . .

Offensichtlich ist bei der Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik (PID) einigen sogenannten Fachleuten/Meinungsführern der ethische Blick über den Tellerrand bei ihrer reproduktionsmedizinischen (was produziert hier eigentlich ein Mediziner?) Arbeit verloren gegangen.

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Die Profite, die heute schon mit den durchgeführten Schwangerschaftsinduktionsverfahren erzielt werden, stehen im krassen Widerspruch zu einer Erfolgsquote von lediglich 17,5 Prozent! Prüft man dann noch nach, wie gesund die so gezeugten Kinder im Verhältnis zum Bevölkerungsdurchschnitt sind, relativiert sich der „Erfolg“ noch deutlicher.

Aber mengenmäßig wurde hier ein bisher noch relativ kleines Klientel bedient. Mit Zulassung und Einführung der PID wird ein viel größerer Interessenkreis anvisiert mit noch höheren Gewinnaussichten. Ethische Grundsätze scheinen in den Köpfen der Kollegen, die schon in den Startlöchern sitzen, nicht in dem erforderlichen Maß vorzukommen.

Den absoluten Vogel schießt der PID-Pro-Anwalt Prof. Dr. med. Klaus Diedrich in seinem Kommentar ab: „Die Schwangerschaft auf Probe kann abgelöst werden durch Zeugung auf Probe.“ Schwangerschaft ist Schwangerschaft, und Zeugung eines Menschen ist Zeugung eines Menschen. Jeder noch so dumme Teenager weiß schon, ein bisschen schwanger auf Probe gibt es nicht. Hier wird vorgegaukelt, mit der PID würde Gutes für die Menschheit getan und Schlechteres verhindert. Auch kranke Menschen haben ein Recht auf Leben. Was bitte sollen dann „qualitativ hochwertige Embryonen“ sein, wer maßt sich an zu bestimmen, was „Qualität eines Embryos = Menschen“ ist? Das entmenschlichte Vokabular entlarvt die wahre Absicht, die Verwirklichung des perfekten Designermenschen. Da möchte man erst gar nicht auf ihre Taten warten.

Da kann man sich nur ethisch reife und verantwortungsvolle Politiker wünschen, die sich nicht von irregeleiteten medizinischen Lobbyisten die Gesetzesfeder führen lassen und diesem Begehren ein entschiedenes Veto entgegensetzen . . .

Bruno v. Bornhaupt, Akademische Lehrpraxis der Universität zu Köln für den Lehrstuhl Allgemeinmedizin, 50931 Köln

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