ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2011Pädiatrie/Familienmedizin: Konsens über Säuglingsernährung

MEDIZINREPORT

Pädiatrie/Familienmedizin: Konsens über Säuglingsernährung

Dtsch Arztebl 2011; 108(1-2): A-38 / B-29 / C-29

Koletzko, Berthold

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Im Netzwerk Junge Familie arbeiten Institutionen oder Multiplikatoren aus den Bereichen Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit und Familie zusammen. Ergebnis sind gemeinsame Empfehlungen zur Säuglingsernährung, die Klarheit schaffen.

Foto: Fotolia
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Die teilweise unterschiedlichen Empfehlungen, wie Säuglinge optimal ernährt werden sollten, haben in der Vergangenheit Mütter und junge Familien verunsichert. Deshalb hat es das Netzwerk Junge Familie als seine vordringliche Aufgabe angesehen, sich auf einheitliche Botschaften zur Säuglingsernährung und Ernährung der stillenden Mutter zu verständigen. Ziel war es, einen Konsens zwischen allen Netzwerkpartnern zu erarbeiten als Basis für eine klare, anwendungsorientierte und alltagsbezogene Kommunikation über dieses Thema. Im nächsten Jahr werden einheitliche Empfehlungen für die Ernährung in der Schwangerschaft folgen.

Die Kernaussagen betreffen unter anderem das Stillen.

Das ausschließliche Stillen ist die beste Form der Ernährung für gesunde Säuglinge in den ersten Lebensmonaten. Das erste Anlegen an der Brust sollte wenn möglich innerhalb der ersten zwei Stunden nach der Geburt erfolgen.

Im ersten Lebenshalbjahr sollten Säuglinge gestillt werden, mindestens bis zum Beginn des fünften Monats ausschließlich. Das gilt auch für Kinder mit erhöhtem Allergierisiko.

Auch nach Einführung der Beikost – spätestens mit Beginn des zweiten Lebenshalbjahres – sollten Säuglinge weiter gestillt werden. Die Stilldauer insgesamt bestimmen Mutter und Kind.

Säuglingsanfangsnahrungen können nach Bedarf des Kindes gefüttert werden. Wenn nicht oder nicht voll gestillt wird, soll der Säugling eine industriell hergestellte Säuglingsmilchnahrung erhalten. Vorteile der Zugabe von Pro- und Präbiotika zur Säuglingsnahrung sind derzeit nicht zweifelsfrei erwiesen.

Die Säuglingsmilchnahrung soll nicht aus Milch oder anderen Rohstoffen selbst hergestellt, sondern fertig gekauft werden. Gründe sind die hohe renale Molenlast einer mit Kuhmilch selbst hergestellten Säuglingsmilch, ein unausgewogener Nährstoffgehalt und ein erhöhtes Risiko für Magen-Darm-Infektionen. Die Säuglinge gedeihen mit einer selbst hergestellten Milchnahrung nicht so gut. Die gilt für Milch aller Tierarten und für andere Rohstoffe wie Mandeln und Soja. Trinkwasser aus der Leitung eignet sich für die Zubereitung von Säuglingsmilchnahrung; es sollte selbst erwärmt und nicht warm aus der Leitung genommen werden. Boiler sind hygienisch problematisch.

Bei einem Allergierisiko sollten nicht oder nicht voll gestillte Säuglinge, deren Eltern oder Geschwister von einer Allergie betroffen sind, im ersten Lebenshalbjahr eine HA-Säuglingsnahrung (hypoallergene Nahrung) erhalten (mindestens bis zum Beginn des fünften Monats). Säuglingsnahrungen auf der Basis von Sojaeiweiß, Ziegen-, Stuten- oder einer anderen Tiermilch sind nicht zur Allergievorbeugung geeignet.

Beikost sollte frühestens mit Beginn des fünften Monats, spätestens mit Beginn des siebten Monats eingeführt werden. Auch nach der Einführung der Beikost sollte weiter gestillt werden.

Erwünscht ist eine Abwechslung durch Variation der verwendeten Beikostzutaten (unterschiedliche Gemüse- und Obstarten; kleine Mengen Nudeln beziehungsweise andere Getreideprodukte, vorzugsweise aus Weizen, im Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei; gelegentlich auch fettreicher Fisch anstelle von Fleisch).

Der Ernährungsplan gilt auch für Kinder mit erhöhtem Allergierisiko. Die Meidung oder spätere Einführung von häufig allergieauslösenden Lebensmitteln bietet keinen Schutz vor Allergien.

Trinkmilch (Kuhmilch) sollten Kinder im ersten Lebensjahr nur in kleinen Mengen (wie zur Zubereitung eines Milch-Getreide-Breis) erhalten. Erst gegen Ende des ersten Lebensjahres sollten sie Kuhmilch trinken, und zwar aus einem Becher oder einer Tasse bei Brotmahlzeiten.

Zusätzliche Flüssigkeit benötigt das Baby erst, wenn der dritte Beikostbrei (Getreide-Obst-Brei) eingeführt ist. Das Getränk sollte bevorzugt aus einem Becher oder einer Tasse gegeben werden.

Das beste Getränk für das Baby zusätzlich zur Milchernährung ist Trinkwasser (Leitungswasser). Jeder Säugling braucht Vitamin K, Vitamin D und Fluorid.

Für die Ernährung der stillenden Mutter ist es wichtig, dass die Frauen sich abwechslungsreich und ausgewogen ernähren und regelmäßig essen. Stillende Frauen sollten keine Reduktionsdiäten durchführen, also nicht durch Kalorienrestriktion gezielt abnehmen.

Diätetische Einschränkungen für die Mutter in der Stillzeit haben keinen erkennbaren Nutzen für eine Allergieprävention beim Kind und werden nicht empfohlen, zumal sie das Risiko einer unzureichenden Nährstoffversorgung bergen.

Stillende Frauen sollten nach Möglichkeit zweimal wöchentlich Seefisch essen, davon mindestens einmal wöchentlich fettreichen Fisch (Hering, Makrele, Lachs, Sardine).

In Bezug auf Genussmittel ist für die Mutter in der Stillzeit äußerste Zurückhaltung geboten. Stillende Frauen sollen Alkohol meiden, allenfalls bei besonderen Anlässen ist ein kleines Glas Wein, Bier oder Sekt tolerierbar. Entgegen langläufiger Meinung regt Alkohol die Milchbildung nicht an, sondern verringert sie möglicherweise sogar. Stillende Frauen sollten nicht rauchen. Nikotin geht in die Muttermilch über und hemmt außerdem die Milchproduktion.

Medikamente sollten Mütter in der Stillzeit nur nach Rücksprache mit dem Arzt einnehmen. Als Nahrungsergänzungsmittel werden – zusätzlich zur Verwendung von Jodsalz (jodangereichertem Kochsalz) – Jodtabletten empfohlen mit einer Tagesdosis von 100 μg.

Als allergiegefährdet gelten Kinder, deren Eltern und/oder Geschwister allergisch erkrankt sind. Bei allergiegefährdeten Säuglingen wird empfohlen, auf eine allergen- und schadstoffarme Umgebung zu achten, keine Katzen oder andere Fell tragende Haustiere anzuschaffen, Schimmel und feuchte Stellen an den Wänden zu vermeiden sowie nur Lacke und Farben zu verwenden, die lösungsmittelarm sind. Empfohlen wird, Wohnungen an stark befahrenen Straßen zu verkehrsarmen Zeiten zu lüften. Für die Immunisierung allergiegefährdeter Kinder gelten die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut.

Prof. Dr. med. Berthold Koletzko

Dr. von Haunersches Kinderspital
am Klinikum der Ludwig-Maximilians-
Universität München (LMU)

E-Mail: office.koletzko@med.uni-muenchen.de

@Die vollständigen Handlungsempfehlungen im Internet:
www.aerzteblatt.de/1138

3 Fragen an . . . Prof. Dr. med. Berthold Koletzko, Pädiater, Stoffwechsel- und Ernährungsexperte am Klinikum der LMU München

Beeinflussen Stoffwechselfaktoren der Mutter in der Schwangerschaft das Risiko des Kindes für Übergewicht, Hyperinsulinämie oder Dyslipidämie?

Koletzko: Während der prä- und postnatalen Entwicklung können Ernährung und Stoffwechselbedingungen das frühkindliche Wachstum und die Organentwicklung langfristig prägen, man nennt dies die metabolische Programmierung der späteren Gesundheit. Das Risiko für späteres Übergewicht, Insulinresistenz und damit assoziierte Erkrankungen steigt besonders durch mütterliche Adipositas bereits bei Eintritt der Schwangerschaft, durch eine diabetische Stoffwechsellage in der Schwangerschaft, durch ein hohes kindliches Geburtsgewicht und durch eine hohe kindliche Gewichtszunahme in den ersten beiden Lebensjahren. Daraus ergibt sich das hohe präventive Potenzial einer Gewichtsabnahme von Frauen mit Kinderwunsch, also schon vor der Schwangerschaft, das Screening auf Schwangerschaftsdiabetes, und die gezielte Beratung von Eltern deren Kinder eine hohe Gewichtszunahme im frühen Lebensalter zeigen.

Kann durch die Säuglingsernährung Erkrankungen im späteren Lebensalter vorgebeugt werden?

Koletzko: Zahlreiche epidemiologische Studien und Metaanalysen, auch aus den vergangenen beiden Jahren, haben ergeben, dass nach der Geburt gestillte Kinder ein um etwa 20 Prozent geringeres Risiko für Übergewicht und Adipositas im Schul- und Erwachsenenalter haben. Diese Beobachtungen sind ein starkes Argument für eine konsequente Förderung des Stillens auch in Industrienationen wie in Deutschland, wo der durch das Stillen erreichte Schutz vor Infektionen nicht im Vordergrund steht.

Auf welche Weise schützt Stillen vor späterer Adipositas?

Koletzko: Nichtgestillte Kinder haben in Industrieländern eine deutlich höhere Gewichtszunahme im ersten Lebensjahr. Offenbar ist die traditionell viel höhere Eiweißzufuhr mit Säuglingsnahrungen als mit Muttermilch ein wichtiger Kausalfaktor. In einer multizentrischen Doppelblindstudie, in die mehr als 1 600 Säuglinge in fünf Ländern eingeschlossen wurden, fanden wir durch einen reduzierten Eiweißgehalt in der Säuglingsnahrung eine normalisierte Gewichtsentwicklung mit zwei Jahren. Wir erwarten hierdurch eine um etwa 13 Prozent geringere Adipositashäufigkeit im Alter von von 14 bis 16 Jahren. Deshalb ist die aktuelle Empfehlung, Säuglingsnahrung mit sehr hohem Eiweißgehalt zu meiden. nsi

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