ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2011Körperbilder: Alberto Giacometti (1901–1966) – Dem Schicksal entgegentaumelnd

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Alberto Giacometti (1901–1966) – Dem Schicksal entgegentaumelnd

Dtsch Arztebl 2011; 108(1-2): [124]

Schuchart, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Für die Existenzialisten war „Homme qui chavire“ eine Ikone, bereits bevor dessen Erschaffer berühmt wurde: Der auf dem unsicheren Grund der modernen Welt stolpernde, einsame und um Halt ringende Mensch verkörperte für sie im Nachkriegsfrankreich wie kein anderes Kunstwerk ihre Philosophie. Doch auch wenn Giacometti über Jahre mit Sartre, Genet und Beckett in engem Kontakt stand – in seiner Kunst ging es ihm nicht um intellektuelle Ideen, sondern um den Prozess des Sehens, dessen Ergebnis für ihn niemals vorhersehbar war.

Erstaunt, ja befremdet reagierte Giacometti denn auch auf die ersten spindeldürren, langgliedrigen Gestalten, die sich in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre in Paris unter seinen Fingern im Ton formten. Die sahen ganz anders aus als die streichholzgroßen Figürchen, die er zuvor lange Zeit geschaffen hatte. Hatte er diese durch ihre Winzigkeit in Distanz zu sich und zum Betrachter gehalten, so sorgte nun die Disproportionalität der überschlanken Körper für Abstand. Dieser Raumaspekt war für ihn sehr wichtig, denn er wollte den Menschen reduziert auf seine Haltung und Bewegung abbilden, um der „flüchtigen Erscheinung Dauer zu verleihen“ (Giacometti). Volumen oder Ausformung einzelner Körperpartien interessierten ihn nicht. 1947, als er eine erste Skizze des „taumelnden Mannes“ anfertigte, tauchte zum ersten Mal in seinem reifen Œuvre die männliche Gestalt als Ganzes auf. Diese unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von seinen Frauengestalten: in ihrer Vorwärtsbewegung. Giacomettis Männer tun etwas, vor allem gehen sie.

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass der Bildhauer und Maler, der aus einem armen Schweizer Bergtal stammte und bis zuletzt in seinem kleinen, schäbigen Atelier am Montparnasse an seinen großartigen Schöpfungen arbeitete, zu einem der teuersten Künstler der Welt avancierte. Ende 2009, während der letzten Kunstmarktkrise, erzielte der fünfte von sechs Bronzeabgüssen des „Homme qui chavire“ bei Sotheby’s 19,3 Millionen Dollar. Getoppt wurde dieses Ergebnis im Februar 2010 durch den Verkauf des lebensgroßen „L’Homme qui marche I“ aus der Dresdner-Bank-Sammlung für 74,2 Millionen Dollar, der einen Rekordpreis erzielte. Sabine Schuchart

Anzeige

Ausstellung

„Alberto Giacometti. Der Ursprung des Raums“

1) Kunstmuseum, Hollerplatz 1, 38440 Wolfsburg; Mi.–So. 11–18, Di. 11–20 Uhr; bis 6. März 2011

2) Museum der Moderne, Mönchsberg 32, A-5020 Salzburg; Di.–So. 10–18, Mi. 10–20 Uhr; 26. März bis 3. Juli 2011

1.
„Alberto Giacometti. Der Ursprung des Raumes“, Katalog, gebundene Ausgabe, 256 Seiten, Hatje Canz, 2010, 39,80 Euro.
2.
James Lord: „Alberto Giacometti. Die Biografie“, 480 Seiten, Fischer Taschenbuch, 2009, 12,95 Euro.
1.„Alberto Giacometti. Der Ursprung des Raumes“, Katalog, gebundene Ausgabe, 256 Seiten, Hatje Canz, 2010, 39,80 Euro.
2.James Lord: „Alberto Giacometti. Die Biografie“, 480 Seiten, Fischer Taschenbuch, 2009, 12,95 Euro.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema