ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2011Ungeahnte Wirkungen: Wahres Teufelszeug

POLITIK: Die Glosse

Ungeahnte Wirkungen: Wahres Teufelszeug

Dtsch Arztebl 2011; 108(1-2): A-16

Hopf, Hanns Christian

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Weil ich glaube, dass TV-Werbung keinerlei Informationswert enthält, schalte ich die damit gefüllten Unterbrechungen des Programms immer stumm. Doch siehe, Nicht-hören-Können schärft die Augen. Plötzlich gewahre ich Dinge, die mir zuvor verborgen geblieben waren. Die magische Wirkung von Prostagutt® hat es mir angetan. Wir sehen einen Mann mittleren Alters neben seiner Frau friedlich im Bett liegen. Er hofft, in dieser Nacht endlich einmal wieder durchzuschlafen, ohne aufs Töpfchen zu müssen. Aber vergeblich. Also befolgt er den Rat der Pharmafirma Schwabe und nimmt, so suggeriert der Werbespot, den Extrakt aus Sägepalmenfrüchten ein. Sogleich wird er dafür belohnt. Wir sehen ihn nun selig schlafen (Großaufnahme); oder zwinkert nicht doch ein Augenlid weniger schläfrig? Allein: Seine Frau liegt nicht mehr neben ihm, das Kissen ist leer! Sie hat ihr Bett verlassen, vielleicht auch von plötzlichem Harndrang befallen? Am Ende sehen wir beide wieder nebeneinander im Bett – sehr unscharf. Oder liegt da gar eine andere Frau? Wirklich ein Mordszeug – dieses Präparat. Hoffentlich hat ihn sein Arzt oder Apotheker auf diese unerwünschte Arzneimittelwirkung aufmerksam gemacht.

Eine solche Symptomverschiebung scheint heute als grundsätzliches Wirkprinzip von der Pharmabranche genutzt zu werden. Nehmen wir Gingium®: Herr Braun trifft Herrn Koch, der ihn artig begrüßt: „Guten Tag, Herr Braun!“ Herr Braun scheint betreten und antwortet nur zögerlich, ja stotternd, mit großen Fragezeichen im Gesicht: „Guten Tag, Herr – äh – ?“ Die zwischengeschaltete Einblendung macht uns glauben, dass auch Herr Braun einem Rat des Herstellers Hexal gefolgt ist und das Mittel einnimmt. Jedenfalls treffen sich Herr Braun und Herr Koch erneut. Wie viel später, erfahren wir nicht. Diesmal geht Herr Braun dynamisch federnd auf Herrn Koch zu und begrüßt diesen mit einem markigen „Guten Tag, Herr Koch!“ Doch Herrn Koch ist zwischenzeitlich ganz offenbar entfallen, wie Herr Braun heißt, denn er vermag seinen Gegenüber nicht mit Namen anzusprechen. Die Botschaft dieses Werbespots: Begrüße keinen Menschen, der Trockenextrakt aus Gingko biloba einnimmt, damit du nicht vergesslich wirst.

Als wahres Teufelszeug präsentiert sich Crataegutt®. Eine junge Seniorin tritt auf, gepflegtes Gesicht, modische Kleidung. Belastungsdyspnoe und vorzeitig einsetzendes Erschöpfungsgefühl setzen ihr erkennbar zu. Die probate Hilfe ist nach Beratung durch Arzt oder Apotheker offenbar gefunden: Trockenextrakt aus Weißdornblättern und Blüten. Nach Einnahme dieses Hexentranks von Schwabe sehen wir die gute Frau nun wieder munter in die Pedale treten und mit einer Art Maus-am-Band ihren Hund animieren. Dabei erlebt sie jedoch eine fatale Schizosomie. Sie verdoppelt sich. Während sie auf dem Drahtesel durch den Wald strampelt, tollt sie zeitgleich mit ihrem Hund auf der Wiese herum. Leider bleibt die Zukunft im Dunkeln. Können die beiden getrennten Körper je wieder zusammenfinden? Nicht auszudenken, sie blieben fortan eigenständige Personen, nähmen vielleicht sogar Gingium® ein und wüssten bei zufälliger Begegnung ihre gegenseitigen Namen nicht mehr!

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Der neue Trend, Medikamente der Schamanen und Medizinmänner zu nutzen oder Urwaldpflanzen aufzubereiten, scheint bezüglich unerwünschter Arzneimittelwirkungen noch lange nicht ausgelotet. Im Interesse der Ärzteschaft werde ich deshalb weiterhin die Werbemitteilungen der Pharmaindustrie beobachten – vertäubt versteht sich.

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