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Burn-out im Medizinstudium: Keine Seltenheit

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 2/2010: 5

Rädler, Peter

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Die meisten Medizinstudierenden sind für das Berufsziel „Arzt“ am Anfang regelrecht begeistert. Doch jemand, der initial „entflammt” ist, kann später auch „ausbrennen”. Die Ursache dafür ist Überforderung, die zu einem Burn-out bereits vor Beginn der ärztlichen Tätigkeit führen kann.

Foto: dpa
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Dies mag kein Zufall sein: Der Terminus „Burn-out“ taucht erstmals mit Bezug auf Ärzte und helfende Berufe auf. Vor 36 Jahren (1974) wurde der Begriff vom US-Psychoanalytiker H. Freudenberger erstmals verwendet, und zwar nur für helfende Berufe. Schon damals war hohe Arbeitsbelastung in der klinischen Versorgung mit Burn-out-Symptomen so offensichtlich assoziiert, dass Psychoanalytiker sich damit beschäftigten.

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Burn-out stellt nicht nur ein persönliches Problem der Betroffenen dar, sondern überträgt sich auf das kollektive Umfeld. Im studentischen Bereich wird das derzeit mit Streikaktionen deutlich. Um einer zunehmenden Burn-out-Prävalenz zu begegnen, stellt Prävention – wie in allen Bereichen in der Medizin – den effektivsten Weg dar. Medizinstudierende sollten bereits Basiskenntnisse über Burn-out im klinischen Studienteil erwerben. Denn wenn sie über Burn-out-Risikofaktoren und Symptome informiert sind, wird ihnen eher die eigene Verhaltensmodifikation zum Burn-out-Schutz gelingen. Von Burn-out sollte jedoch keineswegs „inflationär“ bei Problemen in der Berufswelt Krankenhaus gesprochen werden. Stattdessen sollte nach festen Kriterien analog anderer Diagnosen in der Medizin vorgegangen werden. So sprechen schwankende zirkadiane Symptome und anhaltende permanente innere Unruhe für eine psychiatrische Abklärung. Beim Symptom Depression ist die Abgrenzung erwartungsgemäß schwierig. Überlastung durch Lernprobleme dürfte nur für einen kleinen Teil der Medizinstudenten zutreffen, da ausgezeichnete Abiturnoten für Lernfähigkeit sprechen.

Im studentischen Bereich ist folgende Burn-out-Anbahnung nicht selten: Zu Studienbeginn wird mit viel Lerneinsatz versucht, den zunehmenden Prüfungsanforderungen gerecht zu werden. Das kann mit nicht mehr ausreichenden Erholungsphasen einhergehen. Permanenter Leistungsdruck führt zu unkollegialem Verhalten, beispielsweise bei Prüfungen oder limitierten Praktikumsplätzen (jeder Mitstudierende wird zum Konkurrenten). Das kann zu sozialer Isolation beitragen – ein Symptom des Burn-out-Syndroms. Hyperaktivität, die längerfristig eigene Bedürfnisse missachtet, kann zu mehr Misserfolgen statt zu Erfolgserlebnissen durch optimierte Leistung (Leistung = Arbeit pro Zeiteinheit) führen. Erschöpfung und Konzentrationsschwäche infolge Schlafmangels sind die Folgen.

Wenn Medizinstudierende mit Anzeichen von Burn-out das Studium durch großen Kraftaufwand und zugleich „innerer Kündigung“ beenden, stellt das kaum eine günstige Basis für die spätere ärztliche Tätigkeit dar. Es kann stattdessen zu einer zunehmenden Distanz statt Hinwendung zu den Patienten und zu einer stereotypen Berufsausübung kommen. Denkbar ist auch, dass ausbleibende ärztliche Erfolgserlebnisse längerfristig das Risiko für ein aggressives Verhalten gegenüber Kollegen (wie Schuldzuweisung, Misstrauen, Kontrollzwänge) begünstigen. Das wirkt sich möglicherweise auf das Privatleben aus (Scheidungsquote, Suchtprobleme in der Freizeit). Damit können relevante Lebensziele infrage gestellt werden, die das Selbstwertgefühl erheblich mindern können.

Erfolgreiches Studieren mit sozialer Kompetenz – Jede Disziplin erwartet von den Studierenden ein Mindestmaß an Organisationsfähigkeit, Sicherheit bei der Herangehensweise an komplexe neue Lerninhalte und bestmögliche Motivation zu kognitiver Leistung – dafür hilfreich ist ein geordnetes Privatleben. Durch Burn-out wird dies erschwert bis unmöglich. Beim Medizinstudium ist der immense Stoffumfang zu bedenken. Im Extremfall kann sich die Dauerbelastung emotional, sozial und mental nachteilig auf den Studienerfolg auswirken.

Zum Erfassen von Burn-out gibt es seit 1981 ein Inventar von Christina Maslach und Susan E. Jackson aus Tolman Hall/Kalifornien, das bis heute gängigste Messinstrument. Dieser Erhebungsbogen erfasst mit 25 Fragen die wichtigsten Faktoren zu Burn-out. Gefragt wird nach Häufigkeit und Intensität verschiedener Burn-out-Symptome. Folgende Dimensionen werden mit dem Maslach Burnout Inventory (MBI) erfasst: emotionale Erschöpfung, Depersonalisation und reduzierte persönliche Leistungsfähigkeit. Für Medizinstudenten im klinischen Studienteil ist MBI prädestiniert, da es primär für Berufe im Krankenhaus mit Patientenkontakt entwickelt wurde. Das vor 36 Jahren definierte Syndrom lässt sich – hier stark vereinfacht – in zwei Phasen unterteilen. Zu Beginn werden im Arbeitsbereich wiederholt auftretende negative Gefühle verdrängt und weiterhin viel Energie eingesetzt, um persönliche berufliche und von der Institution vorgegebene Arbeitsziele zu erreichen. Die damit einhergehende Erschöpfung und chronische Müdigkeit werden ignoriert („empfindsames Stadium“). Im Folgestadium kommt es zur „Umkehr“ („empfindungsloses Stadium“), in dem Gleichgültigkeit bis hin zur Apathie gegenüber beruflichen Herausforderungen auftaucht. Auch konfliktbeladene Schuldzuweisungen an das soziale Umfeld werden häufiger. Beeinträchtigtes beziehungsweise zerstörtes Selbstbewusstsein provoziert orientierungsloses, gereiztes, unzufriedenes Agieren. Beim langsamen, aber stetigen Verlust an Ressourcen für Studien- und spätere Berufsanforderungen ist zu bedenken, dass der geschaffte NC für eine erfolgreiche Gymnasialzeit spricht. Burn-out ist keine Krankheit, sondern ein Überlastungsphänomen – Burn-out-Präventionsmöglichkeiten führen zur Leistungssteigerung und mehr Freude an der Arbeit – bereits ab dem Medizinstudium. Burn-out entspricht nach internationaler Klassifikation einer Erkrankung mit Gesundheitsbeeinträchtigung, die berechtigt professionelle Hilfe durch das Gesundheitswesen benötigt. So sollte der Umgang mit Burn-out auch im Medizinstudium, insbesondere im klinischen Abschnitt gelehrt werden, zum Selbstschutz und zur späteren Patientenversorgung gleichermaßen. Strategien zur Burn-out-Bewältigung gehören auch in die ärztliche Weiterbildung. Stress im Studium ist zwar kaum vermeidbar und bezogen auf die spätere Verantwortung in einem gewissen Maß zu ertragen. Gemeint ist hier jedoch Stress mit der Aussicht auf Erfolg. Das „Umkippen“ in krankmachenden Disstress sollte man rechtzeitig erkennen. Erleichtert wird das durch genügend Zeit zur Selbstbeobachtung und Kenntnisse über Erstsymptome von Burn-out.

Sicher führen organisatorische Schwierigkeiten im Studium nicht direkt zu psychischen Problemen. Hält dadurch ausgelöster Stress jedoch länger an, ist die Burn-out-Entwicklung eine Herausforderung für die präventive Medizin. Durch Studentenproteste 2009 wurde dies auch von der Kultusminister- und Hochschulkonferenz ernst genommen. Sie wollen gemeinsam die Studierbarkeit der einzelnen Studiengänge und damit die Arbeitsbelastung der Studierenden überprüfen. Peter Rädler, Universität Ulm,

Kontakt: peter.raedler@uni-ulm.de

Burn-out ist als Überlastungsphänomen vermeidbar durch:

strukturiertes Studium von Anfang an (weniger frustrierende Erlebnisse und mehr Energie zum Lernen)

Minimieren von Lerninhalten ohne erkennbaren klinischen Bezug

studentenorientiertes Betriebsklima (Vermeiden eines unpersönlichen und anonymen Lehrbetriebs)

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