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Geriatrie: Nah am Leben

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 2/2010: 12

Hibbeler, Birgit

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Spaß an der Arbeit mit alten Menschen: Chefarzt Ralf-Joachim Schulz bei einer kurzen Schachpartie auf dem Stationsflur. Fotos: jardai/modusphoto
Spaß an der Arbeit mit alten Menschen: Chefarzt Ralf-Joachim Schulz bei einer kurzen Schachpartie auf dem Stationsflur. Fotos: jardai/modusphoto

Auch wenn Menschen alt und gebrechlich werden, können Ärzte ihnen helfen – obwohl man sie nicht mehr komplett heilen kann. Das Ziel: Sie sollen trotz der Einschränkungen ihren Alltag wieder meistern.

Was haben ein Detektiv und ein Geriater gemeinsam? „Eine Menge“, findet Dr. med. Gabriele Röhrig (38). Und das kommt der Ärztin, die übrigens ein Fan des neuen Sherlock-Holmes-Films ist, sehr entgegen. Denn sie geht den Dingen gern auf den Grund. Ein Beispiel: Ein älterer Patient kommt mit dem Symptom Fieber. Die Ursache ist schnell gefunden, eine Lungenentzündung. Für Röhrig ist die Arbeit nun aber nicht mit der Auswahl des richtigen Antibiotikums erledigt, sondern sie fragt sich, was dahinter steckt. „Manchmal zeigt sich die Ursache erst bei näherem Hinsehen“, sagt die Ärztin aus der Klinik für Geriatrie am St. Marien-Hospital in Köln. Grund für die Pneumonie könnte eine Schluckstörung sein. Bei alten Menschen ist das gar nicht so selten. Wenn Flüssigkeit oder Nahrung in die Lunge gerät, kann das eine Infektion auslösen. Die Frage ist dann noch, wieso der Patient nicht mehr sicher schlucken kann. Die „Ermittlungen“, die beim Symptom Fieber begannen, enden dann mitunter in der Diagnose eines leichten Schlaganfalls. „Für die Geriatrie braucht man ein gutes differenzialdiagnostisches Denken“, erläutert Röhrig. „Das ist das Faszinierende an dem Fach.“

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Erst treffen sich die Ärzte der Abteilung zur Frühbesprechung, dann kommt die Visite: Ralf-Joachim Schulz mit Bastian Hänscheid (Mitte) und Gabriele Röhrig (rechts).
Erst treffen sich die Ärzte der Abteilung zur Frühbesprechung, dann kommt die Visite: Ralf-Joachim Schulz mit Bastian Hänscheid (Mitte) und Gabriele Röhrig (rechts).

Geriater sind aber weit mehr als „Medizin-Detektive“. Die Spezialisten für Altersmedizin sehen immer den ganzen Menschen – inklusive des sozialen und häuslichen Umfelds. Das bedeutet, sie schauen nicht nur auf den Knochenbruch, sondern fragen sich, warum der Patient gestürzt ist. Sieht er schlecht? Welche Stolperfallen – zum Beispiel Teppichkanten – gibt es in seiner Wohnung? Nimmt er Medikamente, die Schwindel auslösen? Oder ist der Patient kollabiert, weil er zu wenig trinkt? Kommt das wiederum daher, dass er allein lebt und keine Freude mehr am Essen hat? Ist er vielleicht sogar depressiv? „Aus diesem Paket an Information machen wir einen Gesamtbefund“, erklärt Röhrig, die nicht nur Geriaterin, sondern auch Internistin sowie Hämatologin und Onkologin ist. Zur Altersmedizin kam sie eher zufällig. „Aber das Fach hat mich gepackt.“ Und das merkt man ihr an, wenn sie über ihre Arbeit spricht. Was ihr daran gefällt – abgesehen von der Detektivarbeit? Die Geriatrie ist pragmatisch. Es geht nicht darum, was theoretisch alles möglich ist, sondern was machbar und sinnvoll ist. Es geht darum, dass der Patient ein möglichst selbstständiges Leben führt und wieder seinen Alltag meistert. Röhrig fasst das so zusammen: „Die Geriatrie ist nah am Leben.“

Nah am Leben? Und das, wo die meisten Patienten 80 oder sogar 90 Jahre alt sind und dazu meist gleich mehrere chronische Erkrankungen haben? Das macht zunächst stutzig. „Natürlich laufen unsere Patienten keinen Marathon mehr“, räumt Röhrig ein. „Aber die allermeisten profitieren von der Behandlung.“ Dass das stimmt, zeigt sich an Lisa Bahlmann* (84). Es ist noch nicht lange her, da stürzte sie zu Hause und brach sich den linken Oberschenkelhals. Die Unfallchirurgen implantierten eine Duokopfprothese, nun soll sie wieder lernen, möglichst sicher und ohne Angst zu laufen. Als die Visite heute zu ihr kommt, sitzt sie im Rollstuhl. Was man ihr nicht ansieht: Heute ist sie schon mit ihrem Physiotherapeuten eine gute Strecke auf dem Flur gegangen. Dafür benutzt sie einen Gehwagen, einen sogenannten Rollator. Währenddessen schiebt der Therapeut den Rollstuhl hinter ihr her, damit sie jederzeit eine Pause machen kann. „Ich will ja wieder auf die Beine kommen“, sagt die alte Dame. Das orthopädische Problem ist aber nicht das einzige, auf das die Geriater achten. Denn Bahlmann hat eine Herzrhythmusstörung, Osteoporose und zudem eine eingeschränkte Nierenfunktion. Also heißt es: Die glomeruläre Filtrationsrate im Blick behalten und die Dosierung der Arzneimittel anpassen. Außerdem stellen sich die Ärzte auch die Frage: Braucht sie die Tabletten wirklich? „Manche Patienten kommen mit 15 verschiedenen Medikamenten“, berichtet Klinikleiter Prof. Dr. med. Ralf-Joachim Schulz. „Das reduzieren wir auf das Notwendige, um Nebenwirkungen und Interaktionen zu vermeiden.“ Und so geht es – trotz aller Schwierigkeiten – bei Lisa Bahlmann wieder bergauf, auch dank der professionellen Behandlung in der Klinik für Geriatrie.

Ob Krankengymnasten, Ergotherapeuten oder Mediziner: Alle ziehen an einem Strang. Die Geriatrie ist ein interdisziplinäres Fach und funktioniert nur im Team.
Ob Krankengymnasten, Ergotherapeuten oder Mediziner: Alle ziehen an einem Strang. Die Geriatrie ist ein interdisziplinäres Fach und funktioniert nur im Team.

Wer bislang also dachte, Geriatrie sei etwas für hoffnungslose Fälle, der muss spätestens jetzt feststellen, dass er sich irrt. Grundsätzlich gehören hier nämlich die Patienten hin, die Rehapotenzial haben. Wichtig ist, dass man die Kranken nicht schont, sondern die verbliebenen Fähigkeiten gezielt fördert: durch eine gute medizinische Behandlung, aber auch mit Krankengymnastik, Ergotherapie, Logopädie und aktivierender Pflege. „Eine gute Geriatrie erkennt man daran, dass die Patienten angezogen sind und nicht im Schlafanzug im Bett liegen“, berichtet Schulz. Für ihn beinhaltet die Geriatrie eine neue Sicht auf Krankheit, nicht nur weil sie den alten Menschen ganzheitlich betrachtet. Im Vordergrund stehe nicht das Defizit, also das, was alles nicht mehr geht. „Es geht darum, die verbliebenen Ressourcen zu fördern, damit die Patienten im Alltag zurechtkommen.“ Dabei sei es wichtig, Therapieziele zu identifizieren und festzulegen.

Dafür muss der Geriater seine Schützlinge aber gut kennen und einschätzen können. Jemand, der schon vor einem Schlaganfall Probleme mit dem Laufen hatte, wird danach nicht besser gehen können. Um sich ein Bild zu machen, ist deshalb ein geriatrisches Assessment wichtig. Das bedeutet, dass Therapeuten und Ärzte mit genormten Tests die Fähigkeiten der alten Menschen ermitteln. Die Gedächtnisleistung wird zum Beispiel mit dem „Mini- Mental-Status-Test“ bestimmt. Die Physiotherapeuten überprüfen, ob der Patient allein sitzen und aufstehen kann, gegebenenfalls messen sie mit der Stoppuhr, wie lange er braucht, um eine bestimmte Strecke zu gehen. Wird Hilfe beim Waschen, Anziehen und Essen benötigt? Das dokumentiert die Pflege im „Barthel-Index“. Die geriatrische Depressionsskala gibt Aufschluss über den psychischen Zustand. Hinzu kommen eine ausführliche Sozialanamnese, natürlich auch das ärztliche Gespräch und die körperliche Untersuchung. Das alles dient dazu, genau über den Patienten Bescheid zu wissen. Nur so kann man ein realistisches Therapieziel festlegen. Um den Erfolg der Behandlung zu messen, werden die meisten Tests vor der Entlassung wiederholt.

Der Austausch von Ärzten und Pflegekräften ist wichtig: Gabriele Röhrig und Krankenschwester Maria Müller (von links).
Der Austausch von Ärzten und Pflegekräften ist wichtig: Gabriele Röhrig und Krankenschwester Maria Müller (von links).

In kaum einem Fach wird der Kranke so umfassend befragt und untersucht wie in der Geriatrie. Das können die Ärzte nicht allein leisten. „Der Geriater ist kein Solist, sondern ein Teamspieler“, sagt Schulz. Und in der Tat: Wenn die unterschiedlichen Berufsgruppen nicht gut zusammenarbeiten, geht in der Geriatrie gar nichts. Regelmäßige Teamsitzungen sind deshalb unerlässlich. Der Arzt muss schließlich wissen, ob der Patient Fortschritte in der Therapie macht – ob er allein zur Toilette gehen kann, ob er Hilfe beim Kleinschneiden des Essens braucht. Das ist auch wichtig, wenn es um die Zeit nach der Entlassung geht: Kann der alte Mensch wieder nach Hause? Ist er vielleicht doch in einem betreuten Wohnen oder Heim besser aufgehoben? Wenn nötig, wird der Sozialdienst der Klinik eingeschaltet, der dann – gemeinsam mit den Angehörigen – die weitere Versorgung organisieren kann.

Was aber macht einen guten Geriater noch aus, mal abgesehen von der Teamfähigkeit? „Einfühlungsvermögen“, antwortet Röhrig auf die Frage als erstes. Und weiter? Na klar: die Detektivarbeit, das „differenzialdiagnostische Denken“. Ganz wichtig ist für die Ärztin allerdings auch, dass man Freude an der Arbeit mit alten Menschen hat. Diese Eigenschaft ist auch Klinikleiter Schulz nach vielen Jahren Geriatrie nicht abhanden gekommen, wie man am Rande der Visite beobachten kann. Über den Flur geht ein Patient mit Rollator. „Sind Sie auf der Suche nach einem Gegner?“, fragt Schulz und blickt dabei auf die Transportfläche des Gehwagens, auf der der ältere Herr ein Schachspiel aus hellgrünem Speckstein vor sich her schiebt. Der Chefarzt lässt sich nicht lange bitten und eröffnet die Partie. Und auch wenn das Spiel höchstens eine Minute dauert, unvollendet bleibt und Schulz dann auch noch Läufer und Bauer verwechselt – der Patient ist vollends zufrieden und geht weiter. Klinikchef Schulz, der auch einen Lehrstuhl für Geriatrie an der Uni Köln hat, ist von seinem Fach begeistert. Von der wachsenden Bedeutung der Geriatrie ist er außerdem durch und durch überzeugt – auch wenn er weiß, dass sie vielfach noch nicht den Stellenwert hat, den sie eigentlich verdient hätte. „Die Geriatrie ist das Fach der Zukunft.“ Dr. med. Birgit Hibbeler

*Name geändert


Was macht ein Geriater?

Ein Geriater ist ein „Altersmediziner“. Seine Patienten sind aber nicht nur alt, sondern haben meist mehrere chronische Erkrankungen. Ein Geriater braucht deshalb ein breites medizinisches Wissen. Die Patienten werden entweder direkt in eine geriatrische Abteilung aufgenommen oder dorthin verlegt, nachdem sie zum Beispiel operiert wurden. Typische Diagnosen sind Knochenbrüche, Schlaganfälle und internistische Krankheiten. Auch Depressionen und Demenzerkrankungen hat der Geriater im Blick.

Ziel ist es, dass die Patienten wieder ein möglichst selbstständiges Leben führen. Wichtig ist dabei das Arbeiten im Team. Zu dem gehören Ärzte, Pflegekräfte, Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten, Sozialarbeiter und Psychologen. Geriatrische Abteilungen gibt es in Krankenhäusern, aber auch in Rehabilitationskliniken.

Wie wird man Geriater?

Einen Facharzt für Geriatrie gibt es in Deutschland nicht. Wer sich in dem Fach qualifizieren will, kann die 18-monatige „Zusatzweiterbildung Geriatrie“ machen. Voraussetzung ist, dass man einen Facharzt hat. Wer in einer Geriatrie arbeitet, kann sich die Zeit meist auch für die Facharztweiterbildung als Internist oder Allgemeinmediziner anrechnen lassen.

Einen „Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie“ haben bislang die Bundesländer Brandenburg und Sachsen- Anhalt eingeführt.

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