ArchivMedizin studieren3/2010Interview mit David Herr, bvmd: Geld ist nicht alles

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Interview mit David Herr, bvmd: Geld ist nicht alles

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 3/2010: 20

Hillienhof, Arne

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Die bvmd begrüßt zwar die Initiative des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ters gegen den Hausärztemangel, hält aber manche Vorschläge nicht für sinnvoll. Warum nicht, erklärt David Herr.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler möchte eine Landarztquote gegen den Ärztemangel einführen. Bestimmte Studienplätze wären dann damit verbunden, dass sich Bewerber verpflichten, später Hausarzt auf dem Land zu werden. Hilft das?

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Herr: Wir finden es gut, dass der Ärztemangel auf dem Land jetzt Chefsache ist und die Politik ein Maßnahmenpaket auf den Weg bringen möchte. Aber gerade von der Landarztquote halten wir nichts.

Warum nicht?

Herr: Wir haben drei Gründe, uns dagegen auszusprechen. Erstens meinen wir, die Entscheidung für eine Fachrichtung käme viel zu früh. Angehende Medizinstudierende haben noch nie eine Vorlesung gehört oder Patienten behandelt und sollen sich schon für eine Fachrichtung oder Region entscheiden. Das geht nicht. Wir wünschen uns ein freies Studium. Zweitens droht bei einer vertraglichen Verpflichtung unter Umständen soziale Ungerechtigkeit.

Wieso das?

Herr: Was wäre denn mit Leuten, die hinterher doch nicht Landarzt werden? Zahlen die Strafe? Dieses „Freikaufen“ könnten sich dann diejenigen mit mehr Geld leisten, andere nicht. Das wäre ungerecht.

Sie sprachen von drei Gründen . . .

Herr: Genau. Der dritte Grund ist, dass es Mangel nicht nur bei Landärzten gibt. Auch die Chirurgen haben zum Beispiel Nachwuchssorgen. Soll es da in absehbarer Zeit auch eine Quote geben? Die Zulassung nach Bedarf zu quotieren ist abwegig.

Was schlägt die bvmd stattdessen vor?

Gesundheitspolitisch aktiv: David Herr (10. Semester, Münster) leitete zwei Jahre lang die AG Gesundheitspolitik in der bvmd und arbeitet derzeit für die European Medical Students Association (EMSA) in Brüssel. Foto: privat
Gesundheitspolitisch aktiv: David Herr (10. Semester, Münster) leitete zwei Jahre lang die AG Gesundheitspolitik in der bvmd und arbeitet derzeit für die European Medical Students Association (EMSA) in Brüssel. Foto: privat

Herr: Ganz wichtig ist, die Arbeitsbedingungen der Ärzte zu verbessern. Das sieht übrigens auch Herr Rösler so. Aber dieser Punkt müsste aus unserer Sicht Priorität haben.

Was schreckt die Medizinstudierenden konkret an
der Landarzttätigkeit ab?

Herr: Das haben wir mit unseren Lokalvertretungen evaluiert und ein Stimmungsbild bekommen. Danach ist es zum einen die ständig notwendige Verfügbarkeit mit Not- und Wochenenddiensten, Hausbesuchen und dergleichen, die das Privatleben einschränkt.

. . . und zum anderen?

Herr: Standortfaktoren: Viele fürchten den Wegfall des städtischen Netzes an Gleichaltrigen sowie weniger kulturelle Möglichkeiten, Schulen, Kino etc.

Das zu verändern wird schwer.

Herr: Wichtig ist, dass die Ursachendebatte ehrlich geführt wird.

. . . und die Bezahlung?

Herr: Geld spielt bei weitem nicht die wichtigste Rolle. Aber wenn man bei einer höheren Belastung und subjektiv weniger kulturellen Angeboten auf dem Land auch noch schlechter verdient als in der Großstadt, ist das natürlich kein hilfreicher Anreiz.

Das Interview führte Dr. med. Arne Hillienhof.

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