ArchivMedizin studieren3/2010Anamnesegruppen: Mehr als Fakten, Formeln, Fachbegriffe

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Anamnesegruppen: Mehr als Fakten, Formeln, Fachbegriffe

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 3/2010: 5

Müller, Anne-Kathrin; Wunder, Nadine; Willms, Lisa

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Eine Erfolgsstory: Den richtigen Umgang mit Patienten haben in den letzten 40 Jahren bereits mehr als 15 000 Ärztinnen und Ärzte in Anamnesegruppen erprobt.

Fotos: privat
Fotos: privat

Morgens 6.30 Uhr klingelt der Wecker, schnell noch ein Kaffee und dann ab in die Uni. Um 8.00 Uhr Vorlesung, und schon versinkt der Tag zwischen Acetyl-CoA und Bursa omentalis. Sicherlich eine Situation, die einigen Studierenden bekannt vorkommt. Im Verlauf des Medizinstudiums wird einiges verlangt: Man muss jede Menge Bücher wälzen, Theorie pauken, Praktika besuchen. Irgendwann kommt das Examen – und danach? Der Tätigkeitsbereich eines Arztes umfasst nicht nur die Erkennung und Behandlung von Krankheiten, ein wesentlicher Teil dieses Berufs besteht auch aus dem (richtigen) Umgang mit Patienten.

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Um diesen Umgang schon frühzeitig erlernen zu können, sind wir direkt zu Beginn unseres Studiums der Anamnesegruppe beigetreten. Neben der eher „trockenen Theorie“ bot sich hier die Möglichkeit, andere Studierende zu treffen, gemeinsam in die verschiedenen Kliniken zu gehen, Patienten kennenzulernen und Gesprächstechniken zu üben. Als Teilnehmer einer Anamnesegruppe erfährt man mehr über die Bedeutung der Arzt-Patient-Beziehung und kann üben, diese zu vertiefen. Im Vordergrund steht dabei die (Selbst-)Reflexion der Studierenden. Die Feedback-Runden nach dem Anamnesegespräch und der Austausch innerhalb der Gruppe geben Tipps und Anregungen, die nicht nur für die spätere Tätigkeit als Arzt hilfreich sind. Mittlerweile leiten wir als Tutorinnen selbst Anamnesegruppen. Es macht bis zum heutigen Zeitpunkt immer noch viel Spaß, neue Patienten zu sehen und verschiedene Aspekte aus Gesprächen zusammen mit der Gruppe zu erarbeiten.

Dies geht nicht nur uns so: Anamnesegruppen gibt es an 15 medizinischen Fakultäten in Deutschland und Österreich. Bisher haben 15 000 Ärztinnen und Ärzte im Rahmen ihrer Ausbildung an Anamnesegruppen teilgenommen. Das Konzept entwickelte Prof. Dr. med. Wolfram Schüffel 1970 zunächst in Ulm und Marburg. Grundlage war damals bereits das Peer-Learning, also das gemeinsame Lernen ohne professionelle Dozenten. Die bundesweite Koordination der Gruppen erfolgt seit 30 Jahren im Rahmen des Maitreffens, das jedes Jahr von einer anderen Tutorengruppe organisiert wird.

In diesem Jahr übernahm die Organisation des Maitreffens die Gruppe um Prof. Dr. med. Volker Köllner, Homburg/Saar. Als Medizinstudent in Bonn litt Köllner ebenfalls daran, dass es im naturwissenschaftlich ausgerichteten Studium wenig Patientenkontakt gab. Bei einem der ersten Maitreffen 1983 in Marburg lernte er das Konzept der Anamnesegruppen kennen und etablierte sie mit Hilfe der Fachschaft und einiger engagierter Professoren an seiner Fakultät. Nach einem Jahr als Teilnehmer arbeitete Köllner als Tutor weiter, organisierte Tutorentrainings und gab gemeinsam mit einer Gruppe Kölner und Bonner Studierender eine Ausgabe des Anamnesegruppen-Jahrbuchs POM (Patientenorientierte Mediziner-Ausbildung) heraus. Die Anamnesegruppen beeinflussten maßgeblich seine Berufswahl psychosomatische Medizin. Nach dem Studium blieb er den Anamnesegruppen als Supervisor treu und half mit, sie an den Fakultäten in Dresden und Homburg/Saar zu etablieren.

Jedes Jahr steht das Maitreffen unter einem anderen Motto, dieses Mal: „Grenzen und Tabus“. Dazu wurden unterschiedliche Seminare und Workshops angeboten. Vom „Umgang mit Belastungen“ über „Krankheit & Trauma“ bis zu „Sexualanamnese“ und „Kommunikation trotz Barrieren“ waren viele weitere, spannende Themen vertreten.

Nach Homburg kamen vom 13. bis 16. Mai mehr als 80 Studierende aus 16 Fakultäten. Zu Beginn dieses Maitreffens wurde erstmalig ein Crashkurs für Studierende angeboten, die selbst noch keine Erfahrung mit Anamnesegruppen gemacht haben. Im Rahmen dieses Kurses wurde sowohl das Konzept der Anamnesegruppen vorgestellt als auch Tipps und Anregungen gegeben, um selbst eine Anamnesegruppe an der Heimatuniversität zu gründen.

Eine Besonderheit des diesjährigen Maitreffens waren gleich zwei Jubiläen – das 40-jährige Bestehen der Anamnesegruppen und das 30-jährige Bestehen des Maitreffens. Im Rahmen einer Festveranstaltung boten Referenten Einblicke in die Entstehung der Anamnesegruppen, deren Weiterentwicklung bis heute und ihre Bedeutung angesichts neuer Lehrformen, wie beispielsweise strukturierter Übungen mit Schauspielpatienten. Weitere Programmpunkte waren eine Stadtführung durch Homburg, ein Besuch im europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim sowie eine Party am letzten Abend vor der Abreise. Beim Abschlussplenum ging es sowohl um organisatorische Fragen als auch um unterschiedliche Konzepte an den einzelnen Unis. Hier gibt es nämlich deutliche Unterschiede: In einigen Städten arbeiten die Gruppen völlig autonom, an anderen sind sie als Wahlfach mit Abschlussprüfung in die Fakultät eingebunden. Unterschiedlich ist auch, ob nur Mediziner teilnehmen oder ob auch andere Fachrichtungen (meist Psychologie) vertreten sind. Es wurde festgelegt, dass der nächste Veranstaltungsort Marburg sein wird.

Darf’s ein bisschen mehr sein? Mehr Anamnesegruppe – mehr Maitreffen? Wer diese Frage mit „Ja“ beantwortet, ist herzlich eingeladen, beim nächsten Maitreffen in Marburg mit dabei zu sein.

Anne-Kathrin Müller, Nadine Wunder, Lisa Willms,
Studentinnen an der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes,
Homburg/Saar

Nähere Infos:
www.anamnesegruppen.eu.

Was sind Anamnesegruppen?

Lernziele der Gruppen, die etwa aus zehn Studierenden bestehen, sind sowohl die Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit als auch die Reflexion der eigenen Gefühle, die der Patient ausgelöst hat. Insofern hat das Konzept auch Verwandtschaft mit den Balintgruppen (www.balintgesellschaft.de). In jeder Sitzung erhebt ein Studierender die Anamnese bei einem Patienten, anschließend erfolgt die Nachbesprechung in der Gruppe. Hierbei geht es nicht darum, was „falsch gemacht wurde“, sondern darum, zu verstehen, warum das Gespräch gerade so abgelaufen ist (beispielsweise war- um bestimmte Fragen „vergessen“ wurden) und darum, ein bio-psycho-soziales Gesamtbild vom Patienten zu erhalten. Geleitet werden die Gruppen von zwei studentischen Tutoren, die meist in einem einwöchigen Tutorentraining ausgebildet wurden.

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