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Evaluation der Weiterbildung: Ein Schritt in die richtige Richtung

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 3/2010: 16

Hibbeler, Birgit

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„Learning by Doing“ ohne Struktur – so sieht der Weg zum Facharzt aus. Das wird zumindest von Assistenzärzten oft beklagt. Deshalb haben die Ärztekammern nun erstmals die Weiterbildung evaluiert.

Foto: Georg J. Lopata

Foto: Georg J. Lopata
hrift_Initial">Ein Sprung ins kalte Wasser. So empfinden viele Medizinabsolventen ihren Berufseinstieg. Spätestens wenn sie im Nachtdienst auf sich allein gestellt sind, merken viele: Das Studium bereitet bei weitem nicht auf alle Situationen im Krankenhaus vor. Plötzlich ist man nicht mehr der PJler, sondern muss selbst Entscheidungen treffen und für sie geradestehen.

Umso wichtiger ist es, dass junge Assistenzärztinnen und -ärzte gut eingearbeitet werden und einen erfahrenen Kollegen fragen können, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Doch meist ist es eher „Learning by Doing“ – ohne Anleitung und unter Zeitdruck. Außerdem bleibt bei den vielen Routinearbeiten, die zu erledigen sind, zu wenig Zeit, Sachen nachzulesen oder in der Funktionsabteilung mitzuarbeiten. Erst einmal müssen die Stationen „laufen“, dann kann man zum Beispiel auch mal sonographieren. Das zumindest beklagen viele Assistenzärzte.

Aber stimmt das wirklich? Ist die Weiterbildung – also die Zeit, in der man sich zum Facharzt qualifiziert – wirklich so unstrukturiert? Die Ärztekammern wollten es genauer wissen. In einer bundesweiten Assistentenbefragung nahmen sie deshalb erstmals die Rahmenbedingungen genau unter die Lupe. Einerseits um den Status quo zu kennen, also Mängel aufzudecken, andererseits um sich für Verbesserungen starkzumachen.

Die Ergebnisse zeigen nun: Die Weiterbildung ist offenbar besser als ihr Ruf. In der Gesamtbeurteilung ergab sich im Bundesdurchschnitt eine 2,5 auf der Skala des deutschen Schulnotensystems. Es sieht also so aus, als wenn die jungen Ärzte grundsätzlich mit der Situation an ihren Weiterbildungsstätten zufrieden sind.

100 Fragen mussten die Assistenzärzte beantworten – online und anonym (www.evaluation-weiterbildung.de). Dabei ging es um acht Bereiche. Neben der Globalbeurteilung („Ich würde meine Weiterbildungsstätte weiterempfehlen.“; „Ich bin zufrieden mit der Arbeitssituation.“) wurden folgende Punkte abgefragt: Vermittlung von Fachkompetenz, Lernkultur, Führungskultur, Kultur zur Fehlervermeidung, Entscheidungskultur, Betriebskultur und die Anwendung evidenzbasierter Medizin. Am besten fiel im Bundesdurchschnitt das Urteil über die Betriebskultur aus (2,13). Den größten Nachholbedarf gibt es offenbar bei der Anwendung evidenzbasierter Medizin (3,82).

Allerdings – und darüber zeigten sich die Ärztekammern etwas enttäuscht – war die Beteiligung an der Evaluation gering. Von den circa 60 000 Ärzten in der Weiterbildung nahmen nur etwa 33 Prozent teil. An 40 Prozent der Weiterbildungsstätten – also den Kliniken und Praxen, die dazu berechtigt sind, Fachärzte weiterzubilden – beteiligte sich überhaupt niemand.

Dass die Evaluation der Weiterbildung eine gute Sache ist, steht außer Frage. Und so fragten sich viele nach Ende der Umfrage, wieso ein Großteil der Ärzte nicht mitgemacht hat. Kein Interesse, Angst vor dem Chef, Resignation? Niemand weiß es so genau. „Ich finde die Rücklaufquote gar nicht so enttäuschend. Schließlich ist es das erste Mal, dass wir eine solche Befragung durchführen“, gibt sich Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), optimistisch. Auch in der Schweiz, die als Vorbild für die Evaluation diente, sei die Teilnehmerrate von anfangs 40 Prozent auf mittlerweile 66 Prozent gestiegen.

In der Schweiz wird die Weiterbildung seit einigen Jahren regelmäßig evaluiert. Die Ergebnisse sind öffentlich im Internet zugänglich. Das bedeutet: Wer sich bewirbt, kann vorher online nachsehen, wie das Krankenhaus bei der Evaluation abgeschnitten hat. Das soll ab 2011 in Deutschland auch so sein. Zurzeit gibt es lediglich einen Bericht, der an die Weiterbildungsbefugten geht. Diese sollen die Ergebnisse dann mit ihren Assistenten besprechen. Nach Angaben der BÄK ging es in der ersten Befragungsrunde zunächst einmal darum, Vertrauen zu schaffen. Schon jetzt aber können alle Beteiligten im Internet nachlesen, wie ihre Fachrichtung im Länder- und Bundesvergleich abschneidet.

Wegen der geringen Teilnehmerzahlen wurden auch kritische Stimmen laut, die Zweifel an den positiven Resultaten äußerten. „Die Ergebnisse bilden nicht ab, was ich wahrnehme“, sagt Dr. med. Christian Haffner von der „Jungen Allgemeinmedizin Deutschland“. „Weiterbildung in Deutschland findet gar nicht oder zufällig statt.“ Von einem strukturierten Ablauf wie in anderen europäischen Ländern sei man noch weit entfernt. Für Haffner gibt es einen entscheidenden Knackpunkt bei der Evaluation. Er glaubt an eine Vorselektion. Denn: Die Zugangscodes für die anonyme Internetbefragung erhielten die Assistenzärzte von ihren Chefs. Und so ist es denkbar, dass gerade die vorbildlichen Weiterbildungsbefugten die Codes weitergaben. Die schlechten Chefs haben sie möglicherweise in den Müll geworfen. Nicht gerade ein optimales System für eine Umfrage, die repräsentativ sein soll. Allerdings gab es für die Kammern kaum eine andere Möglichkeit. Denn Klinikchefs, die in Deutschland weiterbilden, müssen die Namen ihrer Assistenzärzte nicht bei den Ärztekammern melden. Das liegt daran, dass die Weiterbildung zum Facharzt hierzulande ziemlich freiheitlich organisiert ist (Kasten). Das hat viele Vorteile, aber eben auch Nachteile.

Fest steht: Die Evaluation der Weiterbildung ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die Ärztekammern haben damit eine wichtige Debatte angestoßen – nicht zuletzt im Hinblick auf den drohenden Ärztemangel. Dr. med. Birgit Hibbeler

Der Weg zum Facharzt

Die Weiterbildung zum Facharzt ist in Deutschland relativ freiheitlich organisiert. Man kann sich das Krankenhaus oder die Praxis, in der man tätig sein will, selbst aussuchen. In anderen europäischen Ländern werden die Assistenzärzte dagegen zum Teil nach Notendurchschnitt zentral verteilt. Man kann allerdings auch in Deutschland nicht an jedem Krankenhaus jeden Facharzttitel erwerben. Voraussetzung ist, dass der Chef eine Weiterbildungsermächtigung für das Fach hat.

Zuständig für die Weiterbildung sind die Lan­des­ärz­te­kam­mern. Der Deutsche Ärztetag legt in der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung fest, welche Voraussetzungen man für welche Facharztbezeichnung braucht, bespielsweise wie viele Kaiserschnitte ein Gynäkologe nachweisen muss. Die Kammern setzen diese Weiter­bildungs­ordnung idealerweise auf Länderebene um. In Deutschland entscheiden also die Ärzte selbst darüber, wie die Facharztqualifikation aussehen soll und nicht zum Beispiel der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter.

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