ArchivDeutsches Ärzteblatt41/1997Britische Nationalbibliothek: Die Tragikomödie eines Bauvorhabens

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Britische Nationalbibliothek: Die Tragikomödie eines Bauvorhabens

Reinfrank, Arno

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LNSLNS In Europa bemerkt man viel zu wenig, daß in London ein an Größe einmaliges Gebäude vor der Einweihung steht: die zentrale Nationalbibliothek, die British Library. Die Größe bezieht sich auf die Kosten: 1962 erstmals in Planung genommen, verdreifachten sich die Baukosten in rund 30 Jahren Konstruktionszeit auf 511 Millionen Pfund Sterling. Der Architekt, Professor Colin St. John Wilson, konnte diese Entwicklung nur mittels eines keltischen Sinnes für Absurditäten durchhalten. Die Zahl der Gentlemen und Ladies, die sich in die Baugeschäfte eingemischt und wieder zurückgezogen haben, ist ihm entfallen. Geblieben ist ein verknäultes Chaos, verursacht durch Kurswechsel und Korrekturen, Geldvergeudung und Einsparungen,
Inkompetenz und Kleinmütigkeit, genug, um einem 75jährigen, der drei Jahrzehnte den Bau leitet, das Gruseln beizubringen.
25 Millionen
Bücher
Das Gebäude steht auf dem ehemaligen Rangiergelände des Bahnhofes von St. Pancras, der ein monströses Beispiel britischer "Eisenbahn-Gotik" genannt wurde. Für den Neubau gab es ebenfalls wenig lobende Worte. Er sei so angelegt, daß er zusätzlich zur künstlichen Beleuchtung sein Inneres "an einem sonnigen Morgen wie eine Blume öffne". Leider verbirgt sich die Londoner Sonne sehr häufig hinter dem Smog, der über der Millionenstadt hängt. Dennoch: Die Außenansicht verrät nicht alles.
Die erste Nationalbibliothek Englands wurde 1753 gegründet, mit der ausdrücklichen Auflage, keine Bücher auszugeben. Offenbar kannte man seine Pappenheimer! Zu einem Aussehenswandel kam es 1831 erst, als ein italienischer Einwanderer die Sache in die Hand nahm. Aus dieser Zeit stammt der berühmte runde Lesesaal, der dem eindrucksvollen Britischen Museum abgemietet wurde. Ein Russe auf Besuch verlangte von einem Aufseher, ihm den Platz zu zeigen, wo einst Karl Marx, später Lenin ihre Studien trieben. Der wackere Brite nahm den Neugierigen an die Tür, schob den Fuß vor und sagte: "Bis hierher. Ein Blick nur." Und auf die Verwunderung des Neugierigen, daß weder Plakette noch Blumenkränze irgendwo zu sehen seien, setzte der Wärter hinzu: " Ihre Bolschies konnten sich hinsetzen, wo immer Platz war - wir haben hier nämlich eine Demokratie."
Zu diesem Lesesaal, den jetzt Pläne für eine andere Verwendung (ein Bürger-Center unter Teflonbedeckung!) bedrohen, wurden Studenten und Wissenschaftler nur mit einer Einlaßkarte zugelassen. Die beschränkte Sitzzahl, die altmodischen Regale und oft zweitägige Wartezeiten, bis ein gewünschtes Buch erhältlich war, spornten eine Veränderung an. Seither ist die Beschäftigung mit dem Projekt "British Library" zum Beobachten einer Tragikomödie geworden, wie sie offenbar alle öffentlichen Bauvorhaben Englands unvermeidbar begleitet.
Der Prince of Wales, bekannt für architektonische Interessen, nannte 1982 den aufsteigenden Bau eine "Akademie für Geheimpolizisten". Ein Minister schlug sogar vor, einzuhalten, alles in ein Parkhaus zu verwandeln, und, falls Kultur schon unbedingt sein müßte, einen Buchladen einzurichten. Eine von der Regierung eingesetzte "Tüchtigkeits-Kommission" stellte fest, daß dieselbe Mangelware war: das amtliche Gremium, dem das Vorhaben unterstand, traf sich in drei Jahren einmal!
Als John Major noch Schatzkanzler war, bot er das um den Neubau liegende Gelände, das begrünt dem Ganzen zu besserem Ansehen hätte verhelfen können, Privatinteressenten zum Kauf an. Die letzte Entscheidung darüber ist immer noch nicht gefällt. Allerdings erhielten bereits 200 Angestellte die Entlassung "angeboten". Der Raum für die beabsichtigten 25 Millionen Bücher, die man unterbringen wollte, wurde beschränkt. Es entsteht der Eindruck, daß die neue Nationalbibliothek der Briten um einige Nummern zu groß geraten sei. Durch den Verkauf von "Service" versucht man, das nötige Kleingeld in die Hand zu bekommen, das der Unterhalt benötigt. Bis 1999 sollen die Benutzer jedenfalls "voll befriedigt" werden.
Arno Reinfrank
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