ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2011Von schräg unten: Sekundärgewinn

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Sekundärgewinn

Dtsch Arztebl 2011; 108(3): [116]

Böhmeke, Thomas

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Es gibt Bankenkrisen, die haben wir Steuerzahler auszubaden. Es gibt Bahnhofkrisen, die haben unsere Politiker auszubaden. Ich kriege gelegentlich eine Behandlungskrise, die meine Nächsten auszubaden haben. So auch heute Abend, als ich abgerieben und kriselnd nach Hause komme. Meine bessere Hälfte will wissen, was heute denn wieder passiert ist. Ich erläutere ihr, dass die Patienten häufig gar nicht mehr an Genesung interessiert seien, sondern nur Vorteile aus ihrer Erkrankung ziehen möchten. Vorzugsweise in Euro und Cent, wenn das nicht geht, dann in Form von Sozialleistungen. Hoch lebe der krankheitsbedingte Sekundärgewinn, gesund sind nur die Armen im Geiste, so denken viele!

„Ach was, das bildest du dir nur ein!“ Tue ich nicht! Heute morgen habe ich bei einem jüngeren Mann einen Verschluss der Oberschenkelarterie festgestellt. Das finde er richtig gut, so teilte er mir mit, denn nun könne er endlich einen höheren Grad der Behinderung und das Merkzeichen G einklagen. Weil er dann fünf Tage bezahlten Urlaub mehr kriegt. „Du übertreibst, wie immer!“ Nein, das mache ich nicht! Heute Mittag musste ich einem Patienten die traurige Nachricht mitteilen, dass er an einer schweren koronaren Dreigefäßerkrankung leidet und operiert werden muss. Die Wahl einer Klinik mit vorzüglichen Kardiochirurgen schien ihn nicht zu interessieren, sondern er zeigte sich erfreut darüber, dass seine Krankenkasse jetzt seinen Antrag auf einen Kuraufenthalt nicht mehr ablehnen könne.

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„Du bist mal wieder viel zu schräg drauf!“ Nein, bin ich nicht! Wenn ich eine Herzschwäche diagnostiziere, so ist die Therapie völlig unwichtig; wesentlich ist, wie viel Prozente das beim Versorgungsamt bringt und wie viel Steuern man damit sparen kann. „Es reicht! Du bist paranoid! Das stimmt doch überhaupt nicht, dass die Menschen ihre Krankheiten zu Geld machen wollen, du machst dir was vor! Ich habe genug von deinem Gejammer, ich fahre jetzt in die Stadt und treffe mich mit einer Freundin.“ Sagt’s und lässt mich alleine.

Eine halbe Stunde später ist meine Frau wieder da, in getrübter Stimmung. So ein kurzer Abend? „Ich kam gar nicht bis in die Stadt. Ich habe an der Kreuzung zu spät gebremst und das vorausfahrende Fahrzeug berührt. Ein junger Mann sprang heraus, lachte und holte sofort die Polizei. Den Beamten erzählte er, dass diese furchtbare Kollision seine Bandscheiben habe herausspringen lassen, er hätte entsetzliche Schmerzen, könne seine Beine nicht mehr bewegen, er müsse sich jetzt über Monate krankschreiben lassen. Außerdem würde er mich vor Gericht zerren und auf Schmerzensgeld und Schadensersatz verklagen. Bitte glaub’ mir, das war nur eine ganz leichte Berührung, da war wirklich nur ein kleiner Kratzer an seinem Auto, aber ich bin am Boden zerstört!“ Ich versuche, sie zu trösten. Und sage keinen Ton mehr vom krankheitsbedingten Sekundärgewinn.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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