ArchivMedizin studieren4/2010Sanitätsdienst der Bundeswehr: Weltweiter Einsatz in Land, Luft und auf See

Karriere: Die Reportage

Sanitätsdienst der Bundeswehr: Weltweiter Einsatz in Land, Luft und auf See

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 4/2010: 8

Richter-Kuhlmann, Eva

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Auch die Bundeswehr sucht Ärztinnen und Ärzte. Doch nicht jeder Studienplatzbewerber oder Absolvent ist für den vielfältigen, aber anstrengenden Beruf eines Sanitätsoffiziers geeignet.

Ständig abrufbereit für Einsätze in Krisengebieten: Dirk Oldenburg war bereits fünfmal in Afghanistan. Foto: privat
Ständig abrufbereit für Einsätze in Krisengebieten: Dirk Oldenburg war bereits fünfmal in Afghanistan. Foto: privat

Notaufnahme des Bundeswehrkrankenhauses (BWK) Berlin: Sonnenlicht fällt ein, es ist still, nur Kaffeetassen klappern leise. Der Morgen verläuft ungewöhnlich ruhig – bis um 8.30 Uhr telefonisch ein Patient angekündigt wird: ein 48-jähriger Bauarbeiter, angefahren von einem Motorrad, Tibiafraktur, Kreislauf stabil, Schmerzen unter dem rechten Rippenbogen.

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Mehrere Ärzte und Pfleger eilen in den Schockraum, darunter Stabsarzt Dr. med. Christine Rose, Weiterbildungsassistentin Anästhesie im zweiten Jahr, und Oberstabsarzt Dirk Oldenburg, Weiterbildungsassistent Anästhesie/Intensivmedizin kurz vor der Facharztprüfung. Schnell haben sie die Situation erfasst: Der Patient ist wach, keine Pupillendifferenz, Wirbelsäule intakt. Der Ultraschall zeigt Flüssigkeit im Bauchraum des Patienten, unter anderem einen perihepatischen Flüssigkeitssaum bei Rippenfraktur rechts. Zudem stellt Rose ein abgeschwächtes Atemgeräusch rechts fest, Sättigung 100 Prozent. Rose ordnet eine Bestimmung der Blutgruppe und einen Röntgenthorax an, sediert und intubiert den Patienten, Oldenburg legt eine Thoraxdrainage. Dann geht es ab in den OP.

Stabsarzt Rose mit Oberstabsarzt Oldenburg beimTraining: Die traumatologische Akutversorgung und die Rettungs- und Notfallmedizin sind Schwerpunkte bei der Ausbildung des militärischen Sanitätspersonals. Fotos: Svea Pietschmann
Stabsarzt Rose mit Oberstabsarzt Oldenburg beimTraining: Die traumatologische Akutversorgung und die Rettungs- und Notfallmedizin sind Schwerpunkte bei der Ausbildung des militärischen Sanitätspersonals. Fotos: Svea Pietschmann

Zwölf Minuten – das ist eine gute Zeit für die Aufnahme und die Erstversorgung im Schockraum. Rose und Oldenburg bekommen anerkennende Blicke vom Team – obwohl es sich nur um eine Übung an der Simulationspuppe gehandelt hatte. Jeden Mittwochmorgen üben die diensthabenden Ärzte der Notaufnahme am BWK das Verhalten in Notsituationen. „Das ist ein prima Training“, meint Rose, die zum zweiten Mal teilgenommen hat. Bereits seit März 2009 arbeitet sie am BWK; zunächst in der Neurologie/Psychiatrie. „Doch dann konnte ich zur Notaufnahme wechseln und auf mein Wunschfach Anästhesie umplanen.“ Hier geht die 30-Jährige, die im Dezember 2008 ihr Examen absolvierte, völlig in ihrer Arbeit auf. „Ich habe eine der schönsten Stellen überhaupt“, schwärmt Rose. „Schon sehr schnell konnte ich viel Verantwortung übernehmen.“ Sie nimmt die Patienten auf, die über die Notaufnahme kommen, stellt selbstständig vorläufige Diagnosen, veranlasst Konsile und leitet Narkosen im OP ein.

Vor ihrem Eintritt in das BWK absolvierte die junge Ärztin die für Sanitätsoffiziere obligatorische postuniversitäre modulare Ausbildung. Dabei werden innerhalb von drei Monaten Englischkenntnisse aufgefrischt sowie notfallmedizinische Grundlagen und Grundsätze für den Einsatz in Krisengebieten trainiert. Diese sind unabdingbarer Bestandteil einer Tätigkeit als Arzt oder Ärztin bei der Bundeswehr.

„Ich wollte mich gern bei humanitären Einsätzen engagieren. Deshalb habe ich mich einfach als Sanitätsoffizier beworben – und es hat geklappt.“ Dr. med. Christine Rose
„Ich wollte mich gern bei humanitären Einsätzen engagieren. Deshalb habe ich mich einfach als Sanitätsoffizier beworben – und es hat geklappt.“ Dr. med. Christine Rose

Rose verspürte schon früh Fernweh und auch Abenteuerlust. 2001 kam sie als im „zivilen Leben“ ausgebildete Intensivschwester zur Truppe. „Ich wollte mich gern bei humanitären Einsätzen engagieren“, erzählt sie. „Das Angebot einer caritativen Einrichtung, auf einer Leprastation in Indien zu arbeiten, fand ich aber nicht so interessant. Deshalb habe ich mich einfach als Sanitätsoffizier beworben – und es hat geklappt.“ Rose verpflichtete sich für 17 Jahre bei der Bundeswehr, eine dreimonatige militärische Grundausbildung und das Studium inklusive. Dieses absolvierte Rose in Greifswald, promovierte und arbeitete danach ein halbes Jahr in einem Dschungelkrankenhaus in Guatemala.

„Wenn man sich nicht für Auslandseinsätze erwärmen kann, sollte man die Finger von einer Laufbahn als Sanitätsoffizier lassen.“ Dr. med. Dirk Oldenburg
„Wenn man sich nicht für Auslandseinsätze erwärmen kann, sollte man die Finger von einer Laufbahn als Sanitätsoffizier lassen.“ Dr. med. Dirk Oldenburg

Im Gegensatz dazu ist der Alltag am BWK Berlin weniger spektakulär. Mit seinen 367 Betten und 220 ärztlichen Angestellten unterschiedlichster Fachrichtungen unterscheidet sich die Klinik nicht wesentlich von einem zivilen Krankenhaus. „Wir haben viele ‚zivile‘ Patienten, zum Teil auch mit hausärztlichen Problemen“, erläutert Rose. Aber auch „ViPs“, wie der Bundespräsident, seien häufiger auf den Fluren anzutreffen. Denn das BWK Berlin versorgt als „Regierungskrankenhaus“ auch zahlreiche oberste Bundesbehörden. Weitere Kernaufgaben sind die Ausbildung und das ständige Training des militärischen Sanitätspersonals für die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Zudem ist es ein Akademisches Lehrkrankenhaus der Charité–Universitätsmedizin Berlin.

Auf diese Weise hatte Dirk Oldenburg auch erstmals Kontakt zum BWK: Er absolvierte hier ein PJ-Tertial als Medizinstudent in der Inneren Medizin. Der gebürtige Westberliner ist ein Seiteneinsteiger in der Sanitätsoffizierslaufbahn. Wegen seines Medizinstudiums ließ er sich sogar zunächst vom Wehrdienst zurückstellen und kam erst danach zur Bundeswehr. „Ich wollte schon immer Notfallmedizin machen und im Ausland tätig werden, beispielsweise für Ärzte ohne Grenzen“, erklärt der Rettungsmediziner. „Das hat mir die Bundeswehr ermöglicht.“ Oldenburg leistete seinen Wehrdienst als Arzt im Praktikum, verpflichtete sich danach als Zeitsoldat, absolvierte seine Facharztweiterbildung und wurde schließlich Berufssoldat in der Marine.

Seit auch bei der Bundeswehr Ärztemangel herrscht, ist solch eine Vorgehensweise nicht unüblich: Allein im vergangenen Jahr registrierte das Personalamt der Bundeswehr 80 Seiteneinsteiger in den Sanitätsdienst. Sie können sich unterschiedlich lang für den Dienst verpflichten. Zeitspannen von einem Jahr bis zum Eintritt als Berufssoldat sind möglich. Auch jetzt sucht die Bundeswehr händeringend nach Nachwuchs an Medizinern, ganz gleich, ob diese direkt als Sanitätsoffiziere ausgebildet werden oder zivile Ärzte sind. Denn dem Jahresbericht 2009 vom März dieses Jahres zufolge fehlen der Bundeswehr etwa 600 Ärztinnen und Ärzte.

Einsatz in Afghanistan: Derzeit sind etwa 4 500 deutsche Soldaten an der International Security Assistance Force beteiligt. Foto: privat
Einsatz in Afghanistan: Derzeit sind etwa 4 500 deutsche Soldaten an der International Security Assistance Force beteiligt. Foto: privat

Für Oldenburg war der Wechsel vom zivilen in den militärischen Dienst die richtige persönliche Entscheidung. Leidenschaft und Überzeugung schwingen mit, wenn er von seinen sechs Auslandseinsätzen erzählt. Der 40-Jährige war einmal im Kosovo und fünfmal in Afghanistan. 2003 – in seinem ersten Weiterbildungsjahr – arbeitete er bereits als Anästhesieassistent in Kabul; im vergangenen Jahr leitete er die Anästhesie im Feldkrankenhaus in Mazar-e-Sharif. Ferner war er mehrfach in einem „Beweglichen Arzttrupp“ (BAT) eingesetzt. Dabei begleitete er Patrouillen, kümmerte sich unter anderem in den Bergen Afghanistans um den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai. „Wenn wir in den Bergdörfern ankamen, standen die Menschen bereits Schlange, um von uns behandelt zu werden“, berichtet Oldenburg. „Manchmal sind sie dazu tagelang von anderen über die Berge getragen worden.“

Doch wie fühlt man sich, wenn man zu einem Einsatz in solch einem Krisengebiet gerufen wird? „Unsicherheit, Respekt und Spannung sind da immer mit dabei, wenn der Anruf kommt“, räumt Oldenburg ein. Doch mittlerweile habe eine zunehmende Professionalität eingesetzt. „Afghanistan und das Leben der Menschen dort interessieren mich einfach auch sehr“, erklärt Oldenburg, der in den vergangenen acht Jahren insgesamt zwölf Monate im Einsatz im Ausland verbracht hat.

Die Arbeit des Sanitätsdienstes der Bundeswehr hat sich in der Tat in den vergangenen Jahren durch die vermehrten Auslandseinsätze verändert. Für Oldenburg ist deshalb klar: „Wenn man sich nicht für Auslandseinsätze erwärmen kann, sollte man die Finger von einer Laufbahn als Sanitätsoffizier lassen.“ Arzt sein bei der Bundeswehr erfordere eine Persönlichkeit, die den speziellen Anforderungen – auch dem Dienst in einer Einsatzarmee – gewachsen ist.

Körperliche Fitness gehört dazu. „Wenn man in Afghanistan bei 55 Grad Celsius eine Splitterschutzweste tragen muss, kann man schon an seine körperlichen Grenzen geraten“, weiß der Anästhesist. Für unverzichtbar hält er deshalb das Training, das alle Sanitätsoffiziere jährlich absolvieren müssen. Diese „Individuellen Grundfertigkeiten“ beinhalten Schießübungen mit der Pistole, einen Basisfitnesstest, einen Leistungsmarsch mit Gepäck und das jährliche Ablegen des Deutschen Sportabzeichens. Zum Gesundheitscheck gehören ferner diverse Impfungen, wie eine MMR-Auffrischung, Impfungen gegen Hepatitis A und B, FSME (Kosovo), Tollwut (in Afghanistan wegen streunender Hunde), Gelbfieber, Typhus und japanische Enzephalitis.

Die neuen Aufgaben der Bundeswehr verlangen von den Ärzten außerdem eine hohe Flexibilität; nicht immer ist der Dienst einfach mit dem Privatleben zu vereinbaren – zumal, wenn der Ruf zu einem Einsatz kurzfristig kommt. „Dies erfordert viel Toleranz und Belastbarkeit vom Partner, teilweise gehen aber auch Beziehungen daran kaputt“, berichtet Oldenburg, der gemeinsam mit seiner Partnerin einen dreijährigen Sohn hat. Bisher läuft alles gut, aber „wenn es hart auf hart mit der Familie kommt, überlegen sich in der Tat Kollegen, ob sie als Berufssoldat aussteigen“. Rose möchte mit der Familienplanung noch etwas warten. Gerade erst musste sie den künftigen Einsatz als Truppen- oder Schiffsarzt beziehungsweise im Beweglichen Arzttrupp wählen. „Ich habe mich gerade auch für den BAT-Pool entschieden und werde in den nächsten drei Jahren verschiedene kurzfristige Einsätze im Ausland haben“, erklärt sie. Für sie ist klar: „Wir werden dringend gebraucht.“ Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Sanitätsoffiziere (SanOffz) bei der Bundeswehr:
Planstellen: 3 496

Tatsächliche Zahl: 3 154 (Stand September 2010)

Frauenanteil: 41 Prozent

SanOffz in Teilzeit: 148,
davon 137 weiblich

SanOffz in Mutterschutz/Elternzeit: 168, davon 137 weiblich

Bundeswehrkrankenhäuser: Berlin, Hamburg, Koblenz, Ulm, Westerstede (in Kooperation mit der Ammerlandklinik)

Medizinstudium/Sanitätsoffizier-anwärter:

Studium an allen medizinischen Fakultäten möglich

Bewerber SanOffz 2010: 1 398,
davon 852 weiblich

Bewerber SanOffz 2008: 1 184, davon 681 weiblich

Quelle: Bundeswehr

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