ArchivMedizin studieren4/2010Als Hausarzt im Bergischen Land: Landarzt – Leben mit den Patienten

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Als Hausarzt im Bergischen Land: Landarzt – Leben mit den Patienten

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 4/2010: 20

Weisbach, Wolf-Rüdiger

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Plädoyer für einen gefährdeten Beruf

Zeichnungen: Elke R. Steiner
Zeichnungen: Elke R. Steiner

Dienstagmorgen. Gemeinsames Frühstück mit der Partnerin. Da erreicht mich ein Notfall aus meiner Landpraxis. Aufgeregt bittet Herr Schmidt um einen sofortigen Hausbesuch: „Meine Frau hat eine Gallenkolik. Bitte kommen Sie doch bald, und geben Sie ihr eine Spritze.“

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Der Praxisalltag holt mich ein. Zehn Minuten später bin ich unterwegs zu dem einsam gelegenen Bauernhof, freue mich, meinen Allradkombi herausfordern zu dürfen. Nach der Behandlung mit der krampflösenden Spritze wechsle ich noch einige Worte mit dem Ehemann, der sich zu meiner Überraschung nicht bedankt, sondern darüber beschwert, dass ich nicht schon um sechs Uhr erreichbar gewesen sei.

Auf der Rückfahrt denke ich an die Anfangsjahre meiner Landarzttätigkeit zurück. Wie oft musste ich nachts oder am späten Abend, samstags oder sonntags Besuche absolvieren. Nächtliche Herzanfälle, Koliken, Asthmaanfälle, sogar Unfälle gehörten seinerzeit zu den Pflichten landärztlicher Arbeit. Heute sind dringende Hausbesuche zu „Unzeiten“ selten geworden. Seit einigen Jahren genieße ich die deutliche Verbesserung der landärztlichen Lebensqualität: den Anschluss an die Notfallpraxis in der Kreisstadt mit der angenehmen Folge von nur noch drei bis vier Wochenenddiensten im Jahr und seltenen Diensten in der Woche. Natürlich bin ich für meine schwer kranken Patienten erreichbar. Sterbende und deren Angehörige haben meine Handynummer. Meine Patienten wissen, wo ich wohne, und suchen mich im Einzelfall auf. Aber ich habe die Freiheit gewonnen, meine Abende, mein Wochenende frei zu gestalten.

Wenn ich die „Geschichte“ meiner Landpraxis beschreibe, so beschreibe ich auch die Evolution hausärztlicher Tätigkeit in den vergangenen 50 Jahren. Die Modernisierung der väterlichen Praxis nach der Übernahme in den Siebzigerjahren, die Anpassung an die Ansprüche der modernen Medizin auch auf dem Land: ein tragbares EKG-Gerät mit drei Ableitungen, ein Flammenphotometer, dann einige Jahre später der UV-Ansatz für das Lange-Photometer, scherzhaft „Ofenrohr“ genannt.

Es brauchte eine gewisse „Umerziehungszeit“, die Patienten davon zu überzeugen, dass sie in der Praxis besser und gründlicher untersucht werden können als bei einem Hausbesuch. Denn die ärztliche Arbeit des Vaters war charakterisiert durch eine umfangreiche Hausbesuchstätigkeit. Für ihn war es selbstverständlich, Tag und Nacht für die Patienten erreichbar zu sein. Das gehörte zum Credo dieser Hausarztgeneration. Ich kann es erst heute schätzen, wie mein Vater mit einfachen Mitteln auch schwierige Diagnosen zu stellen wusste, wie er als Geburtshelfer zusammen mit der Hebamme zahllosen Kindern auf die Welt half, die heute als Erwachsene meine Patienten sind.

Die hausärztliche Arbeit hat sich aber – deswegen der romantisch verklärte Blick zurück – innerhalb von einer Generation grundlegend verändert. Denn das sogenannte Wirtschaftswunder ließ auch mehr Geld in die Kassen der Kran­ken­ver­siche­rung fließen – und damit in die Arztpraxen. Man konnte investieren. So mutierte bald der Dreifach- in einen Sechsfachschreiber, ein Ergometriemessplatz wurde eingerichtet. Ende der Siebzigerjahre wurden die ersten Ultraschallgeräte für die Hausarztpraxen erschwinglich. Inzwischen kann ich mit der neuesten Generation meines Geräts sogar die Halsschlagader vermessen und Thrombosen an den Beinen diagnostizieren. Welch ein Fortschritt für die Patienten auf dem Land! Lange Wege zum Facharzt in der Stadt werden ihnen in vielen Fällen erspart. Online erhalte ich innerhalb von Stunden wichtige Laborergebnisse, bin dank Internet in der Lage, schnellstmöglich Recherchen über unbekannte Symptome durchzuführen. Zur Behandlung von Schwerstkranken, Pflegebedürftigen und Sterbenden steht mir zuverlässiges und gut ausgebildetes Pflegepersonal entsprechender Einrichtungen Tag und Nacht zur Verfügung. Die Krankenkassen haben noch niemals die Bereitstellung von Geräten für Finalpatienten wie Sauerstoffgeräte oder Absauger abgelehnt.

Mein apparatives Angebot, gepaart mit meinem medizinischen Wissen unter Einbeziehung der Lebens- und Arbeitsbedingungen meiner Patienten, erlaubt es mir, eine integrierte psychosomatische Medizin zu praktizieren. Das gemeinsame gesellschaftliche Umfeld mit den Patienten ermöglicht es dem Arzt, Maßnahmen der Gesundheitserhaltung zu beeinflussen beispielsweise durch die Mitarbeit in Gesundheitsgruppen (Koronarsport, Ernährungskursen, Vorträgen, Selbsthilfegruppen, gesundheitspolitischen Gremien). Mittlerweile existieren auch auf dem Land Ärztenetze, die in Qualitätszirkeln den Erfahrungsaustausch pflegen. Ebenso ermöglichen die Arbeit mit Weiterbildungsassistenten und, in vielen Fällen, die Zusammenarbeit in Gemeinschaftspraxen den ärztlichen Gedankenaustausch.

Einzelkämpfer sind auch auf dem Land inzwischen eine Rarität. Ich bin stolz darauf, 80 bis 90 Prozent aller gesundheitlichen Probleme vor Ort abklären zu können, ohne an meine Kompetenzgrenze zu stoßen. Ich bin davon überzeugt, dass die immer noch vorhandene hohe Wertschätzung der Ärzte in der Bevölkerung weit weniger bedingt ist durch die mehr oder weniger spektakulären Erkenntnisse hochkarätiger Medizinspezialisten, als vielmehr durch die positiven Erfahrungen der Patienten mit ihren Haus- und Familienärzten. Landarzt zu sein, ist eine der befriedigendsten ärztlichen Tätigkeiten – das ist auch nach Jahrzehnten noch meine Überzeugung.

Warum ist die Arbeit auf dem Land bei den jungen Ärzten heute so wenig gefragt, verwaisen immer mehr Landpraxen? Landarzt zu sein, ist eine Herausforderung. Es stellt hohe Ansprüche an das ärztliche Wissen und Können. Vor allem ist es eine Arbeit, die inzwischen auch ausreichend bezahlt wird. Die Notdienstfrequenz ist in der Regel nicht höher als in der Stadt. Fast beneidenswert ist das Leben und Arbeiten in gesunder Luft und inmitten der Patienten, an deren Festen, Nöten und Krankheiten man teilnimmt und deren Anerkennung man sicher sein kann. Ist es nicht ein Privileg, den Arbeitsplatz zu Hause zu haben, Staus nur aus dem Radio zu kennen? Das „flache Land“ ist doch, wenn man das strapaziöse Leben in der Stadt erlebt hat, fast ein Paradies.

Nach Gesprächen mit potenziellen Praxisnachfolgern, aber auch mit Studenten in meiner Lehrpraxis und als ehemaliger Lehrbeauftragter glaube ich: Es geht den jungen Ärzten nicht in erster Linie ums Geld. Das ist auch in Zukunft gesichert. Denn man kann erwarten, dass künftig finanzielle Anreize gesetzt werden, damit Ärzte aufs Land gehen. Nein, neben dem Trend zur fachärztlichen Tätigkeit und dem Desinteresse an der hausärztlichen Arbeit suche ich Gründe an anderer Stelle: Das Leben in der Stadt ist „in“, verspricht scheinbar einen höheren Erlebniswert. „Die Lebensweise auf dem Land kann meinen Ansprüchen nicht genügen“, sagte mir ein Kollege unter Zustimmung von Frau und Tochter.

Darüber hinaus schrecken junge Ärzte nicht selten vor einem zu engen Kontakt mit den Patienten zurück. Man schätzt die Objektivität der Apparatemedizin und scheut – weitergebildet nach den Regeln der evidenzbasierten Medizin – die Unsicherheit der menschlichen Beziehung, die sich im Laufe von Jahren zwischen Hausarzt und Patient einstellt. „Die Nähe, die Sie zu dem Patienten haben, würde mich stören, ja mir sogar Angst machen“, formulierte es eine Famulantin. Erziehen unsere Universitäten die jungen Mediziner zu Medizintechnikern statt zu Ärzten, die auch am Leben der Menschen interessiert sind und nicht nur an ihrem pathologischen Befund? Dr. med. Wolf-Rüdiger Weisbach

E-Mail: Dr.Weisbach@gmx.de

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