ArchivMedizin studieren4/2010Verbundweiterbildung: Die Hausarztschmiede

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Verbundweiterbildung: Die Hausarztschmiede

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 4/2010: 5

Hibbeler, Birgit

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Schnell und gut qualifiziert zur Facharztprüfung: Das geht – wenn die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner vernünftig organisiert ist. Wir besuchten eine vorbildliche Lehrpraxis in Pforzheim.

Corporate Identity ist in der Hausarztpraxis Engeser kein Fremdwort. Das sehen die Patienten schon, wenn sie zum ersten Mal am Empfang im Eingangsbereich stehen. Wer hier zum Team gehört, ist sofort für jeden klar erkennbar. Alle Mitarbeiter tragen hell- oder dunkelblaue Polohemden mit Namensaufdruck. Nun macht ein Trikot allein noch keine Mannschaft, aber man spürt: Hier stimmt die Chemie. „Für mich ist das ein Glücksfall“, sagt Dr. med. Tobias Freund (32). Er ist seit einigen Monaten in der Praxis im Zentrum von Pforzheim angestellt und absolviert zurzeit seine Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin. Mit seiner Arbeit und der Betreuung ist er rundum zufrieden. Und auch sein Chef, Dr. med. Peter Engeser (56), ist von seiner Aufgabe als Weiterbilder angetan. „Mir macht das einfach Spaß“.

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Dass die Weiterbildung in der Pforzheimer Praxis gut ist, könnte Zufall sein – wie so oft. Doch das greift in diesem Fall zu kurz. Zwar hängt die Weiterbildung immer auch an Einzelpersonen, aber bei Freund und Engeser spielt das Konzept, in das sie eingebunden sind, eine entscheidende Rolle – die „Verbundweiterbildung plus“. Sie bietet den Assistenzärzten eine nahtlose Rotation durch alle Weiterbildungsabschnitte in Krankenhaus und Praxis. So müssen die jungen Ärztinnen und Ärzte nicht immer wieder Bewerbungen schreiben und können sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren. Außerdem bekommen sie ein umfassendes Schulungsprogramm.

Freund ist für das Programm extra nach Baden-Württemberg gezogen. Studiert hat er in Berlin, gebürtig ist er aus Wiesbaden. Überzeugt hat ihn besonders die breite Palette der möglichen Fächer. Konkret bedeutet das: Freund wollte nicht nur die Pflichtauflagen der Weiter­bildungs­ordnung für den Facharzt erfüllen – also Innere Medizin und Allgemeinmedizin. Für ihn stand fest, dass er in jedem Fall Erfahrungen in der Chir- urgie und der Kinderheilkunde sammeln wollte. „Das ist außerhalb von Verbünden schwierig“, weiß Freund. Das gelte vor allem, wenn man eine Anstellung für einen kurzen Zeitraum suche. Und Freund wollte kein Einzelkämpfer sein, der sich allein bis zur Facharztprüfung durchboxt. Jetzt – mit der Verbundweiterbildung – hat er viele andere Ärzte kennengelernt, die in der gleichen Situation sind wie er. „Man steht nicht mehr isoliert da, sondern hat ein großes Netzwerk.“ Mit seinem Fach identifiziert er sich heute mehr als je zuvor – „Corporate Identity“ in der Allgemeinmedizin.

Freund ist einer von 75 Ärzten, die zurzeit an der „Verbundweiterbildung plus“ teilnehmen. Sie sind auf 24 regionale Weiterbildungsverbünde in ganz Baden-Württemberg verteilt. 50 Kliniken und 50 Praxen sind daran beteiligt. Koordiniert wird das Programm vom „Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin Baden-Württemberg“ – einem Projekt der fünf allgemeinmedizinischen Universitätsstandorte, finanziert mit Landesmitteln. Je nach Verbund unterscheidet sich das Angebot der Fachrichtungen, das von Gynäkologie über Orthopädie bis Psychosomatik reicht.

„Man steht nicht mehr isoliert da, sondern hat ein großes Netzwerk.“ Tobias Freund. Fotos: Markus Bechtle
„Man steht nicht mehr isoliert da, sondern hat ein großes Netzwerk.“ Tobias Freund. Fotos: Markus Bechtle

Die Weiterbildung der künftigen Hausärzte soll möglichst umfassend sein, nicht nur internistisch ausgerichtet. Die Assistenzärzte können die Fächer nach eigenen Interessen wählen – selbstverständlich im Rahmen der Weiter­bildungs­ordnung. Sie durchlaufen mindestens drei Stationen, meistens sogar mehr. „Es reicht aber nicht, einfach die verschiedenen Abschnitte aneinanderzukleben“, stellt Priv.-Doz. Dr. med. Stefanie Joos klar. Sie ist stellvertretende Leiterin des Kompetenzzentrums und Leitende Oberärztin der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung der Universität Heidelberg. „Wir müssen die Weiterbildung mit Inhalt füllen“, sagt sie.

Die Verbundweiterbildung bietet deshalb neben der strukturierten Rotation ein Mentoringprogramm und Schulungen an. Zehn Fortbildungstage im Jahr sind vorgesehen. Sechs davon verbringen die Ärzte gemeinsam in einer internen Schulung. Dabei geht es sowohl um medizinische Themen und praktische Fertigkeiten als auch um Reflexion des eigenen Handelns. Die Rotation in den Weiterbildungsverbünden beginnt zwar zu unterschiedlichen Zeitpunkten, für den Unterricht werden jedoch feste Gruppen von circa 25 Personen gebildet. Es gibt zurzeit drei „Jahrgänge“. Auftakt für das Schulungsprogramm ist ein Seminar. Die Gruppe fährt dann gemeinsam zwei Tage weg. Das ist nicht nur gut, um sich kennenzulernen, sondern auch, um Erwartungen und Ziele zu klären.

Was mache ich mit einem Patienten, der ein rotes Auge hat? Wie gehe ich mit Konflikten im Praxisteam um? Was kann ich tun, um nicht im Burn-out zu landen? Solche Fragen kommen im Studium oft nicht zur Sprache, sind aber für den angehenden Allgemeinmediziner wichtig. Die jungen Ärzte spürten, dass die Arbeit als Hausarzt nicht immer einfach sei, meint Joos. Für sie sei eine gute Vorbereitung auf den Berufseinstieg daher wichtig. „Die Allgemeinmedizin ist ein tolles Fach. Das wollen wir vermitteln“, erläutert sie.

Weiterbildungsverbünde sind wichtige Maßnahmen gegen den Hausärztemangel. Doch sie sind nur ein Baustein. So sieht man das in Pforzheim. Für Praxischef Engeser und Weiterbildungsassistent Freund ist klar: Wenn die Rahmenbedingungen für die hausärztliche Arbeit nicht kalkulierbar sind, dann muss man sich nicht wundern, wenn der Nachwuchs abgeschreckt wird. Engeser fügt jedoch hinzu: „Wir dürfen auch nicht immer nur jammern. Hausarzt ist ein wunderschöner Beruf.“

Zumindest ein Hindernis finanzieller Art ist bereits beseitigt. Die Weiterbildungsassistenten in den Praxen bekommen in Deutschland heute ein Gehalt von mindestens 3 500 Euro brutto monatlich. Früher verdienten die angehenden Hausärzte in der Praxisphase zum Teil nur die Hälfte von dem, was im Krankenhaus üblich war, wie Assistenzarzt Freund berichtet. „Das wäre für mich nicht machbar gewesen“, sagt der junge Familienvater. Geld ist aber nicht alles. „Die Allgemeinmedizin braucht vor allem ein besseres Image“, meint Freund. Dabei spielen auch Forschung und Lehre eine Rolle.

Wer etwas gegen den Hausärztemangel tun will, muss also an vielen Punkten ansetzen – ob nun beim Studium, der Weiterbildung oder den Rahmenbedingungen insgesamt. „Ohne die Verbundweiterbildung wäre ich jetzt wahrscheinlich in England“, sagt Freund. Heute ist er froh, dass er geblieben ist. Sein Umfeld und die gute Weiterbildung haben ihn motiviert. Und für ihn steht fest: „Die Allgemeinmedizin ist mein Fach.“ Dr. med. Birgit Hibbeler

Weiterbildungsverbünde

Allgemeinmediziner müssen die Stationen auf dem Weg zum Facharzt selbst organisieren – oft mit großem Aufwand und Zeitverlust. In ganz Deutschland haben sich daher Weiterbildungsverbünde gegründet. Sie vernetzen ambulante und stationäre Weiterbildungsabschnitte.

Vorreiter dabei ist Baden-Württemberg mit der „Verbundweiterbildung plus“ (www.weiterbildung-allgemeinmedizin.de). Aber auch in anderen Bundesländern gibt es Verbünde. Informationen dazu gibt es bei den zuständigen Ärztekammern oder Kassenärztlichen Vereinigungen.

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