ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2011Medizinische Rehabilitation: Berufliche Teilhabe als Leitziel

POLITIK

Medizinische Rehabilitation: Berufliche Teilhabe als Leitziel

Dtsch Arztebl 2011; 108(4): A-154 / B-122 / C-122

Manteuffel, Leonie von

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Deutsche Rentenversicherung will ihre medizinische Rehabilitation neu ausrichten: Die Angebote sollen stärker arbeitsbezogen sein als bisher. In einem Modellprojekt erproben derzeit sieben Kliniken ein Rahmenkonzept.

Reha vor Rente: Um diese sozialgesetzliche Maßgabe in der Versorgungswirklichkeit noch nachhaltiger umzusetzen, strebt die Deutsche Rentenversicherung (DRV) Bund mit ihren Regionalträgern eine „konzeptionelle Neuorientierung von Diagnostik und Therapie in der medizinischen Rehabilitation“ an. Die medizinische Rehabilitation soll durchgängig einen starken Arbeitsbezug erhalten. Die Rentenversicherung weist dabei auch auf die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit hin. Alltagsbewältigung, berufliche Teilhabe und soziale Einbindung auch mit dauerhaften gesundheitlichen Einschränkungen sind danach anstelle einer zumeist nicht erreichbaren Heilung für das therapeutische Handeln zielführend.

In einem von 2009 bis 2010 entwickelten Anforderungsprofil hat die DRV Zielgruppen, Maßnahmen, personelle und strukturelle Voraussetzungen und weitere Kriterien einer Medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation (MBOR) für somatische Indikationen umrissen. Für die Kliniklandschaft wurde ein abgestuftes Angebot entworfen:

Anzeige
  • Stufe A: Flächendeckend sollen die Rehakliniken „beruflich orientierte Basisangebote“ für alle Erwerbsfähigen vorhalten. Sie umfassen etwa eine berufsbezogene Diagnostik, Beratung und niederschwellige Gruppenangebote.
  • Stufe B: Ebenfalls flächendeckend sollen „MBOR-Kernmaßnahmen“ für Rehabilitanden mit besonderen beruflichen Problemlagen in Schwerpunktkliniken angeboten werden. Beispiele sind entsprechende Assessments, berufsbezogene psychoedukative Gruppen und Arbeitsplatztrainings.
  • Stufe C: Patienten mit besonders hohem Bedarf sollen in MBOR-Schwerpunktkliniken auch aufwendige „spezifische MBOR-Maßnahmen“ finden, zum Beispiel externe Belastungserprobungen (siehe Tabelle).

Im Mittelpunkt der MBOR stehen Patienten mit „besonderen beruflichen Problemlagen“. Etwa jeder dritte Patient, der über die Rentenversicherung in eine Rehabiliationsklinik kommt, ist in dieser Weise betroffen, haben Forscher der Charité – Universitätsmedizin Berlin vor fünf Jahren im bundesweiten Forschungsprojekt „PORTAL“ festgestellt. Die Anteile liegen zwischen 17 Prozent in der Dermatologie und 64 Prozent in der Onkologie. Mit „besonderen beruflichen Problemlagen“ sind problematische sozialmedizinische Verläufe gemeint – wie häufige Arbeitsunfähigkeit, unterbrochene Erwerbsbiografien – oder starke Zweifel, die geforderten Leistungen noch erbringen zu können. Als Indikator gelten neben erhöhten Arbeitsunfähigkeitszeiten und der Negativprognose des Patienten auch hohe psychosoziale Belastungen am Arbeitsplatz. Dazu zählen Konflikte im Beruf, Über- und Unterforderung, Arbeitsunzufriedenheit, erhöhtes Stresserleben, Ängste oder Burn-out-Risiken.

Durch geeignete Interventionen sollen die arbeitsplatzbezogenen personalen Ressourcen der Betroffenen gestärkt und Letztere befähigt werden, „trotz besonderer beruflicher Problemlagen eine nachhaltige berufliche Integration zu erreichen“. Rehabilitationsexperten der DRV Bund weisen darauf hin, dass Studien günstige Auswirkungen von bedarfsorientierten, intensiven und multimodalen beruflichen Therapieprogrammen auf den allgemeinen Gesundheitszustand, das Vermeiden von Fehlzeiten und die Teilhabe am Arbeitsleben belegen konnten. Zugleich hat eine Bestandsaufnahme zur Situation in 763 Rehaeinrichtungen aufgezeigt, dass der Berufsaspekt in der Praxis noch nicht ausreichend mit diagnostisch-therapeutischer Systematik behandelt wird und Interventionen vielfach vom vorhandenen Angebot gesteuert werden.

Um MBOR-Patienten möglichst frühzeitig zu identifizieren, wurden verschiedene kurze Fragebogen zur Selbstauskunft der Patienten entwickelt, darunter das „Würzburger Screening“ und das „Screening-Instrument zur Einschätzung des Bedarfs an Medizinisch-Beruflich Orientierten Maßnahmen in der medizinischen Rehabilitation“ (SIMBO) (siehe Kasten). Daran sollen sich vertiefende Diagnoseverfahren bis hin zu Profilverfahren anschließen. Mit ihnen lassen sich berufsrelevante funktionale, kognitive und behaviorale Beeinträchtigungen differenziert ermitteln und Therapieziele und -maßnahmen planen.

Für welche Diagnoseverfahren sich die Kliniken entscheiden, liegt in ihrem Ermessen. Vielfach ist auch die Arbeitsteilung zwischen Leistungsträger und Klinik unterschiedlich. So erfolgt in Westfalen eine Markierung potenzieller MBOR-Patienten bereits durch den Regionalträger, so dass die Klinik die Diagnostik mit weiteren Fragebogen schon vor der Aufnahme fortführen kann. Bei der DRV Bund wird bei der Antragstellung mit dem SIMBO gescreent, um dann in der sozialmedizinischen Begutachtung eine geeignete Klinik auszuwählen. Ansonsten werden die Patienten häufig erst nach der Aufnahme untersucht.

Im Oktober 2010 begann eine fünfzehnmonatige Modellphase in sieben Kliniken, wobei sich das Projekt auf die Orthopädie konzentriert. Die unterschiedlichen Schwerpunkte und Angebote der Kliniken spiegeln die nahezu 20-jährige heterogene Entwicklung wider. Sie reicht von der punktuellen Beratung bis hin zu komplexen Kooperationsmodellen mit Berufsförderungswerken und Betrieben. Häufig steht eine sozialrechtliche Information am Anfang: Dabei erfahren die Patienten, welche Voraussetzungen und sozialmedizinischen Folgen mit einer Frühverrentung verbunden sind, und spielen Beispielfälle durch. Ergänzend werden sie über Förderungsmöglichkeiten beraten, um den Blick für berufliche Alternativen zu weiten. So soll das Seminar „Berufliche Zukunft“ im Rehazentrum Bad Eilsen in fünf interaktiven Sitzungen eine realistische Selbsteinschätzung des eigenen Leistungsbilds und eine Revision von Rentenwünschen anregen. Darüber hinaus hat die niedersächsische Klinik eine breite Palette berufsorientierter Gruppen bis hin zu poststationärer Betreuung (Fallmanagement, telefonische Nachsorge) eingerichtet.

Eine ähnliche Intervention wird in der pfälzischen Dreiburgenklinik mit dem Fokus auf eine berufsbezogene Zielorientierung für die Rehabilitation durchgeführt. Die Klinik kooperiert systematisch mit Berufsförderungswerken (berufliche Orientierung, Belastungserprobung) und Unternehmen (stufenweise Wiedereingliederung). Des Weiteren hat sie ein auf Schichtarbeit ausgerichtetes Präventionsprogramm entwickelt.

Das Rehazentrum Bad Pyrmont bietet spezielle Therapiegruppen für Pflegekräfte, Verwaltungsangestellte und andere Berufe an. Übergreifend ist dagegen ein kognitiv-behaviorales Seminar zur berufsbezogenen Stressbewältigung angelegt, das Stressreaktionen bewusst macht, mentale Strategien vermittelt und dabei auch mit Rollenspielen arbeitet.

Die Klinik Münsterland hat ihr multimodales „Rückenfit“-Programm für psychosozial belastete Schmerzpatienten um ein hochfrequentes Arbeitsplatztraining erweitert. Die Rehabilitanden sollen berufsspezifische Leistungsanforderungen in einem täglichen Zirkeltraining anhand der Belastungstests (Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit nach Susan Isernhagen) ergotherapeutisch bearbeiten.

Ebenso wendet sich die Paracelsus-Klinik in Bad Gandersheim an Patienten mit berufsbezogener psychosozialer Problemlage. Im Vordergrund steht das Verbessern der berufsbezogenen Kompetenzen: In einer geschlossenen Gruppe durchlaufen die Patienten ein multimodales Therapieprogramm, dessen wesentliche Bausteine ein Sozialtraining, ein funktionelles Arbeitsplatztraining und eine Bewegungskompetenzschulung bilden.

In der Rehaklinik Am Kurpark in Bad Kissingen wendet man sich vor allem an Rehabilitanden, die zwar Probleme am Arbeitsplatz haben, aber grundsätzlich dorthin zurückkehren könnten. Nach erfolgreicher dreiwöchiger Rehabilitation absolvieren sie eine MBO®-Kompaktwoche mit funktioneller Leistungsdiagnostik, Leistungstraining, psychosozialem Gesundheitstraining sowie Ergonomie- und Arbeitsplatztraining (Modell- und Simulationsarbeitsplätze).

Das Konzept dafür wurde in der Bavaria-Klinik in Kreischa entwickelt, die sich auf dem Gebiet berufsbezogener medizinischer Rehabilitation schon frühzeitig engagierte. Sie ließ sich den Begriff der Medizinisch-beruflichen Orientierung (MBO) für ihre umfassenden bis zur Spezialisierungsstufe C reichenden Maßnahmenkonzepte (vielfältige Vernetzung, Fallmanagement) als eingetragenes Warenzeichen MBO® schützen, so dass anderweitig seitdem auf die Bezeichnung MBOR ausgewichen wird.

In der wissenschaftlichen Evaluation wird ein Forscherteam von der Klinik für Rehabilitationsmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover und von der Universität Würzburg vor allem untersuchen,

  • inwieweit die Zuweisung zur MBOR zielgenau erfolgt
  • wie differenziert berufliche Problemlagen identifiziert werden
  • welche Qualität die durchgeführten Maßnahmen haben und
  • wie Patienten die Ergebnisse einschätzen.

Auch den Aufwand und sich daraus ergebende Vergütungsfragen soll die Begleitforschung prüfen.

Leonie von Manteuffel

Screening

Die Rehabilitanden mit einer besonderen beruflichen Problemlage müssen zunächst einmal identifiziert werden. Ein Screening zur beruflichen Situation sollte folgende Punkte abdecken:

  • Wie stark sind Sie durch Schmerzen in Ihrer Arbeit beeinträchtigt? (Belastung)
  • Wie stellen Sie sich Ihre berufliche Zukunft vor? (subjektive Erwerbsprognose)
  • Was erhoffen Sie sich von Ihrem Rehaaufenthalt? (Therapiemotivation)

Angelehnt an: SIMBO-Fragebogen

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema