ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2011Schach: Verlieren mit ärztlichem Attest

SCHLUSSPUNKT

Schach: Verlieren mit ärztlichem Attest

Dtsch Arztebl 2011; 108(4): [128]

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer

Der Mensch verliert nicht gern. Und vielleicht besonders ungern beim Schach. Stößt der andere die Kugel etwas weiter, ist dies im Allgemeinen leichter zu verschmerzen als eine Niederlage beim „Königlichen Spiel“ – vor allem bei „Kopfsachen“ ist mit unserem Ego nicht zu scherzen. Karl Marx war höchst aufgebracht, wenn er immer wieder gegen seinen Mitstreiter Liebknecht verlor und zudem dessen süffisante Bemerkungen ertragen musste. Für Voltaire, auch wahrlich kein Dummkopf, war es unbegreiflich, dass er trotz eifrigen Bemühens ausgerechnet gegen Père Adam immer wieder den Kürzeren zog – zu allem Unglück auch noch einen katholischen Priester.

Entsprechend findig waren Verlierer schon immer im Auftun von Ausflüchten, früher vielleicht noch mehr als heute. Es kann doch nicht sein, was nicht sein darf. Der englische Meister Amos Burn beklagte sich am Ende seines langen Lebens, dass er nie die Befriedigung hatte, einen durch und durch gesunden Gegner zu schlagen. Entsprechend meinte Meister Löwenthal: „Der Verlierer hat immer ein ärztliches Attest in der Tasche!“ Der eine hat schlecht geschlafen, der Zweite verliert, weil er nichts im Magen hat, der Dritte just deswegen. Berühmt ist in diesem Zusammenhang der Ratschlag des spanischen Priesters und im 16. Jahrhundert besten Spielers der Welt, Ruy Lopez de Segura: „Spiele nach Möglichkeit, wenn dein Gegner gut gegessen und getrunken hat!“

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Selbst Ärzte sollen vor Ausflüchten nicht immer gefeit sein. Als Dr. med. Siegbert Tarrasch 1908 in Düsseldorf den Weltmeisterschaftskampf gegen Emanuel Lasker verlor (immerhin spielten damals noch zwei Deutsche um die Weltmeisterschaft), führte er seine Niederlage auch auf das dortige „Seeklima“ zurück.

Besonders schlimm sind „naturgemäß“ Verluste gegen eine Frau. Gab es früher einen „Vera Menchik Club“, in den die oft sehr prominenten männlichen Verlierer gegen die damalige Weltmeisterin zwangsweise eintreten mussten. So beschimpfte Weltmeister Garry Kasparow nach einer Niederlage gegen die heute beste Spielerin Judit Polgar diese und ihre Schwestern als „dressierte Hunde“ (heute hat er allerdings ein gutes Verhältnis zu ihr), und Exweltmeister Boris Spassky meinte nach einer Matchniederlage gegen dieselbe Judit, sie habe „männlich“ gespielt. Offenbar ist männlich das Nonplusultra.

Dr. med. Helmut Schröder hingegen scheint sich über schöne (!) Niederlagen gegen Damen zu freuen. An dieser Stelle brachte ich schon einmal den Opfersieg seiner Frau gegen ihn, nun teilte er mir mit, wie in einer Rehaklinik seine Schachpartnerin, Barbara Epping, nach seinem letzten (verfehlten) Schachgebot Ld5-f3+ nicht nur ihren bedrohten König rettete, sondern als Schwarze sogar ein undeckbares Matt heraufbeschwor. Wie kam’s?

Lösung:

Nach 1. . . . Kg3! half der plötzlich riesenstarke (und nicht mehr ängstlich flüchtende) schwarze König, ein undurchdringliches Mattnetz um sein weißes Gegenüber zu weben – gegen die Drohung 2. . . . Dh2 ist letztlich nichts zu erfinden. Stattdessen hätte 1. . . . Kh3? wegen 2. Sf4+! sogar verloren: 2. . . . Dxf4 3. Lg2+ nebst 4. Txf4.

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