ArchivDeutsches Ärzteblatt42/1997Malaria bei Kindern: Ist Paracetamol kontraindiziert?

SPEKTRUM: Akut

Malaria bei Kindern: Ist Paracetamol kontraindiziert?

Meyer, Rüdiger

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Paracetamol ist weltweit das bevorzugte Medikament zur Fiebersenkung im Kindesalter. Zu diesem Zweck wird es auch bei der Malaria eingesetzt, die ja mit regelmäßigen Fieberschüben einhergeht und die bei den noch nicht immunen Kindern die meisten Opfer fordert. Der regelmäßige Einsatz des Antipyretikums in dieser Altersgruppe wird jetzt jedoch durch eine Studie des Albert-Schweitzer-Hospitals in Lambarene (Gabun) stark in Zweifel gezogen (The Lancet 1997; 350:704-709). Bei 50 Kindern mit schwerer Malaria tropica, die mit Chinin behandelt wurden, wurde eine physikalische Fiebersenkung nach WHO-Empfehlung (Ventilatoren, lauwarme Schwämme und kühlende Bettlaken) durchgeführt. Die Hälfte der Kinder erhielt zusätzlich Paracetamol. Das Medikament war zwar in der Lage, den Fieberschub von 43 auf 32 Stunden zu verkürzen. Der Unterschied war aber statistisch nicht signifikant.

Signifikant war dagegen die Verlängerung der Zeit bis zum Verschwinden von Plasmodium falciparum aus dem Blut. Wie kann ein Antipyretikum die Eliminierung der Erreger behindern? Zum Fieber kommt es bei der Malaria, wenn die mit Schizonten angefüllten Erythrozyten synchron rupturieren. Die massenhaft freigesetzten Parasiten provozieren Monozyten zur Freisetzung von Tumornekrosefaktor (TNF). Es kommt zu einem starken Anstieg der Körpertemperatur. Das Fieber ist Teil der Abwehrreaktion des Immunsystems und nicht etwa eine Überlebensstrategie des Erregers, um für sich angenehme Temperaturen zu schaffen. Im Gegenteil: In-vitroUntersuchungen haben gezeigt, daß febrile Temperaturen die Vermehrung von Malariaparasiten hemmen. Bei den Kindern korrelierte der TNF-Spiegel mit der Höhe des Fiebers.


Hier gab es keine Unterschiede zwischen physikalischer und zusätzlicher medikamentöser Fiebersenkung. Allerdings war der durch Phytohämagglutinin induzierte Anstieg von TNF bei den mit Paracetamol behandelten Kindern abgeschwächt (im Vergleich zu den Kindern, bei denen nur eine physikalische Fiebersenkung betrieben wurde). Auch die Konzentration von freien Radikalen, ein Endprodukt der Immunkaskade, war deutlich vermindert. Die Ergebnisse der Studie sind deshalb einigermaßen plausibel. Die Autoren möchten die Ergebnisse gerne in einer größeren Studie bestätigt wissen, bevor sie zu einer Abkehr der Behandlungsstrategien bei der schweren Malaria raten. Außerdem ist unklar, ob die Ergebnisse auf Erwachsene übertragen werden können.
Rüdiger Meyer

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