ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2011Börsebius: Verkehrte Welt

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Börsebius: Verkehrte Welt

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Da reibe ich mir aber gleich zweimal die Augen. In der Morgenlektüre des „Handelsblattes“ steht schwarz auf weiß, dass die Bundesbank viele Anlageprodukte für zu teuer hält und Investoren rät, nicht auf die Empfehlungen der Finanzinstitute zu hören.

Diese Meldung hat es wirklich in sich. In ihrem neuesten Monatsbericht üben unsere Geldwächter dann auch tatsächlich scharfe Kritik am Gebaren von Finanzinstituten, ihren Kunden durch häufiges Umschichten zu hohe Gebühren aufzuerlegen. Es sei eine Illusion, man könne durch geschickte Aktienauswahl den Anlageerfolg steigern, diese Illusion werde eben genau durch Kauf- und Verkaufsempfehlungen von Analysten gezielt gefördert.

Im Übrigen begingen Investoren auch den Fehler, die teilweise hohen Kosten von Investmentfonds und die Risiken von Zertifikaten zu vernachlässigen. Wer die „entscheidende Rolle der Kostenstrukturen“ berücksichtige, fahre mit günstigeren börsennotierten Anlageprodukten besser. Konkret meint die Bundesbank damit Indexfonds, also sogenannte Exchange Traded Funds (ETF). In der Tat sind ETF deutlich kostengünstiger, einfach deswegen, weil sie einen Index abbilden und ansonsten nicht aktiv gemanagt werden, also teure Manpower vermeiden.

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Allerdings ist nicht überall, wo ETF draufsteht, wirklich Substanz drin. In meinem Beitrag „Schreckliche ETF“ (DÄ, Heft 39/2010) habe ich beschrieben, dass einige ETF den Index nicht mit „echten“ Aktien abbilden, sondern es dort von synthetischen Produkten und Derivaten (Terminkontrakten) nur so wimmelt.

Die Bundesbank erklärt also dem Anleger, was gut für ihn ist. Recht so, gut gebrüllt, Löwe. Aber nur im Prinzip. Warum aber gerade jetzt gegen (aktiv gemanagte) Investmentfonds ein Parforceritt hingelegt wird, nachdem diese Assetklasse jahrzehntelang das Vorzeigemedium in Sachen Vermögensaufbau gewesen ist, bleibt mir ein Rätsel. Zumal, siehe oben, ETF auch nicht immer das Gelbe vom Ei sind.

In der Sache hat die Bundesbank schon recht, die Kosten vieler Fonds sind exorbitant hoch, weiß Gott aber auch nicht alle. Regelmäßige Börsebius-Leser wissen, dass ich genau auf diesen Aspekt hoher Gebühren seit Jahren hinweise. Aber wo war der warnende Finger der Bundesbank, als die Anleger scharenweise in seltsame Anlageprodukte (Stichwort Finanzkrise) getrieben wurden? Das verstehe, wer will. Verkehrte Welt.

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