ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2011KV-Wahlen: Versöhnen statt spalten?

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KV-Wahlen: Versöhnen statt spalten?

Maus, Josef

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Josef Maus, Stv. Chefredakteur
Josef Maus, Stv. Chefredakteur

Zwischen Berlin und München liegen knapp 600 Kilometer. Nach Stuttgart ist es sogar noch ein bisschen weiter. Doch weder München noch Stuttgart trennen von der Hauptstadt Welten. Verkehrstechnisch gesehen. Wie es allerdings um die jeweilige Distanz in der ärztlichen Berufspolitik bestellt ist, dürfte seit dem 22. Januar 2011 schwieriger denn je zu beurteilen sein.

Nachdem in Baden-Württemberg bereits im Oktober vergangenen Jahres mit dem Orthopäden Dr. med. Norbert Metke ein erklärter Befürworter des Selektivvertrags außerhalb der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) an die Spitze eben dieser KV gewählt worden ist, haben nun auch die bayerischen Vertragsärzte und Psychotherapeuten die Führungsgremien ihrer KV neu gewählt – vorhersehbar im Ausgang, in den Auswirkungen aber noch völlig offen.

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Der neue Vorstandsvorsitzende der KV Bayerns ist Dr. med. Wolfgang Krombholz, Hausarzt aus dem oberbayerischen Isen und enger Vertrauter von Dr. med. Wolfgang Hoppenthaller, jenem Funktionär, der bis Ende Dezember vergangenen Jahres mit aller Macht versucht hatte, die bayerischen Hausärzte kollektiv zum Ausstieg aus dem KV-System zu bewegen (DÄ, Heft 1–2/2011). Hoppenthallers Vorhaben misslang, und die bayerischen Krankenkassen nutzten die gescheiterte Palastrevolution, um ihre im Grunde ungeliebten Hausarztverträge mit dem Bayerischen Hausärzteverband postwendend zu kündigen. Hoppenthaller seinerseits zog die Konsequenzen und trat von allen seinen berufspolitischen Ämtern zurück. Krombholz versuchte zunächst als Nachfolger Hoppenthallers beim Hausärzteverband die gekündigten Verträge noch zu retten, was freilich nicht gelang. Und jetzt steht er also für die nächsten Jahre an der Spitze der KV Bayerns – so wie Metke, der die ebenfalls sehr große KV Baden-Württemberg führt.

Beide KV-Vorsitzende werden der neuen Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) angehören. Die Vorstände der KBV, Dr. med. Andreas Köhler und Dr. med. Carl-Heinz Müller, sind nun aber ausgewiesene Verfechter der Kollektivverträge. Von Hausarztverträgen, wie sie in Bayern und Baden-Württemberg außerhalb des KV-Systems geschlossen wurden, halten sie wenig. Der Grund ist klar: Flächendeckende Versorgungsverträge zwischen Krankenkassen und ärztlichen Berufsverbänden höhlen den Sicherstellungsauftrag und die Vertragshoheit der KVen aus.

Für Krombholz, Metke und weitere Befürworter von Selektivverträgen, die jetzt neu oder wieder Verantwortung in den KVen tragen, stellt sich über kurz oder lang die Gretchenfrage: Wie halten wir es mit dem Kollektivvertrag, wenn der auf Dauer durch Verträge außerhalb des KV-Systems ernsthaften Schaden nehmen sollte? Die neuen KV-Chefs haben bereits erklärt, für ein faires Nebeneinander von Kollektiv- und Selektivvertrag einzutreten. Ob dies überhaupt geht, wird die nahe Zukunft zeigen. Vielleicht wird es aber auch zu einer Annäherung der Standpunkte kommen, zu einer Vertragswelt, in der Selektivverträge ergänzend zum Kollektivvertrag geschlossen werden, ohne dass diesem der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Noch ist nichts entschieden. Noch gibt es die Chance, dass offene Gräben beispielsweise durch intelligente Vertragsgestaltung zugeschüttet werden und es nicht zu einer noch stärkeren Zerreißprobe für das KV-System kommt. Von innen heraus.

Josef Maus
Stv. Chefredakteur

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