ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1996Handke-Lesung: Umstrittener Serbien-Reisebericht

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Handke-Lesung: Umstrittener Serbien-Reisebericht

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LNSLNS Mir kam es vor, als hätte er den Text das erste Mal gesehen." Diese Reaktion eines Besuchers war fast die einzige hörbare Kritik an der ersten Lesung von Peter Handke aus seinem Buch "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morava und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien", das zuvor in den Medien heiß diskutiert worden war. Einige Autoren hatten Handke vorgeworfen, unkritisch die Seite der Serben zu vertreten, andere seinen Reisebericht als notwendigerweise einseitige Eindrücke eines Schriftstellers verteidigt. Zwei junge Männer ärgerten sich bei der Lesung im Hamburger Thalia-Theater noch über die "grenzenlose Naivität" des bei Paris lebenden Schriftstellers, und auf den Rängen gab es zwei im gesetzten Beifall untergehende Buh-Rufe.
Vor dem Theater verteilte ein junger Mann ein mehrseitiges Flugblatt, das mit dem Paragraphen 131 Strafgesetzbuch begann: "Wer Schriften verbreitet, die unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Men-schen in einer Art schildern, die eine Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten ausdrückt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe bestraft." Handke wurde auf dem Flugblatt beschuldigt, er verschleiere und verharmlose, "daß auf Befehl der serbischen Führung ganze Völker teils vertrieben, teils ermordet werden". Er setze in seinem Buch Täter und Opfer gleich, vergesse rund 300 000 Tote und Millionen Flüchtlinge. Der so Gescholtene wirkte auf dem Podium äußerlich gelassen, phasenweise fast teilnahmslos. Wie ein roter Faden zog sich Kritik an den Medien durch die Lesung, sprach Handke von "Haß-Leitartiklern" bei westdeutschen Zeitungen. Die westeuropäischen und amerikanischen Journalisten seien mit vorgefertigten Meinungen an den Kriegsschauplatz im ehemaligen Jugoslawien gereist, hätten sich nicht um Hintergründe, nicht um die Geschichte gekümmert. Er nannte die von ihm kritisierten Journalisten Scharfrichter, die den Serbenführer Radovan Karad`´zi´c absichtlich fortgesetzt mit Psychiater und Doktor titulierten. Sie spekulierten dabei seiner Meinung nach auf die verbreitete Meinung, wonach jeder Psychiater für sich ein eigener Fall sei.
Handke gestand zu, daß die Berichterstattung über den Krieg auf dem Balkan verwickelt sei. "Was weiß man, wenn man nur Wissensbesitz hat, ohne jenes tatsächliche Wissen, welches allein durch Schauen und Lernen entstehen kann? Warum der geile Fakten-Verkauf?" zitierte der Schriftsteller aus seinem umstrittenen Buch. Er habe zwar schon vor Ausbruch der Kämpfe Serbien besuchen wollen, sei aber nach Lektüre der Tageszeitungen in seinem Wunsch eher noch bekräftigt worden.
Handke bedauerte die grausamen Ereignisse in Sarajevo, in Srebenica und im Kosovo. Auch zitierte er den Aufschrei eines Serben und dessen Kritik an der serbischen Führung, fügte aber gleichzeitig hinzu: "Und doch wollte ich das nicht glauben." Vielmehr habe er wissen wollen, warum es zu Greueltaten und wie es zur Zerschlagung Jugoslawiens kommen konnte. Auch erinnerte er daran, daß er "nie Bilder von Serben-Opfern zu Gesicht bekommen" habe.
Auf dem Flugblatt war vom Gegenteil die Rede. Die Verfasser verwiesen auf den Einmarsch des inzwischen in Deutschland verhafteten Serben-Aktivisten Arkan und seiner Gefolgsleute am 2. April 1992 in den Ort Bijeljina. Sie zitierten einen anschließend nach Deutschland geflohenen Moslem. Dieser habe nach dem Massaker an der moslemischen Bevölkerung seine schwerverwundete Mutter und seine toten Schwestern auf dem Hof ih- res Hauses gefunden; "den Schwestern hingen die Gedärme raus". Er habe sich vor den serbischen Nachbarn verstecken müssen, habe keine Hilfe für seine Mutter holen können. Kurz darauf habe ein serbischer Sender dann angebliche "serbische Opfer des Angriffs der Mudjahedin auf Bijeljina" gezeigt. afp
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