ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2011Von schräg unten: Schelte

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Schelte

Böhmeke, Thomas

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Dass Patienten sich über Kolleginnen und Kollegen beschweren, bei denen sie vorher in Behandlung waren, ist ein fester Bestandteil unseres Alltags; Ärzteschelte gehört heutzutage ja zum guten Ton. Wenn allerdings die Klagen über Praxisgebühren, volle Wartezimmer und Verordnungen von Generika ausufern, nehme ich meine Kolleginnen und Kollegen in Schutz.

Heute aber habe ich Premiere: Ein Patient beklagt sich nicht über Ärzte, sondern über seine Mitpatienten. „Sie können sich nicht vorstellen, was ich in den vier Wochen in der Rehaklinik erlebt habe. Selbst Schwerstherzkranke wollten nichts von Raucherentwöhnungskursen wissen, die qualmten einfach weiter!“ Meine Patienten muss ich diesbezüglich allerdings in Schutz nehmen, da ich sie letzten Endes doch überzeugen kann, den Zigaretten Lebewohl zu sagen. „Die Vorträge zur Gesundheitsvorsorge, die waren echt gut, aber diejenigen, die es am nötigsten hatten, die waren danach an der Pommesbude anzutreffen!“ Also, ich bin der festen Überzeugung, dass meine Patienten sich sehr wohl über notwendige Änderungen des Lebensstils bewusst sind, die waren sicher nicht an der besagten Bude zu finden. „Die Physiotherapeuten haben sich unendliche Mühe gegeben, die morschen Gelenke wieder in Gang zu kriegen. Ich kann nur meine Hochachtung aussprechen, aber die meisten meiner Mitpatienten haben die Übungen einfach geschwänzt!“ So ganz kann ich seine Schelte nicht nachvollziehen, weil ich davon ausgehe, dass meine Patienten sehr wohl solche Angebote der Krankenkassen zu schätzen wissen und äußerst gewissenhaft mit den zur Verfügung stehenden Mitteln umgehen.

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„Es ist eine Schande, wie das Geld der Krankenversicherungen, das eigentlich unser Geld ist, von diesen Leuten verbrannt wird!“ Da muss ich ihm recht geben, aber kann es sein, dass dies nur Einzelfälle sind? Bei meinen Patienten kann ich die Hände ins Feuer legen, dass sie solche medizinischen Leistungen zu würdigen wissen. „Und jetzt kommt das Beste: Im Innenhof der Rehaklinik, auf dem Rasen, lagen lauter tote Tauben! Können Sie sich vorstellen, warum?“ Äh, nicht wirklich. Vielleicht eine Attentatsserie eines verwirrten Tierhassers? Der Ausbruch eines unbelehrbaren Vogelphobikers? „Ach was! Meine verehrten Mitpatienten haben jeden Morgen ihre Tabletten aus dem Fenster geworfen! Zwischen den toten Tauben lagen jede Menge bunter Pillen!“ Darauf habe ich keine Antwort.

Ernüchtert, frustriert und geschockt stehe ich auf und blicke aus dem Fenster auf die Straße. Direkt vor dem Praxiseingang liegt eine tote Taube auf dem Trottoir.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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