ArchivDeutsches Ärzteblatt42/1997Ambulante Versorgung: Teilzeitarbeit beim niedergelassenen Kollegen

POLITIK: Leitartikel

Ambulante Versorgung: Teilzeitarbeit beim niedergelassenen Kollegen

Maus, Josef

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LNSLNS Was in anderen Bereichen der Wirtschaft bereits seit geraumer Zeit praktiziert wird, soll nun auch in der ambulanten ärztlichen Versorgung möglich sein: Teilzeitarbeit. In nur drei Monaten hat der Bundesausschuß der Ärzte und Krankenkassen mit neuen Richtlinien die Weichen für das Job-sharing gestellt. Ob jungen Ärztinnen und Ärzten damit aber tatsächlich günstige Perspektiven eröffnet werden, hängt von der Bereitschaft der älteren Kassenärzte ab.
Aus Sicht der jungen Ärztegeneration ist die gegenwärtige Lage alles andere als rosig: Die Krankenhäuser passen - der finanziellen Not gehorchend - ihre Stellenpläne dem zunehmenden Spardruck an, und die Bedarfsplanung in der ambulanten Versorgung weist nur noch wenige offene Vertragsarztsitze aus. Bei der Bundesanstalt für Arbeit sind bereits mehr als 10 000 arbeitslose und stellensuchende Ärzte registriert. "Wenn nichts geschieht", sagte kürzlich der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Karsten Vilmar, "ist damit zu rechnen, daß die Medizinerarbeitslosigkeit bis zum Jahr 2000 auf rund 20 000 ansteigt."
Sollte es sich unsere Gesellschaft nicht leisten wollen, Abertausende von gut ausgebildeten, hochqualifizierten Jungmedizinern mittel- und langfristig in die Arbeitslosigkeit zu entlassen, müssen neue Perspektiven her. Ein Schritt in die richtige Richtung, wenn auch nicht die Lösung des Problems, besteht im Job-sharing. In der ambulanten Versorgung soll das spätestens ab Januar 1998 möglich sein.
Die Idee ist einfach: Ältere, gut etablierte Kassenärzte können jungen Kollegen eine Chance zum beruflichen Einstieg geben und zugleich ihr eigenes Arbeitspensum reduzieren. Auf Anregung der Ärzteschaft hat der Gesetzgeber mit dem 2. GKV-Neuordnungsgesetz dem Bundesausschuß der Ärzte und Krankenkassen die Möglichkeit eingeräumt, die stringente Bedarfsplanung zu lockern. Vertragsärzte sollen auch in gesperrten Versorgungsbereichen Kollegen in Teilzeitarbeit anstellen oder zusammen mit ihnen eine Gemeinschaftspraxis gründen können, sofern einige Bedingungen beachtet werden.
Zunächst muß der aufzunehmende Arzt die Voraussetzungen zur Zulassung erfüllen. Er muß ferner derselben Arztgruppe angehören wie der aufnehmende Kassenarzt. In der Richtlinie heißt es, daß die Arztgruppe das Fachgebiet im Sinne der Weiter­bildungs­ordnung ist. Führen beide Ärzte Schwerpunktbezeichnungen, müssen auch diese übereinstimmen. Bei der Aufnahme in bereits bestehende Gemeinschaftspraxen reicht es aus, wenn der neue Kollege dieselbe Fachrichtung hat wie ein bereits in der Praxis arbeitender Arzt.
Enge Grenzen beim Praxisumfang
Im Hinblick auf die Gliederung in die haus- und fachärztliche Versorgung gilt: Hat sich der aufnehmende Arzt beispielsweise für die hausärztliche Versorgung entschieden, darf auch der aufzunehmende Kollege nur auf diesem Sektor tätig werden. Dies ist vor allem für Internisten von Belang. Wenn der Praxisinhaber seine Wahlentscheidung zu einem späteren Zeitpunkt revidiert und in den jeweils anderen Versorgungszweig wechselt, ist das für den teilzeitarbeitenden Kollegen verbindlich.
Eine weitere wichtige Bedingung betrifft den Umsatz der Kassenarztpraxis. Hier hat der Gesetzgeber festgelegt, daß sich der aufnehmende Vertragsarzt gegenüber dem Zulassungsausschuß zu einer Leistungsbegrenzung verpflichten muß, die den bisherigen Praxisumfang nicht wesentlich überschreitet.
Was unter "nicht wesentlich" zu verstehen ist, läßt das 2. GKV-Neuordnungsgesetz offen. Die Entscheidung darüber mußte der Bundesausschuß treffen. Krankenkassen und Ärzte haben sich auf eine zulässige Ausdehnung des Praxisumfangs von maximal drei Prozent geeinigt. Viel ist das nicht, andererseits sind Kassen und Ärzte gleichermaßen an einer Mengenbegrenzung interessiert.
Als Berechnungsgrundlage für die Ermittlung des Praxisumfanges sehen die Richtlinien die quartalsbezogenen Gesamtpunktzahlen der (mindestens) vier zurückliegenden Abrechnungsquartale vor. Die verbindliche Feststellung der quartalsbezogenen Gesamtpunktzahlvolumen trifft der Zulassungsausschuß, und zwar auf der Grundlage der Daten, die ihm die zuständige Kassenärztliche Vereinigung übermittelt. In den Richtlinien heißt es weiter: "Auf Antrag der Vertragsärzte ist das Punktzahlvolumen neu zu bestimmen, wenn Änderungen des EBM oder vertragliche Vereinbarungen, die für das Fachgebiet der Ärzte maßgeblich sind, Auswirkungen auf die Berechnungsgrundlagen haben." Der Bundesausschuß hat auch die Möglichkeit bedacht, daß Vertragsärzte einen teilzeitarbeitenden Kollegen aufnehmen wollen, obwohl sie selbst erst seit kurzer Zeit zugelassen sind. In solchen Fällen sollen die durchschnittlichen Punktzahlvolumen der jeweiligen Fachgruppe für die Ermittlung der Obergrenze herangezogen werden.
Die eng gesteckte Zuwachsgrenze des Praxisumfangs von nur drei Prozent läßt erkennen, was der Bundesausschuß - ganz im Sinne des Gesetzgebers - auf jeden Fall verhindern möchte: eine Maximierung der Praxisumsätze mit Hilfe von teilzeitarbeitenden Ärzten. Damit würde nämlich zunehmender Druck auf die Gesamtvergütung aller niedergelassenen Kassenärzte entstehen - ein Risiko, das die Krankenkassen erst recht nicht mit Blick auf die Vereinbarung von festen Punktwerten eingehen wollen. Schließlich werden die neu hinzukommenden Ärzte für die Dauer ihrer Beschäftigung auch nicht auf die Bedarfsplanung angerechnet.
Job-sharing unter den jetzt gegebenen Voraussetzungen kommt also nur dann in Frage, wenn der Praxisinhaber tatsächlich bereit ist, sein eigenes Arbeitspensum nachhaltig zu reduzieren. Aber auch dafür sprechen gute Gründe. Einerseits kann weniger Arbeit mehr Lebensqualität bedeuten, andererseits gewinnt der Arzt mehr Flexibilität bei der Behandlung seiner Patienten. Es gibt weitere Vorteile: Junge Kollegen bringen in der Regel auch "frisches" Wissen mit in die Praxis. So gesehen kann der aufnehmende Arzt von neuen Ansätzen der jüngeren Generation ebenso profitieren wie der teilzeitarbeitende Kollege von den langjährigen Erfahrungen seines "Senior-Partners".
Die Teilzeitarbeit bei niedergelassenen Kassenärzten dürfte vor allem auch Ärztinnen zugute kommen, die beispielsweise wegen familiärer Umstände keine Ganztagstätigkeit mehr anstreben und dennoch ihrem Beruf verbunden bleiben wollen. Die geänderten Richtlinien liegen derzeit dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter zur Genehmigung vor. Sie treten mit der Veröffentlichung im Bundesanzeiger in Kraft. Josef Maus
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