ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2011Reform der Psychotherapeutenausbildung: „Qualitätsunterschiede in der Kindertherapie darf es nicht geben“

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Reform der Psychotherapeutenausbildung: „Qualitätsunterschiede in der Kindertherapie darf es nicht geben“

Bühring, Petra

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Die Bundespsychotherapeutenkammer hat einen Entwurf für ein Reformgesetz zur Psychotherapeutenausbildung vorgelegt.

Die Ausbildung von Psychologischen Psychotherapeuten (PP) und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Deutschland ist dringend reformbedürftig. Zu diesem Ergebnis kam ein vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) in Auftrag gegebenes Forschungsgutachten, das bereits seit Mai 2009 vorliegt (Strauß et al. 2009). Kernprobleme der Psychotherapeutenausbildung sind der bundesuneinheitliche Zugang zur Ausbildung von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) und die prekäre finanzielle Situation von Psychotherapeuten in Ausbildung während ihres Praxisjahres an psychiatrischen Kliniken.

„Psychotherapeuten haben die fachlichen Kompetenzen, um krankzuschreiben, stationär einzuweisen und Heilmittel zu verordnen.“ – Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer. Foto: Georg J. Lopata
„Psychotherapeuten haben die fachlichen Kompetenzen, um krankzuschreiben, stationär einzuweisen und Heilmittel zu verordnen.“ – Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer. Foto: Georg J. Lopata
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Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) hat vor kurzem einen detaillierten Entwurf sowohl für ein „Psychotherapeutenausbildungsreformgesetz“ als auch für eine geänderte Approbationsordnung vorgelegt. Dem voraus gingen mehr als vier Jahre intensiver Diskussion innerhalb der Psychotherapeutenschaft. Beim 16. Deutschen Psychotherapeutentag im Mai 2010 beschloss schließlich die Mehrheit der Psychotherapeuten Eckpunkte für eine weitreichende Ausbildungsreform. Die wichtigste Änderung betrifft die Weiterentwicklung von bislang zwei Berufen (PP und KJP) zu einem einzigen Psychotherapeutenberuf mit einheitlicher Approbation. Neben einer Grundqualifizierung für alle Altersgruppen soll ein Schwerpunkt mit vertiefter Qualifizierung entweder für die Behandlung von Erwachsenen oder für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen erfolgen.

Viele Bundesländer lassen Bachelorabsolventen zu

Die BPtK hat mit Hochdruck an den Gesetzwürfen gearbeitet, um sie Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler noch vor Jahresende 2010 vorlegen zu können. Der Präsident der Kammer, Prof. Dr. Rainer Richter, begründet die Arbeit unter Zeitdruck mit der „chaotischen, ungeregelten Situation in den Bundesländern“, die der Bologna-Prozess – Stichwort: Bachelor und Master statt Diplom – mit sich gebracht habe. Zu Anfang habe es in den Bundesländern erhebliche Unsicherheit gegeben, welche Studienabschlüsse für die Ausbildung zum KJP qualifizierten. Daraus entwickelte sich eine uneinheitliche Situation: Neun Bundesländer erkennen für die Ausbildung zum KJP bereits den Bachelorabschluss an, die anderen verlangen den Master. Für Psychologische Psychotherapeuten ist hingegen überall der Master zwingend vorgeschrieben. „Wenn das so weitergeht – und das ist das aus unserer Sicht das gravierende Problem –, haben wir in Zukunft erhebliche Qualitätsunterschiede in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie“, befürchtet Richter.

Warum ist der Master als Zugangsvoraussetzung für die Ausbildung zum KJP so wichtig? Der Kammerpräsident begründet dies damit, dass der Bachelor nicht qualifiziere, um den Stand der Forschung eigenständig beurteilen zu können. Eine Kompetenz, die jedoch für einen akademischen Heilberuf zwingend notwendig ist. Niemand stellt infrage, dass Ärzte, Apotheker und Psychotherapeuten auf Masterniveau ausgebildet sein müssen. Dass KJP weniger qualifiziert sind, will eigentlich auch niemand. „Es ist eine Folge der nicht sehr schnellen Bearbeitung dieses Problems durch die Bundesregierung. Wir haben deshalb unter Zeitdruck einen Entwurf ausgearbeitet, auch um mehr Druck auf die Politik auszuüben“, sagt Richter.

Das BMG gab im Oktober 2010 bekannt, derzeit keine Reform der Psychotherapeutenausbildung anzustreben – trotz der bekannten Probleme und zur Verwunderung der Psychotherapeuten. Zunächst solle geprüft werden, hieß es aus dem Ministerium, ob die heutige postgraduale Ausbildung durch eine Direktausbildung, also ein Psychotherapiestudium vergleichbar dem Medizinstudium, ersetzt werden kann.

Die Psychotherapeutenschaft lehnt die Direktausbildung ab

Die Psychotherapeuten haben sich in ihrem Reformkonzept dagegen entschieden. „Die Direktausbildung wäre ein folgenreicher und sehr komplizierter Eingriff in bestehende Ausbildungsstrukturen. Keiner weiß, was dabei herauskommt“, begründet Richter die Ablehnung. Nicht nur fachliche Gründe stünden dagegen, sondern „der ausdrückliche Wille einer ganzen Profession“. Die Bundespsychotherapeutenkammer sei in diesem Punkt deshalb sehr zurückhaltend. Wenn die Direktausbildung politisch gewollt sein sollte, müsse man sie jedoch zuerst ausprobieren. Eine Erprobungsklausel im Reformkonzept ermöglicht deshalb den Hochschulen ein Psychotherapiestudium modellhaft einzurichten.

Durchlaufen die Reformvorschläge erfolgreich den parlamentarischen Prozess, würde sich die praktische Ausbildung zum Psychotherapeuten künftig verändern. Mindestens sechs Monate mit 600 Stunden müssen in einer Klinik der psychiatrischen Versorgung abgeleistet werden. Dies ist Teil der zwölfmonatigen Ausbildung in (teil-)stationären Einrichtungen und wird als praktische Ausbildung I bezeichnet. Bisher müssen Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) 1 200 Stunden in mindestens einem Jahr an einer Klinik absolvieren. „Diese Zeit wird aber nicht immer optimal – im Sinne von Berufserfahrung – genutzt“, erklärt Richter.

Zusätzlich sollen Studierende bereits im Rahmen ihres Studiums ein viermonatiges Praktikum in einer Einrichtung leisten, in der psychisch kranke Menschen versorgt werden. „Dies wird ein wirkliches Praktikum sein, um kennenzulernen, wie Menschen sind, die eine psychische Erkrankung haben.“ Zudem gibt es noch die sogenannte praktische Ausbildung II während der vertieften Ausbildung in einem wissenschaftlich anerkannten Verfahren. Die umfasst mindestens 700 Behandlungsstunden. Gegen eine Verkürzung der Psychiatriezeit hat sich bereits der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), Prof. Dr. med. Frank Schneider, ausgesprochen. Er befürchtet, dass die Qualität der psychotherapeutischen Ausbildung schlechter werden könnte. Psychotherapeutenpräsident Richter kommentiert: „Es ist eigentlich nicht üblich, dass sich ein akademischer Heilberuf in die Ausbildung eines anderen akademischen Heilberufs einmischt.“

Ein großes Problem für viele PiA ist die fehlende oder minimale Vergütung im psychiatrischen Jahr. 36 Prozent von ihnen erhalten gar keine Vergütung während dieser Zeit, was vielen existenzielle Probleme bereitet. „Wir schlagen deshalb eine eingeschränkte Behandlungserlaubnis für die Zeit der Ausbildung zum Psychotherapeuten vor.“ Während der praktischen Ausbildung I und II – nicht während des Praktikums in der Studienzeit – sind PiA klinisch tätig und behandeln Patienten unter Supervision. Mit einer eingeschränkten Behandlungserlaubnis sollen sie künftig einen Rechtsanspruch darauf haben, dafür angemessen vergütet zu werden. „Man schafft damit die Sicherheit, dass Krankenhausträger diesen Teil der Ausbildung tatsächlich vergüten müssen – wozu sie im Moment ja nicht verpflichtet sind“, erklärt Richter.

Forderung nach Erweiterung der Befugnisse

Im Zuge der Ausbildungsreform soll auch eine Vorschrift im fünften Sozialgesetzbuch aufgehoben werden, wonach Psychotherapeuten keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausstellen dürfen, keine Heil- und Hilfsmittel verordnen und keine Krankenhauseinweisungen vornehmen dürfen. Die Bundespsychotherapeutenkammer folgt damit den Empfehlungen des Forschungsgutachtens. Die Gutachter haben Stellungnahmen von psychologischen und ärztlichen Experten analysiert und gegeneinander abgewogen.

„Psychotherapeuten haben die fachlichen Kompetenzen hierzu“, betont Richter. Mit dem Psychotherapeutengesetz 1999 seien die Befugnisse für den neuen Heilberuf zunächst eingeschränkt worden, weil man abwarten wollte, wie sich der Beruf etabliert. „Wir finden, nach mehr als zehn Jahren ist der Zeitpunkt gekommen, wo man das überprüfen muss.“ Die Argumente für eine Erweiterung der Befugnisse: Behandelnde Psychotherapeuten würden ihre Patienten meist besser kennen und könnten die Behandlungsverläufe psychischer Störungen eher einschätzen. Zudem würde die sektorübergreifende Behandlung erleichtert, besonders bei akuter Suizidalität. Auch parallele Behandlungen könnten so vermieden werden. Psychotherapeuten seien ebenso in der Lage, Heilmittel wie Soziotherapie, Ergotherapie oder Logopädie zu verordnen, sagt Richter. „Es baut zudem Bürokratie ab, weil die Patienten nicht zuerst zum Hausarzt geschickt werden müssen, der dann die Unterschrift vornimmt.“

Die Bundesärztekammer und vor allem die DGPPN raten hingegen davon ab, die medizinischen und sozialrechtlichen Kompetenzen für Psychologische Psychotherapeuten zu erweitern. Die Ausbildung solle wie bisher darauf abzielen, eine Kompetenz dafür zu entwickeln, in welchen Situationen Ärzte zur differenzialdiagnostischen Klärung oder zur zusätzlichen pharmakotherapeutischen Intervention hinzuzuziehen sind. Einen multidimensionale Gesamtbehandlungsplan könne nur der Arzt erstellen.

Richter hofft auf eine zügige Bearbeitung der Reformvorschläge seitens des Bundesgesundheitsministeriums. „Wir haben dem Ministerium bereits viel Arbeit abgenommen. Das juristisch abgestimmte Psychotherapeutenausbildungsreformgesetz könnte aus unserer Sicht so übernommen werden.“ Doch der Bundespsychotherapeutenkammerpräsident weiß, dass im parlamentarischen Prozess Einwände und Änderungen kommen werden.

Petra Bühring

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