ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2011Alkohol- und Medikamentenmissbrauch bei Ärzten: Gefährliche Stressbewältigung

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Alkohol- und Medikamentenmissbrauch bei Ärzten: Gefährliche Stressbewältigung

PP 10, Ausgabe Februar 2011, Seite 73

Geuenich, Katja

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Foto: Photothek
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Eine Studie zeigt, dass viele Ärzte beruflichen Stress mit dem Konsum von Alkohol oder Medikamenten kompensieren.

Nach Hause kommen und abschalten – ein Wunsch, der viele Ärzte nach einem langen Arbeitstag begleitet. Wenn man nur körperlich zu Hause ankommt, gedanklich und emotional aber am Arbeitsplatz bleibt, wenn man über einen längeren Zeitraum nicht abschalten kann, dann wächst die Gefahr, körperlich, seelisch und geistig auszubrennen. Die benötigte Entspannung versuchen manche dann mit Hilfe von Medikamenten oder Alkohol zu finden.

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In einer anonymisierten Online-Befragung (1) wurden 1 287 Ärztinnen und Ärzte (Durchschnittsalter 48 Jahre; Geschlechterverteilung 50 : 50, durchschnittliche Wochenarbeitszeit 47 Stunden) zu ihren beruflichen, persönlichen und familiären Belastungen befragt (2). Sieben Prozent der befragten Ärzte stimmten der Aussage, Alkohol und/oder Medikamente zu konsumieren, um berufsbedingten Stress abzubauen, zu. Drei Prozent gaben sogar an, dass diese Aussage „stark zutrifft“. Neun Prozent der Ärzte gaben an, dass diese Aussage „überwiegend zutrifft“, bei elf Prozent „teilweise“.

Bereits eine „teilweise Zustimmung“ auf die Frage nach Alkohol- oder Medikamentenkonsum unter Stress wirkt sich deutlich negativ auf Beruf, Familie/Partnerschaft und die eigene Person aus. Von den 1 287 befragten Ärzten gaben 53 Prozent zudem an, weder Alkohol noch Medikamente zu konsumieren, wenn sie berufsbedingten Stress haben.

Es lassen sich keine Unterschiede im Substanzkonsum hinsichtlich Geschlecht, Arbeitsmodus oder Facharztgruppe feststellen. Allerdings konnten nur die Fachbereiche Allgemeinmedizin, Chirurgie, Psychiatrie/Psychotherapie und Innere Medizin untersucht werden. Den niedrigsten Substanzkonsum weisen die 41- bis 54-Jährigen auf. In den Gruppen der jüngeren (unter 40 Jahre) und älteren (ab 55 Jahre) Ärzte steigt der Konsum jeweils wieder.

Im Vergleich zur Normalpopulation weisen die Ärzte einen deutlich höheren stressbedingten Substanzgebrauch auf. Demnach ist der Anteil an potenziell missbrauchsgefährdeten Personen in der Ärzteschaft – mit aller Vorsicht einer solchen empirischen Untersuchung – höher als in der Normalbevölkerung. Nach Angaben der Bundes­ärzte­kammer (2010) liegt der Anteil der Personen in der Normalbevölkerung mit riskantem beziehungsweise schädlichem Alkoholgebrauch bei knapp zehn Prozent beziehungsweise bei drei Prozent. Der Anteil der Medikamentenabhängigen wird hier auf etwa zwei Prozent geschätzt. Allerdings lassen sich diese Zahlen nur bedingt miteinander vergleichen.

Zudem wurde bei Ärzten ein im Vergleich zur Normalpopulation signifikant erhöhter Dauerstress durch lange Arbeitstage festgestellt. Der Zusammenhang zwischen Substanzkonsum und Dauerstress ist eindeutig gegeben. Die Ärzte mit einer potenziellen Gefährdung, Alkohol oder Medikamente unter Umständen auch missbräuchlich zu konsumieren, fühlten sich deutlich häufiger überfordert, hatten lange Arbeitstage, zeigten abnehmende Arbeitsfreude und waren unsicherer in ihren Entscheidungen. Ihre Werte waren in allen Fragen der Skala „Berufliche Belastungen“ signifikant höher als in der Gruppe ohne oder mit niedrigerem Missbrauchsrisiko (Grafik).

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass auch ein signifikanter Zusammenhang zwischen stressbedingtem Substanzkonsum und Depressivität nachgewiesen wurde. Es ist allerdings schwierig zu unterscheiden, ob berufliche oder private Belastungen dafür die Ursache sind.

Weitere Forschung notwendig

Es scheint in der Ärzteschaft eine ernstzunehmende Gefährdung für stressbedingten Alkohol- und/oder Medikamentenkonsum zu geben. Aufgrund der freiwilligen Teilnahme an der Studie ist zudem von einem Selektionseffekt auszugehen, der die Aussagekraft der Daten zunächst einschränkt. Sinnvoll wäre es, genauere Untersuchungen durchzuführen. Die vorliegenden Ergebnisse geben jedoch hinreichend Anlass dazu, das Thema ernst zu nehmen und gezielte präventive beziehungsweise interventive Maßnahmen zum (Selbst-)Schutz der Ärzte zu initiieren.

Dr. Dipl.-Psych. Katja Geuenich

1.
Hagemann W, Geuenich K: Burnout-Screening-Skalen. Test und Testmanual. Göttingen: Hogrefe-Verlag 2009.
2.
Geuenich K: Sind Sie burnout-gefährdet? Ergebnisse einer empirischen Ärztestudie. Der Hausarzt 2009; 20/09, 39–41.
3.
Geuenich K: Berufliche Überbelastung: Sind die gestressten Ärzte von heute die depressiven Patienten von morgen? Dtsch Arztebl 2010; 107(33): 1562. VOLLTEXT
1.Hagemann W, Geuenich K: Burnout-Screening-Skalen. Test und Testmanual. Göttingen: Hogrefe-Verlag 2009.
2.Geuenich K: Sind Sie burnout-gefährdet? Ergebnisse einer empirischen Ärztestudie. Der Hausarzt 2009; 20/09, 39–41.
3.Geuenich K: Berufliche Überbelastung: Sind die gestressten Ärzte von heute die depressiven Patienten von morgen? Dtsch Arztebl 2010; 107(33): 1562. VOLLTEXT

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