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Da haben wir es wieder, Schwule und Lesben werden also immer noch diskriminiert. In regelmäßigen Abständen wird uns vor Augen geführt, dass gleichgeschlechtlich orientierte Menschen immer noch Opfer von Diskriminierungen sind. Der afroamerikanische Stanfordprofessor Shelby Steele nennt diese in den Medien häufig wiederkehrende Argumentationsfigur, mit der auf die Benachteiligung von Minderheiten aufmerksam gemacht werden soll, das Harangue-Flagellation-Ritual. Man könnte es mit: „erst Bußpredigt, dann Geißelung“ übersetzen. Zunächst klagt ein Betroffener Benachteiligung und Ungerechtigkeit ein. Im Fall des Artikels reagiert der meist heterosexuelle Leser mit Schuldgefühlen und Betroffenheit und nimmt sich vor, homosexuelle Menschen auf keinen Fall mehr zu diskriminieren. Dies führt in der Folge zu einer ängstlichen, naiven und unkritischen Haltung gegenüber schwulen und lesbischen Patienten. Natürlich haben Schwule und Lesben Respekt und Akzeptanz verdient. Homosexuelle Lebensentwürfe sollten aber nicht unantastbar sein.

Bezüglich des Diskriminierungspostulats sehe ich es genau umgekehrt. Noch nie haben Schwule und Lesben soviel Toleranz und kritiklose Zustimmung von der Gesellschaft erhalten wie derzeit. Noch nie wurde der öffentliche Diskurs so einseitig von schwulen und lesbischen Positionen dominiert. Noch nie war die Deutungshoheit über homosexuelles Erleben und Verhalten so eindeutig auf der Seite der Betroffenen. Wer damit ein Problem hat, ist homophob. Das Totschlagargument des Homophobievorwurfs trifft jeden, der sich skeptisch zu äußern wagt. Kritische Fragen zur Psychogenese homosexuellen Erlebens und Verhaltens und zu den Risiken und Nebenwirkungen gleichgeschlechtlicher Lebensentwürfe dürfen nicht gestellt werden und sind tabuisiert. Konflikte der sexuellen Orientierung und ichdystone Sexualpräferenz sollen nur noch gay-affirmativ behandelt werden. Alles andere sollte verboten werden.

Vermutlich gibt es in Deutschland aber mehrere 10 000 Männer und Frauen, die an Konflikten ihrer sexuellen Orientierung und an ichdystonen Sexualpräferenzen leiden. Diese Männer und Frauen wollen häufig nicht schwul oder lesbisch sein, sondern erleben eine starke Ambivalenz hinsichtlich ihres gleichgeschlechtlichen Erlebens. Dahinter stehen häufig schmerzhafte Brüche der Geschlechtsrollenaneignung, tiefe Kränkungen hinsichtlich der Identitätsentwicklung als Mann oder Frau und die blockierte Bindung und Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil, verbunden mit einem hohen Ausmaß an pathologischer Scham.

Um diese Thematiken besser zu verstehen, wäre wesentlich mehr Forschung notwendig. Allerdings lässt das ideologisierte Klima derzeit keinen Raum für eine differenziertere und rationalere Auseinandersetzung mit der Thematik. Zu schnell ersticken Diskriminierungs- und Homophobievorwürfe möglicherweise auch für Schwule und Lesben gewinnbringende empirische Fragestellungen.

Dipl.-Psych. Michael Gerlach, Psychologischer Psychotherapeut, Erwachsenenpsychotherapie,
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie,
86381 Krumbach

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