ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2011Sanitätsdienst der Bundeswehr: Viele Einsätze, zu wenige Ärzte

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Sanitätsdienst der Bundeswehr: Viele Einsätze, zu wenige Ärzte

Hibbeler, Birgit

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Mit den Auslandseinsätzen sind die Anforderungen an den Sanitätsdienst gestiegen. Zugleich sind etwa 13 Prozent der Arztstellen unbesetzt, wie aus dem Bericht des Wehrbeauftragten hervorgeht.

Bei der Bundeswehr geht es drunter und drüber. Dieser Eindruck bleibt zurück, wenn man die Medienberichte der vergangenen Wochen über die Gorch Fock, geöffnete Feldpost und den Tod eines Soldaten in Afghanistan verfolgt hat. Der Sanitätsdienst ist zwar bislang nicht explizit in die Schlagzeilen geraten, wer aber den Ende Januar vorgelegten Bericht des Wehrbeauftragten liest, der stößt auf einige Kuriositäten.

Die Belastung der Sanitätsoffiziere hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Foto: dpa
Die Belastung der Sanitätsoffiziere hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Foto: dpa
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Darin geht es zum Beispiel um Engpässe bei „allgemeinen Dienstleistungsaufgaben“ in Afghanistan. „Bei meinem Besuch im August 2010 kam es beispielsweise dazu, dass ein Oberfeldarzt und eine Stabsärztin die Essensausgabe übernahmen“, schreibt der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus (FDP). An anderer Stelle berichtet er vom Transport eines Verwundeten vom Flughafen Köln-Wahn ins Bundeswehrzentralkrankenhaus nach Koblenz. Diesbezüglich habe es eine Beschwerde gegeben: Das Fahrzeug sei nicht mit den notwendigen Schmerzmitteln ausgestattet gewesen.

Dass es beim Sanitätsdienst der Bundeswehr Probleme gibt, ist nicht neu. Besonders der Fachkräftemangel erschwert eine umfassende medizinische Versorgung der Soldaten. Dem Wehrbericht zufolge sind derzeit 13 Prozent der Arztstellen unbesetzt. In einigen Fächern klaffen besonders große Lücken, zum Beispiel in der Notfallmedizin, aber auch in der Chirurgie. Weil es an Ärzten fehlt, ist die Arbeitsbelastung der verbliebenen Kollegen hoch. Sie müssen häufiger zu Einsätzen ins Ausland. Die truppenärztliche Versorgung im Inland kann die Bundeswehr unterdessen nur noch aufrechterhalten, indem sie auf Strukturen aus dem zivilen Gesundheitswesen zurückgreift. Zugleich wächst der Bedarf an psychiatrisch-psychotherapeutischer Versorgung, denn die Anzahl traumatisierter Soldaten nimmt zu.

Die Schwierigkeiten, die der Wehrbeauftragte beschreibt, sind bekannt – ebenso die Gründe. „Ursächlich für den Personalmangel war und ist vor allem der verschärfte Wettbewerb mit dem zivilen Sektor“, heißt es im Bericht. Die bereits ergriffenen Maßnahmen – wie finanzielle Zulagen oder frühere Facharztzusagen an die Ärzte in Weiterbildung – seien richtig, aber nicht ausreichend. Durch zusätzliche Dienstposten und Neueinstellungen habe 2010 zwar der Negativtrend gestoppt werden können, der Sanitätsdienst sei als Arbeitgeber trotzdem weiterhin „nicht attraktiv genug“. Ein Schlüsselthema ist für den Wehrbeauftragten Königshaus dabei die Vereinbarkeit von Familie und Dienst. Diese müsse deutlich verbessert werden – nicht zuletzt wegen des steigenden Frauenanteils. „Andernfalls wird der Sanitätsdienst den Kampf um qualifiziertes Personal verlieren und die ihm gestellten Aufgaben nicht mehr erfüllen können“, prognostiziert der Wehrbericht.

Beim Sanitätsdienst gibt es also viel zu tun. Allerdings könnte sich auch schon bald einiges an den Organisationsstrukturen ändern – mit der geplanten Bundeswehrreform. Der „Zentrale Sanitätsdienst“, der heute die Versorgung verantwortet, soll aufgelöst werden. Das hat zumindest kürzlich die Strukturkommission der Bundeswehr vorgeschlagen. Ein Grund: zu viel Bürokratie, die Sanitätsoffiziere von kurativen Aufgaben fernhält. Der Sanitätsdienst soll nach den Vorstellungen der Kommission in die Streitkräftebasis überführt werden. Dort solle ein „Fähigkeitskommando Sanitätsdienst der Bundeswehr“ gebildet werden. Hilfreiche Vorschläge gegen den Ärztemangel machten die Experten nicht. Alle Arztstellen seien bis Ende 2011 zu besetzen, hieß es lediglich.

Dr. med. Birgit Hibbeler

@Der Wehrbericht und die Vorschläge zur Bundeswehrreform: www.aerzteblatt.de/11248

Medizin Bei der Bundeswehr

Ärztinnen und Ärzte:

Planstellen: 2 804 (2009: 2 790)

davon unbesetzt: 360
Frauenanteil: 36,1 Prozent
(unter den Stabsärzten 52 Prozent)
in Teilzeit: 120
Mutterschutz/Elternzeit: 140
im Ausland: 104; im Verlauf des Jahres 2010
waren 573 Ärzte im Ausland eingesetzt.

Einrichtungen:

Bundeswehrkrankenhäuser: Berlin, Hamburg,
Koblenz, Ulm, Westerstede

regionale Sanitätseinrichtungen: 216, davon 18 Fachsanitätszentren

Medizinstudium:

Plätze: 220

Bewerber: 1 345 zum Wintersemester 2010/11

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