ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2011Körperbilder: Jean-Auguste Dominique Ingres (1780–1867) – Die Magie des Orients

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Jean-Auguste Dominique Ingres (1780–1867) – Die Magie des Orients

Dtsch Arztebl 2011; 108(6): [96]

Schuchart, Sabine

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Nur etwa 32 mal 25 Zentimeter misst die exquisite kleine Badeszene. Doch das 1826 entstandene Gemälde gehört zu den Highlights einer Ausstellung, die derzeit in München mit circa 150 Exponaten die vielfältigen Auseinandersetzungen europäischer Künstler des 19. Jahrhunderts mit dem Orient aufzeigt. Die Faszination des Exotisch-Imaginären, in der das Erbe der Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht fortlebte, hatte auch den Maler der nackten Badeschönheit Jean-Auguste Dominique Ingres erfasst. In einer von moralischen Zwängen geprägten Gesellschaft gelang es ihm, seine sinnlichen Fantasien auf der Leinwand in einer Art kodierter Erotik auszuleben. Indem er Frauen ruhend, verträumt, ja passiv darstellte, traten Sehnsucht und Begehren gegenüber sexueller Lust in den Vordergrund. Die Haremsthematik erlaubte es zudem, müßigen Lebensgenuss und Laszivität, die dem viktorianischen Moralkodex Europas widersprachen, auf eine andere Kultur zu projizieren.

Jean-Auguste Dominique Ingres, „La petite Baigneuse – Die kleine Badende“, 1826, Öl auf Leinwand (32,7 × 25,1 cm): Das Sujet der Badenden taucht im Werk des französischen Meisters der Aktdarstellung immer wieder auf. Der Blick fällt auf den schön geformten, sinnlich wirkenden Rücken einer Frau, in dem Knochen oder Muskeln nicht zu existieren scheinen. Die nackte Frau ist dem Voyeurismus des Betrachters ausgesetzt. Dieser wird zum Eindringling in eine sehr private Szenerie, während sie sich ihm völlig entzieht. Weder die Vorderseite ihres Körpers noch ihr Gesicht noch ihr Gemütszustand sind erkennbar. Die Umgebung und ihr Turban lassen darauf schließen, dass sie sich in einem orientalischen Bad, einem Hamam, aufhält. Die Wahl dieses Genres ermöglichte es dem Künstler im prüden Europa des 19. Jahrhunderts, den nackten weiblichen Körper ohne den Deckmantel einer legitimierenden mythologischen Rahmenhandlung zu porträtieren. © Washington The Phillips Collection; Foto: Edward Owen
Jean-Auguste Dominique Ingres, „La petite Baigneuse – Die kleine Badende“, 1826, Öl auf Leinwand (32,7 × 25,1 cm): Das Sujet der Badenden taucht im Werk des französischen Meisters der Aktdarstellung immer wieder auf. Der Blick fällt auf den schön geformten, sinnlich wirkenden Rücken einer Frau, in dem Knochen oder Muskeln nicht zu existieren scheinen. Die nackte Frau ist dem Voyeurismus des Betrachters ausgesetzt. Dieser wird zum Eindringling in eine sehr private Szenerie, während sie sich ihm völlig entzieht. Weder die Vorderseite ihres Körpers noch ihr Gesicht noch ihr Gemütszustand sind erkennbar. Die Umgebung und ihr Turban lassen darauf schließen, dass sie sich in einem orientalischen Bad, einem Hamam, aufhält. Die Wahl dieses Genres ermöglichte es dem Künstler im prüden Europa des 19. Jahrhunderts, den nackten weiblichen Körper ohne den Deckmantel einer legitimierenden mythologischen Rahmenhandlung zu porträtieren. © Washington The Phillips Collection; Foto: Edward Owen

Kritik seiner Zeitgenossen entzündete sich nicht an den Aktmotiven, sondern weil Ingres den weiblichen Körper übertrieben stilisierte, ohne Rücksicht auf anatomische Gesetze an seine Vorstellungen von perfekter Form und Geschmeidigkeit anpasste und oft sogar deformierte. Der französische Schriftsteller Charles Baudelaire verteidigte diese Sicht: „Das Schöne ist immer auch bizarr.“ Ingres fühlte sich zwar klassizistischer Tradition verpflichtet und eiferte lebenslang seinem Ideal Raffael und dessen Schönheitsbegriff nach. Aber stilistisch war er seiner Zeit mit seinen flächigen Körpern, scharf gezogenen Linien, sparsamen Bildmitteln und perspektivischen Nachlässigkeiten weit voraus. So stellte er etwa die beiden Frauengestalten links im Bild im Verhältnis viel zu klein dar. Er betonte dadurch die Autonomie seiner Hauptfigur und näherte sich – außergewöhnlich für das frühe 19. Jahrhundert – einer Abstraktion vom Bildgegenstand. Ingres hatte deshalb großen Einfluss auf die nachfolgenden Avantgarden von Matisse über Picasso bis Cindy Sherman.

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Sexualität und Erotik hatten den Künstler seit seiner Jugend beschäftigt. Seine frühen Zeichnungen waren so freizügig, dass sie lange nicht ausgestellt wurden. Umso erstaunlicher ist es, dass hinter dieser sinnlichen Produktion ein ausgesprochen bürgerlicher, beständiger Charakter stand: Ingres war über Jahrzehnte glücklich verheiratet – ohne Skandale oder Affären. Sabine Schuchart

Ausstellung

„Orientalismus in Europa: Von Delacroix bis Kandinsky“

Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, Theatinerstraße 8, 80333 München

tgl. 10–20 Uhr (8. 3. 10–14 Uhr), bis 1. Mai 2011

www.hypo-kunsthalle.de

„Orientalismus in Europa. Von Delacroix bis Kandinsky“, Katalog,
gebundene Ausgabe, 312 Seiten, Hirmer-Verlag, 2010, 39,90 Euro.

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