ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2011Das Gespräch mit Lars Lindemann, FDP-Bundestagsabgeordneter: Kostenerstattung gegen den ländlichen Ärztemangel

POLITIK: Das Gespräch

Das Gespräch mit Lars Lindemann, FDP-Bundestagsabgeordneter: Kostenerstattung gegen den ländlichen Ärztemangel

Meißner, Marc; Rieser, Sabine

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Wer Lösungen für unterversorgte Regionen finden wolle, müsse Anreize für Ärzte setzen, sagt der Gesundheitspolitiker. Das kann eine gelockerte Residenzpflicht sein, aber auch ein besseres Honorar als in gut versorgten Städten.

Lars Lindemann (39) befasst sich beruflich mit Gesundheits politik. Zudem ist der Jurist mit einer niedergelassenen Hals-Nasen-Ohren-Ärztin verheiratet. Das Paar lebt mit seinen drei Kindern in Potsdam. Gehör hat sich Lindemann zuletzt durch Vorschläge zur Kostenerstattung verschafft. Fotos: Georg J. Lopata
Lars Lindemann (39) befasst sich beruflich mit Gesundheits politik. Zudem ist der Jurist mit einer niedergelassenen Hals-Nasen-Ohren-Ärztin verheiratet. Das Paar lebt mit seinen drei Kindern in Potsdam. Gehör hat sich Lindemann zuletzt durch Vorschläge zur Kostenerstattung verschafft. Fotos: Georg J. Lopata

Eine Diskussion anstoßen, das habe er gewollt, sagt Lars Lindemann. Genau das ist dem FDP-Bundestagsabgeordneten, der Mitglied im Gesundheitsausschuss ist, kürzlich gelungen. Sein Vorschlag, die Vergütung für die Behandlung von gesetzlich Krankenversicherten in unterversorgten Gebieten auf ein Kostenerstattungssystem auf Basis der Amtlichen Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) umzustellen, hat für lebhafte Reaktionen gesorgt. Vor allem die SPD kritisierte ihn scharf: Die Sozialdemokraten warfen ihm vor, er wolle ausgerechnet die wenig wohlhabende Landbevölkerung um Vorkasse bitten.

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Lindemann wehrt sich „gegen diesen Kampfbegriff“ und die damit verbundenen Unterstellungen: „Wenn wir alle einen Mangel erkennen – in der ärztlichen Versorgung in bestimmten ländlichen Regionen –, dann sind wir alle aufgefordert, nach wirksamen und zeitnahen Lösungen zu suchen. Dabei müssen wir auch einmal in andere als die üblichen Richtungen blicken. Deshalb habe ich vorgeschlagen, die Mengenvorgaben und die Budgetierungen im Bereich der ambulanten ärztlichen Versorgung in diesen Gebieten abzuschaffen. So setzt man wirtschaftliche Anreize, damit sich wieder Ärzte im ländlichen Raum niederlassen.“ Die Aufregung ist mittlerweile wieder abgeflaut, was sicher damit zu tun hat, dass solche Anreize derzeit auch in der Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Bundestagsfraktion diskutiert werden.

Ein Kostenerstattungssystem in seinem Sinn, sagt der Liberale Lindemann, könne Patienten „wertvoller“ machen und diese wieder in den Mittelpunkt stellen: Statt pro Quartal ein stark pauschaliertes Honorar zu erhalten, könnten Ärztinnen und Ärzte dann gerade bei älteren und kränkeren Patienten jede einzelne Behandlung abrechnen. Darüber hinaus bekämen diese auf Basis der GOÄ eine nachvollziehbare Rechnung – was nach Meinung von Lindemann überfällig ist: „Ich traue den Menschen durchaus zu, dass sie eine Arztrechnung lesen können. Das ist auch keine Zumutung, sondern vernünftig.“

Mit „Vorkasse“, das ist ihm wichtig, habe sein Vorschlag nichts zu tun. Man könne Ärztinnen und Ärzten eine Abrechnungssystematik vorgeben, die Patienten genug Zeit lasse, sich die Rechnungssumme von ihrer Krankenkasse überweisen zu lassen. Auch auf einem Teil der Kosten soll nach seinem Dafürhalten niemand sitzenbleiben: „Wir müssten die Krankenkassen verpflichten, in unterversorgten Gegenden die Kosten in voller Höhe zu erstatten.“ Lindemann glaubt, dadurch werde die Behandlung der Patienten in unterversorgten Regionen für Ärzte und Ärztinnen wieder attraktiv: „Ein wichtiger Grund für den Ärztemangel ist nicht nur die fehlende Infrastruktur, die junge Mediziner davon abhält, aufs Land zu ziehen, sondern auch die Vergütungssituation.“

Lindemann hat neben politischen auch persönliche Gründe, über solche Systemfragen nachzudenken. Seine Eltern leben im Elbe-Elster-Kreis im Süden Brandenburgs, einem Gebiet, in dem die Ärzte ebenfalls knapp werden. Lange Debatten über ausgeklügelte theoretische Lösungsansätze interessierten die Bevölkerung nicht: „Wenn wir nicht in erlebbarer Zukunft dafür sorgen, dass sich in erreichbarer Nähe ein Hausarzt niederlässt, dann halten die Menschen nichts von dem, was wir tun.“

Der FDP-Politiker bestreitet allerdings auch nicht, dass man die Probleme durch Veränderungen innerhalb des bestehenden Sachleistungs- und Honorierungssystems lösen könnte. Nur habe es die Selbstverwaltung bisher nicht vermocht, den sich verschärfenden Versorgungsengpässen entgegenzuwirken. Ebenso wenig ignoriert er den Haupteinwand: Wer soll das bezahlen? „Das Geld werden wir alle miteinander aufbringen müssen. Ob durch Umverteilung im System, also entweder aus dem Gesamthonorar einer Kassenärztlichen Vereinigung, oder durch Umverteilungen aufseiten der Krankenkassen, oder über zusätzliche Beiträge, das müssen wir noch diskutieren.“

Wünschenswert sei, dass man über Qualitätsvorgaben indirekt auch Mengensteuerung betreibe. Aber „irgendwann sind wir doch beim Thema einer unmittelbaren Selbstbeteiligung“, erklärt er. Diese dürfe wirtschaftlich Schwache nicht so treffen, dass notwendige Arztbesuche unterblieben. Aber man könne Diskussionen auch nicht von vornherein wegen dieser Gruppe unterlassen: „Man kann auf der Suche nach politischen Lösungen nicht nur diejenigen in den Blick nehmen, die eine Belastung nicht tragen können, sondern muss in die Breite schauen. Und große Teile der Gesellschaft könnten sich eine höhere Selbstbeteiligung sehr wohl leisten.“

„Wenn wir nicht in erlebbarer Zukunft dafür sorgen, dass sich in erreichbarer Nähe ein Hausarzt niederlässt, dann halten die Menschen nichts von dem, was wir tun.“
„Wenn wir nicht in erlebbarer Zukunft dafür sorgen, dass sich in erreichbarer Nähe ein Hausarzt niederlässt, dann halten die Menschen nichts von dem, was wir tun.“

Lindemann begrüßt es, dass in diesem Jahr das Versorgungsgeschehen im Vordergrund der politischen Diskussion stehen soll. Dabei werde man nicht umhinkommen, an vielen verschiedenen Stellschrauben zu drehen, großen wie kleinen. Als Beispiel nennt der FDP-Politiker Lockerungen bei der Residenzpflicht von Vertragsärzten. Die Vorgabe, relativ nahe bei der Praxis zu wohnen, hält seiner Ansicht nach Ärzte zum Beispiel aus Berlin ab, in Brandenburg zu praktizieren.

Spricht man mit ihm über Medizinische Versorgungszentren (MVZ) und die im Koalitionsvertrag angekündigten, aber nach wie vor nicht umgesetzten Zulassungsverschärfungen, fordert Lindemann, dieses Thema differenziert zu sehen: „Man braucht die Kliniken in diesem Bereich. Ich bin da ein Stück weit Überzeugungstäter.“ Dass er bei diesem Thema nicht ganz objektiv ist, gibt er zu: Von 2004 bis 2008 war der Jurist Geschäftsführer im Unternehmensverbund des Berliner St.-Joseph-Krankenhauses und hat in dieser Zeit auch MVZ-Gründungen vorangetrieben. Noch heute ist er für seinen alten Arbeitgeber tätig.

Gleichwohl hält er es für wichtig, die ärztlichen Freiheiten in MVZ-Strukturen zu schützen. Notwendig sei es auch, die Stellung des Ärztlichen Leiters eines MVZ zu stärken. „Man muss aber nicht gleich an Änderungen der Trägerstruktur ansetzen“, meint Lindemann. Wenn einem Klinikträger zum Beispiel allenfalls eine Minderheitsbeteiligung von maximal 49 Prozent an einem MVZ erlaubt sei, bekämen freigemeinnützige Träger steuerrechtliche Probleme. Dies könne man nicht wollen.

Und wie bewertet er die Diskussion um eine zukunftsfeste Pflegeversicherung? Lindemann erachtet es als hinderlich, dass auch bei diesem Thema vor allem über Finanzierungsaspekte diskutiert wird. „Die eigene Gesundheitsvorsorge ist mir da zu wenig ein Thema“, sagt er. „Und wir müssen uns doch umfassender damit auseinandersetzen, was sich in den nächsten Jahren ändern wird, wenn wir mehr Kinderlose und weniger pflegende Angehörige haben werden.“ Für welche Lösungen man sich am Ende auch entscheiden wird, eines ist für ihn sicher: „Ein Rundum-sorglos-Paket aus der Hand des Staates wird es nicht geben können.“

Jeder müsse mehr als heute für sein Alter und seine Absicherung im Pflegefall vorsorgen. Kapitalgedeckte Systeme seien natürlich bestimmten Risiken ausgesetzt, stimmt er zu. Aber auch Umlagesysteme würden durch Wirtschaftskrisen in Mitleidenschaft gezogen, nämlich durch steigende Arbeitslosigkeit und sinkende Einkommen.

Der Liberale – zu diesem Schluss kommt man am Ende des Gesprächs – sieht eine Vielzahl von Problemen, um die es in den nächsten Monaten bei der Konzeption eines Versorgungsgesetzes gehen wird. Dass man gute Lösungen finden wird, davon ist er gleichwohl überzeugt: „Wir haben ein sehr leistungsfähiges System.“

Dr. rer. nat. Marc Meißner, Sabine Rieser

Lars Lindemann (39) befasst sich beruflich mit Gesundheitspolitik. Zudem ist der Jurist mit einer niedergelassenen Hals-Nasen-Ohren-Ärztin verheiratet. Das Paar lebt mit seinen drei Kindern in Potsdam. Gehör hat sich Lindemann zuletzt durch Vorschläge zur Kostenerstattung verschafft.

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