ArchivDeutsches Ärzteblatt42/1997Diagnose- und Therapiestandards: „Handlungskorridore“ für den Arzt

POLITIK: Aktuell

Diagnose- und Therapiestandards: „Handlungskorridore“ für den Arzt

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LNSLNS Die Frage, wie in Zukunft trotz finanzieller Einschränkung die medizinische Versorgung der Bevölkerung sichergestellt werden kann, war Thema des Symposiums "Diagnose- und Therapiestandards in der Medizin" des Instituts für Gesundheits-System-Forschung im Bonner Wissenschaftszentrum. Tenor vieler Referenten war, daß wegen der knappen Ressourcen nicht mehr alle medizinisch möglichen Maßnahmen finanzierbar seien. Deshalb rückten Therapie- und Diagnosestandards immer mehr in den Vordergrund. Es wurde jedoch kritisiert, daß der Einfluß der Hochschulmedizin auf die Erstellung der Standards relativ groß sei. Das führe zwar zu einem hohen wissenschaftlichen Niveau, doch seien die Vorgaben im Bereich der ambulanten Versorgung oft nicht zu realisieren. Gegensätzliche Meinungen gab es auf die Frage, wer Leitlinien aufstellen solle. Von ärztlicher Seite (Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, Bundes­ärzte­kammer) wurde betont, Leitlinien zur ärztlichen Berufspolitik seien innerärztlich zu entwickeln. Andererseits wurde gefordert, niedergelassene Ärzte, die pharmazeutische Industrie, die Krankenkassen und Apotheker sollten bei der Erstellung der Therapie- und Diagnosestandards mitwirken. Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen empfahl, das Verfahren der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, bei dem im Konsens wissenschaftlich begründete und praxisorientierte Therapieempfehlungen entständen. Kritisch äußerte sich aus Sicht der Pharmaindustrie Prof. Dr. med. Michael Habs. Die Methoden zur Entwicklung von Leitlinien seien noch nicht genügend entwickelt. Dr. med. Ulrich Oesingmann, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, wies darauf hin, daß häufig verschiedene Leitlinien zu identischen Versorgungsproblemen nebeneinander existieren. Er forderte, Clearing-Verfahren zu etablieren, bei denen die unterschiedlichen Leitlinien miteinander abgeglichen werden. Leitlinien sollten den Arzt nicht in seiner Therapiefreiheit einschränken. Nach Auffassung von Dr. rer. nat. Gerd Glaeske, Leiter der Grundsatzabteilung der Barmer Ersatzkasse, bieten sie dem Arzt vielmehr "Therapiekorridore" an, in denen er im Rahmen seiner Therapiefreiheit notwendige und nützliche Verfahren auswählen kann.
Prof. Dr. med. Fritz Beske, Direktor des Instituts für Gesundheits-System-Forschung (Kiel), forderte von der Politik Rahmenbedingungen für die Entwicklung und Anwendung von Therapiestandards, die den Interessen aller Beteiligten entsprechen. dh
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