ArchivDeutsches Ärzteblatt42/1997Gesundheitsberatung für Jugendliche: Zersplittertes Angebot, geringe Nachfrage

POLITIK: Aktuell

Gesundheitsberatung für Jugendliche: Zersplittertes Angebot, geringe Nachfrage

AE

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Jugendlichen in Deutschland sind heute, wenn man einen historischen Vergleich anstellt, gesund. Viele Krankheiten, die noch vor wenigen Jahrzehnten die Sterbestatistiken beherrschten, wurden zurückgedrängt. Doch das Bild täuscht: Heute leiden Jugendliche vor allem unter chronischen Krankheiten und psychosomatischen oder psychischen Beschwerden. Deren Zahl steigt sogar. Eine spezielle Gesundheitsberatung für Jugendliche könnte hier gegensteuern. Doch eine Studie dazu, die im Auftrag des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums durchgeführt wurde, ergab: Ein klares Gesamtkonzept fehlt.
Gesündere Jugendliche, gesündere Erwachsene und damit geringere Kosten - das erhofft sich das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium von einer speziellen Gesundheitsberatung für Jugendliche. Gesundheitsberatung, das heißt vorwiegend Vermittlung von gesundheitsbezogener Information, könne Jugendlichen helfen, aktuelle gesundheitliche Probleme zu lösen und künftigen vorzubeugen. Doch ein flächendeckendes Angebot gibt es kaum. Das ergab die vom Ministerium in Auftrag gegebene Expertise "Situation der Gesundheitsberatung im Jugendalter", erstellt vom Beratungsinstitut der Prognos Consult GmbH (Unter Sachsenhausen 37, 50667 Köln) in Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich "Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter" der Universität Bielefeld, der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf und der BrendanSchmittmann-Stiftung des NAV-Virchowbundes. Fünf Anbieter teilen sich den Beratungsmarkt: der kinder- und jugendärztliche Dienst des öffentlichen Gesundheitsdienstes, die niedergelassenen Ärzte, die Beratungsstellen in freier oder öffentlicher Trägerschaft, die Krankenkassen und einzelne Initiativen oder Modellprojekte. Das Engagement der Krankenkassen werde nach der Novellierung des Paragraphen 20 des Sozialgesetzbuches V (SGB) kaum noch eine Rolle spielen, fürchtet Prognos: "Hier entsteht eine Lücke, die zunächst wohl keine der übrigen Institutionen füllen wird."
Jede einzelne Beratergruppe setzt bei ihrer Arbeit unterschiedliche Schwerpunkte: Niedergelassene Ärzte zum Beispiel bieten spezielle Untersuchungen für Jugendliche an, zum Teil auch spezifische Jugendsprechstunden. Sie betonen dabei medizinische Inhalte. Die Beratungsstellen hingegen widmen sich hauptsächlich der AIDS-, Sexual- und Drogenberatung, und sie berücksichtigen eher psychosoziale Aspekte. Über die Arbeit der Einzelinitiativen und Modellprojekte kann kaum ein systematischer Überblick gegeben werden. Sie ist in der Regel zeitlich befristet, da sie stark abhängig ist von ehrenamtlichen Mitarbeitern und vor allem von Spenden. Jugendliche sind kaum informiert
Weil die Angebote so verschieden sind, halten die Autoren der Studie Kooperation für besonders wichtig. Die Berater selbst wie auch weitere von Prognos befragte Experten geben ihrer Zusammenarbeit gute Noten. Doch Ausmaß und Qualität der Kooperation hängen stark von einzelnen engagierten Mitarbeitern ab. "Eine Institutionalisierung wäre wünschenswert", schreibt Prognos. Bilanz: Das Angebot ist begrenzt. Doch die Nachfrage nach Beratung ist nicht sehr hoch. Dafür gibt es im wesentlichen zwei Gründe: Erstens wissen die Jugendlichen oft zu wenig über Beratungsangebote. Zweitens befürchten sie, Eltern oder Schulkameraden könnten von ihren Problemen erfahren; oder sie haben Angst vor unangenehmen Fragen im Beratungsgespräch. Trotz der geringen Nachfrage betreiben die Berater jedoch keine Öffentlichkeitsarbeit: Sie bewältigen mit ihren personellen oder finanziellen Möglichkeiten kaum die reguläre Nachfrage.
Bedarf an Beratung ist bei den Jugendlichen dennoch vorhanden. Von AIDS/HIV über Erste Hilfe und Ernährung bis hin zu Allergien und Impfungen: Keiner der vorgegebenen Bereiche schien den von Prognos befragten Jugendlichen unwichtig zu sein. Besonders interessierten sie sich für Beratung zu den Themen Sexualität, Drogen, Pubertät, Fitneß und körperliche Attraktivität. Das Fazit der Prognos-Studie: "Angebote der Gesundheitsberatung im Jugendalter im Sinne einer eigenständigen Maßnahme im Rahmen der Gesund­heits­förder­ung und primär ärztlich getragener Leistungen werden in der Tendenz bisher kaum vorgehalten." Ein klares Gesamtkonzept existiert nicht, ebensosowenig gibt es systematisch verwertbare Erfahrungen. Fundierte Aussagen über die Perspektiven der Gesundheitsberatung für Jugendliche sind daher kaum möglich. Deshalb fordert die Studieweitere Modellversuche, um zu "erproben, ob durch die Integration ärztlicher Gesundheitsberatung an Schulen die Zugangsbarrieren von Jugendlichen vermindert werden könnten". Aufgabe der beratenden Ärzte wäre dabei vor allem die präventive Beratung und Hilfe bei akuten Problemen. Prognos hält eine enge Zusammenarbeit mit Eltern und Lehrern für wichtig, ebenso eine "Vernetzung" der Ärzte untereinander sowie mit anderen Einrichtungen der Gesundheitsvorsorge. Weil der Beratungsbedarf von Schultyp zu Schultyp differiere, empfehlen die Autoren der Expertise, "Modellversuche vorrangig an Sonder-, Haupt- und Berufsschulen sowie an Realschulen durchzuführen". Die Krankenkassen sollten bereits in der Modellphase an der Finanzierung beteiligt werden. AE
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote