ArchivDeutsches Ärzteblatt42/1997Psychotherapeutengesetz: Ärzteschaft drängt auf Nachbesserungen

POLITIK: Aktuell

Psychotherapeutengesetz: Ärzteschaft drängt auf Nachbesserungen

Clade, Harald

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LNSLNS Die Bundes­ärzte­kammer hat anläßlich der Anhörung vor dem Bundestagsausschuß für
Gesundheit am 24. September eine Reihe von Anregungen und Änderungswünschen zu dem von der Koalition eingebrachten Entwurf eines "Gesetzes für psychologische Psychotherapeuten und für Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten" (Psychotherapeutengesetz) eingebracht, die zum Teil mit den Einwänden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung korrespondieren, zum Teil Fragen ansprechen, die von grundsätzlichem Interesse sind.
In ihrer Eingabe an den Bundestagsausschuß für Gesundheit drängt die Bundes­ärzte­kammer darauf, daß der Entwurf eines Psychotherapeutengesetzes in seinem berufsrechtlichen Teil klarstellt, daß sich die psychologischen Psychotherapeuten künftig ausschließlich auf die Psychotherapie beschränken und keine weiteren Leistungen innerhalb des gesetzlichen Leistungssystems erbringen. Im Hinblick auf die Indikationsstellung müsse, deutlicher als im Gesetzentwurf, klargestellt werden, daß der Patient auch nach einer durch den psychologischen Psychotherapeuten oder Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten veranlaßten Psychotherapie regelmäßig zur begleitenden Diagnostik somatischer und psychiatrischer Erkrankungen einem Facharzt zugewiesen wird. Dadurch soll ausgeschlossen werden, daß somatische und psychiatrische Erkrankungen nicht oder zu spät erkannt werden. Eine solche Regelung sei zum Schutz der Patienten dringend notwendig. Durchgängig müsse das Gesetz sicherstellen, daß auch künftig die Kooperation zwischen ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten gewährleistet bleibt. Der psychologisch-psychotherapeutische und der ärztlich-psychotherapeutische Versorgungsbereich dürften nicht willkürlich gespalten werden.
Als Ausbildungsstätten werden Einrichtungen der Patientenversorgung im ambulanten oder stationären Bereich erwähnt, die in der Regel von psychologischen Psychotherapeuten geleitet werden (Artikel 1 § 6). Ärzte sind danach lediglich zur Vermittlung der medizinischen Inhalte tätig. Die Bundes­ärzte­kammer moniert: Falls dies gesetzlich festgeschrieben würde, werde der Trend zur Trennung von ärztlichen und psychologischen Weiterbildungs- und Ausbildungsstätten zementiert. Dann sei aber nicht auszuschließen, daß solche Einrichtungen, die zugleich Versorgungseinrichtungen neben ihrer Ausbildungsfunktion sind, zu psychologisch geleiteten Kliniken und Polikliniken für psychisch Kranke deklariert werden und faktisch so agieren. Dies sei kontraproduktiv. Insbesondere müßten auf Länderebene Regelungen in Kraft gesetzt werden, um Weiterbildungsstätten für Ärzte mit den Ausbildungsstätten von psychologischen Psychotherapeuten zu verbinden. Getrennte Aus-, Weiterbildungs- und Versorgungseinrichtungen müßten zudem die Kosten zu Lasten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung und der Länder erhöhen.
Erforderlich sei es, die psychotherapeutisch tätigen Ärzte und die psychologischen Psychotherapeuten zur kontinuierlichen Zusammenarbeit zu verpflichten, und zwar im Hinblick auf die Differentialdiagnostik, -therapie und die Verlaufsbewertung. Zudem seien wie in allen Bereichen der Medizin Vorkehrungen zur Qualitätssicherung zu treffen.
Der Paragraph 11 des Gesetzentwurfs der Bundesregierung sieht vor, daß ein Verfahren anerkannt wird auf der Grundlage eines Gutachtens der Vertreter der psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- sowie Jugendlichen-Psychotherapeuten sowie gutachterlicher Äußerungen der Bundes­ärzte­kammer (die Beratung durch einen Beirat ist möglich). Die Bundes­ärzte­kammer schlägt vor, daß der Bundesausschuß der Ärzte und Krankenkassen für die vertragsärztliche Versorgung zu beteiligen ist. Darüber hinaus sollte die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) eingeschaltet werden, um wissenschaftliche Fragen im Vorfeld der Anwendung von Verfahren zu klären.
Wissenschaftlich anerkannte Verfahren
Durch entsprechende berufsrechtliche Übergangsrichtlinien müsse sichergestellt werden, so eine weitere Forderung der Bundes­ärzte­kammer, daß nur solche Diplom-Psychologen Psychotherapeuten werden dürfen, die in einem wissenschaftlich anerkannten Verfahren ausgebildet wurden. Zu diesen anerkannten Verfahren zählt die Bundes­ärzte­kammer: Selbsterfahrung, praktische Behandlung unter Supervision und Kenntnisse der psychiatrischen Diagnostik und der Differentialdiagnostik.
Es müsse klargestellt werden, daß der Konsiliarbericht des Vertragsarztes dazu dient, die Diagnostik einer somatischen, psychosomatischen oder psychischen Erkrankung zu fundieren. Die Bedarfsplanung für psychologische Psychotherapeuten sollte von der ärztlichen Bedarfsplanung getrennt werden. Zudem müßten die Niederlassungsbeschränkungsauflagen und die Planungsperspektiven rechtzeitig und im Zusammenhang mit dem Inkrafttreten des Gesetzes bekanntgemacht werden. Dafür sprächen organisatorische ebenso wie inhaltliche Gründe. Sollte die Quote von 40 Prozent der Plätze für ärztliche Psychotherapeuten und psychologische Psychotherapeuten verankert werden, muß nach Meinung der Bundes­ärzte­kammer die Begrenzung auf fünf Jahre aufgehoben werden, falls keine Ungleichbehandlung der ärztlichen Psychotherapeuten in Kauf genommen werden soll.
Um eine unüberwindbare Hürde beim Eintritt in die psychotherapeutische Behandlung zu vermeiden, sollte auf hohe Zuzahlungsregelungen der Patienten verzichtet werden (der Koalitionsentwurf sieht eine Zuzahlung in Höhe von 25 Prozent der Behandlungskosen vor). Dr. Harald Clade


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