ArchivDeutsches Ärzteblatt42/1997Forschungsbetrug – Fall Herrmann/Brach: Gutachter bestätigen den dringenden Verdacht der Manipulation

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Forschungsbetrug – Fall Herrmann/Brach: Gutachter bestätigen den dringenden Verdacht der Manipulation

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Zum Thema Forschungsbetrug in der Wissenschaft hat das Deutsche Ärzteblatt in der vorangegangenen Ausgabe die Aspekte der juristischen Sanktionsmöglichkeiten sowie Beispiele aus dem Ausland behandelt. Nachfolgend stehen die Verdächtigungen gegen den international bekannten Krebsforscher Prof. Friedhelm Herrmann sowie seine ehemalige Mitarbeiterin Prof. Marion Brach im Vordergrund. Ihnen wird vorgeworfen, Laborergebnisse und Publikationen manipuliert zu haben, die von der Deutschen Krebshilfe, der Dr. Mildred Scheel Stiftung, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Thyssen-Stiftung finanziell unterstützt worden sind. Eine übergeordnete Kommission von Experten hat in den letzten Wochen das "Untersuchungsmaterial" gesichtet und zusammengefaßt. Ihr jetzt vorgelegter Bericht bestätigt den dringenden Verdacht der Fälschungen. Zwei weitere Beiträge befassen sich exemplarisch mit der Qualitätskontrolle von wissenschaftlichen Arbeiten sowie der Praxis der Vergabe von Fördermitteln.
Bereits im März geriet der Stein, der zum größten Forschungsskandal in Deutschland führen sollte, ins Rollen: Ein ehemaliger Mitarbeiter der Arbeitsgruppe von Prof. Friedhelm Herrmann und Prof. Marion Brach hatte seinen Doktorvater (Prof. Dr. H. P. Hofschneider, MPI für Biochemie in Martinsried) über den dringenden Verdacht informiert, daß Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen dieses Teams gefälscht wurden.
Zur Untersuchung dieser Vorwürfe wurden an den Universitäten Ulm und Lübeck, am Max-Delbrück-Centrum in Berlin, bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft, später auch an den Universitäten Freiburg und Mainz Kommissionen eingerichtet. Auf Veranlassung dieser regionalen Gutachter wurde eine übergeordnete "Gemeinsame Kommission" gebildet, um die "lokalen" Untersuchungsergebnisse kritisch zu sichten und zusammenzufassen. Ihr Bericht kommt nach mündlicher Auskunft zu folgenden Ergebnissen:
l Die Fälschungen wissenschaftlicher Ergebnisse in Publikationen der Arbeitsgruppe Herrmann/
Brach sind weit umfangreicher, als ursprünglich, nach Aufdeckung und dem Eingeständnis der Fälschungen in vier Publikationen, angenommen wurde. In bisher 37 Publikationen, bei denen Prof. Herrmann und Frau Prof. Brach überwiegend gemeinsam Koautoren sind, liegen Fälschungen eindeutig oder mit hoher Wahrscheinlichkeit vor.
l Prof. Herrmann hat den Vorwurf, an Fälschungen von Forschungsergebnissen aktiv beteiligt gewesen zu sein, entschieden zurückgewiesen. Fälschungen in Publikationen, in denen Prof. Herrmann alleiniger Koautor ohne Frau Prof. Brach ist, und andere Feststellungen der Kommission weisen aber darauf hin, daß Prof. Herrmann wahrscheinlich aktiv an Fälschungen beteiligt war.
l Obwohl Prof. Herrmann nach eigenen Angaben im Frühjahr 1995 von einer Mitarbeiterin auf Fälschungen von Forschungsergebnissen in seiner Arbeitsgruppe hingewiesen wurde, hat er die zur Aufklärung der Fälschungsvorwürfe notwendigen Maßnahmen (zum Beispiel Vergleich der experimentellen Protokolle mit den publizierten oder zur Publikation vorgesehen Daten und die Wiederholung der Experimente unter Kontrolle) nicht durchgeführt. Er hat dadurch eine Entdeckung der Fälschungen zu einem früheren Zeitpunkt verhindert.
l Das gesamte wissenschaftliche Schrifttum von Prof. Herrmann und Frau Prof. Brach konnte noch nicht vollständig überprüft werden. Aus der großen Zahl der bisher aufgedeckten Fälschungen ergibt sich aber zwingend, daß auch das übrige wissenschaftliche Schrifttum von Prof. Herrmann und Frau Prof. Brach nicht ohne eingehende Prüfung als verläßlich gelten kann.
l Ein besonders gravierendes Fehlverhalten von Prof. Herrmann und Frau Prof. Brach zeigt sich beim Plagiat eines Forschungsantrages, der Prof. Herrmann vertraulich zur Begutachtung von einer niederländischen Institution der Forschungsförderung zugesandt wurde. Prof. Herrmann und Frau Prof. Brach haben damit das Vertrauen der niederländischen Stiftung mißbraucht und die Thyssen-Stiftung bewußt durch falsche Angaben über die Autorenschaft des von ihnen eingereichten Antrages getäuscht.
l Als eine weitere Aufgabe werden die regionalen Kommissionen in Verbindung mit der Gemeinsamen Kommission zu klären haben, inwieweit sich aus Mitwisserschaft oder Mitautorenschaft oder sonstigen Versäumnissen im Umfeld von Fälschungen eine Mitverantwortung ergeben haben kann.
Art der Fälschung
Ein großer Teil der Fälschungen beruht darauf, daß Abbildungen einer Publikation in einer weiteren Publikation ohne Angabe der Quelle verwendet und - was nach Ansicht der Gutachter besonders gravierend ist - mit neuen, vom "Original" abweichenden Bezeichnungen und Legenden veröffentlicht wurden. Andere Abbildungen wurden in mehr oder weniger eklatanter Weise durch Verdoppelungen, Kombinationen von Teilstücken aus früheren Abbildungen oder auf andere Weise manipuliert. Dies betrifft vor allem Autoradiogramme (sog. Blots) in den Publikationen. Weitere Fälschungen in den Publikationen bestanden im Einfügen von Daten, statistischen Werten, Tabellen oder Diagrammen, die nicht auf gemessenen Werten beruhen, sondern (frei) erfunden waren. Antrag unter
falschen Angaben
Im Sommer 1993 erhielt Prof. Herrmann einen Antrag von der niederländischen Krebsforschungs-Stiftung (Wilhelmina Fond) zur Begutachtung. Im September 1993 haben Prof. Herrmann und Frau Prof. Brach bei der Thyssen-Stiftung einen Antrag zur Unterstützung eines Forschungsvorhabens eingereicht, dessen Thematik mit dem des niederländischen Antrages praktisch identisch ist. Ein Begleitschreiben, das dem Antrag an die Stiftung beigefügt war, ist von Prof. Herrmann allein unterschrieben worden. Prof. Herrmann hat vor der Ulmer Kommission ausgesagt, daß es sich um Anträge verschiedener Zielrichtung und mit unterschiedlichem Inhalt handeln würde.
Im Gegensatz hierzu hat Frau Prof. Brach in einer schriftlichen Stellungnahme erklärt, daß Prof. Herrmann ihr den holländischen Antrag zur Begutachtung übergab und sie aufforderte, den Antrag als Vorlage für die Abfassung eines eigenen Antrages zu nehmen. In seiner späteren Stellungnahme hat Prof. Herrmann erneut festgestellt, daß der holländische Antrag und der von Brach/Herrmann bei der Thyssen-Stiftung eingereichte Antrag thematisch und inhaltlich verschieden sind.
Zwei von der Kommission beauftragte Gutachter kamen nach eingehendem Vergleich der beiden Anträge zur Schlußfolgerung, daß diese bezüglich der Thematik, der Zusammenfassung und des Arbeitsprogramms nahezu identisch sind; eine zufällige Parallelität kann ausgeschlossen werden.
Urheber der Fälschungen
Prof. Herrmann hat in mehreren Stellungnahmen entschieden dem Vorwurf widersprochen, wissenschaftliche Ergebnisse gefälscht zu haben. Er räumt ein, daß Fälschungen in zahlreichen Publikationen der ihm nun vorliegenden Dokumentation erkennbar sind, aber in allen Fällen mit einer Ausnahme (Beschuldigung eines Mitarbeiters der Fälschung) zu Lasten von Frau Prof. Brach gehen. Herrmann betont, daß ihm "in keiner der Publikationen, in denen er als Autor/Koautor genannt war, oder in irgendeiner Dissertation Fälschungen von Daten, Abbildungen oder Textangaben bekannt waren oder daß er zum Zeitpunkt der Publikation oder zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt von Fälschungen in den Veröffentlichungen wußte".
Der Aussage von Prof. Herrmann steht die von Frau Prof. Brach gegenüber, daß sie mehrfach von Prof. Herrmann zur Manipulation von Daten gedrängt wurde. Untersuchungen der Gemeinsamen Kommission ergeben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, daß Prof. Herrmann wissenschaftliche Ergebnisse in Publikationen selbst gefälscht hat.
Frau Prof. Brach hat, allerdings erst nachdem sie mit dem Fälschungsvorwurf konfrontiert war, Fälschungen in drei Publikationen zugegeben. Sie hat ferner der Kommission in Ulm dargelegt, daß sie von Prof. Herrmann zur Verwendung des Forschungsantrages der niederländischen Arbeitsgruppe als Vorlage für einen eigenen Antrag an die Thyssen- Stiftung gedrängt wurde und daß sie sich dabei bemüht habe, "eigene Ideen in den Antrag einzuarbeiten". Die weiteren Untersuchungen haben ergeben, daß Fälschungen in einem weit größerem Umfang in Publikationen, in denen Frau Prof. Brach Koautorin ist, vorliegen.
Koautoren
Die Gemeinsame Kommission vertritt nachdrücklich die Auffassung, daß aus Mitautorenschaft in den Publikationen aus dem Umfeld Herrmann/Brach nicht ohne weitere Prüfung eine aktive Mitwirkung bei den wissenschaftlichen Fälschungen abgeleitet werden kann. Die Anhörung von Koautoren habe ergeben, daß vielfach Wissenschaftler ohne ihr Wissen in die Autorenliste aufgenommen wurden. Auch sei den Koautoren das bei der Zeitschrift eingereichte Manu-skript (Endfassung) häufig nicht vorgelegt worden. Beiträge einzelner Koautoren seien ohne deren Wissen nachweislich vor der Publikation von Prof. Herrmann verändert worden.
Den Schutz der Forscher, die als Koautoren der unter Fälschungsverdacht stehenden Publikationen aufgeführt sind, aber an den Fälschungen nachweislich nicht beteiligt waren, hält die Gemeinsame Kommission für eine wichtige und dringliche Aufgabe, zumal mehrere dieser Wissenschaftler an der Aufklärung der Fälschungen wesentlich mitwirkten. Die Gemeinsame Kommission vertritt jedoch nachdrücklich die Auffassung, daß Mitautorenschaft auch Mitverantwortung einschließt.
Verzicht auf
Stellungnahme
Das Deutsche Ärzteblatt hat versucht, sowohl mit Prof. Herrmann als auch mit Frau Prof. Brach persönlichen Kontakt aufzunehmen, um beiden Wissenschaftlern die Möglichkeit einzuräumen, ihre Sichtweise zu den erhobenen Vorwürfen darzulegen. Unabhängig voneinander haben beide Forscher über ihre Rechtsanwälte der Redaktion mitgeteilt, daß sie grundsätzlich zu einer Stellungnahme im Deutschen Ärzteblatt bereit seien, um den gegenständlichen Sachverhalt darzulegen und klarzustellen; aufgrund "schwebender" juristischer Verfahren und Auseinandersetzungen mit den Ministerien wurde jedoch beiden Wissenschaftlern von ihren Anwälten geraten, derzeit darauf zu verzichten.
Dr. med Vera Zylka-Menhorn
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