ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2011Von schräg unten: Modern

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Modern

Dtsch Arztebl 2011; 108(7): [88]

Böhmeke, Thomas

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Es ist unsere hohe Aufgabe, unsere Schutzbefohlenen an dem rasanten wissenschaftlichen und technischen Fortschritt teilhaben zu lassen. Nicht nur pharmazeutische oder medizintechnische Innovationen, nein, auch die Nutzung der schier unendlichen Möglichkeiten moderner Kommunikationstechnologie soll unseren Patienten den Weg in eine bessere, gesündere und glücklichere Welt ebnen.

Ganz in diesem Sinne fühle ich mich bei einem älteren Patienten gefordert, der mir über erhöhte Blutdruckwerte berichtet. Modern müsse er sein, so rufe ich, und sich ein volldigitales Blutdruckmessgerät anschaffen, mit intelligenter Technologie wie Ampelfunktionen zur Klassifizierung nach WHO! „Wirklich? Früher habe ich meinen Blutdruck beim Hausarzt messen lassen, mit dem Stethoskop und so.“ Vergessen soll er diese antiquierten Methoden! „Vergessen Sie Ihren Hausarzt, der noch mit alten sphygmomanometrischen Geräten laboriert! Vollautomatisch mit oszillometrischer Präzision in eine gesunde Zukunft!“, so sage ich. „Mein Hausarzt hat sich immer meinen Wert sorgfältig aufgeschrieben.“ Das kann heutzutage, wo Flashmedien so preiswert und omnipräsent sind, dass selbst Visitenkarten über einen Gigabyte und mehr Speicherkapazität verfügen, einfach nicht wahr sein! Man muss doch mit dem Fortschritt gehen! „Wissen Sie was? Ich rechne fest damit, dass künftig digitale Blutdruckgeräte entwickelt werden, welche die ermittelten Blutdruckwerte an alle bluetoothfähigen Geräte im Umkreis von 30 Metern senden, wie beispielsweise moderne Fernseher oder Kühlschränke, damit die lieben Angehörigen unmittelbar über eine hypertensive Krise informiert werden können. Eines der Geräte schickt die Werte sofort weiter an internationale Datenbanken!“ Natürlich muss er dafür seinen elektrisch betriebenen Hausrat runderneuern, aber zur Not reicht bereits ein Netbook, das mit einer aktiven Bluetooth-Schnittstelle ausgestattet ist.

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„Sind Sie sicher?“ Natürlich ist das sicher! Ich gehe mal davon aus, dass er diesen Mini-PC mit neuester Firewalltechnologie abgesichert hat. „Das ist mir alles zu kompliziert. Ich würde doch lieber zu meinem Hausarzt . . .“ Ach was! Er muss sich vorstellen, das sich bald internationale Koryphäen virtuell im World Wide Web über seine Blutdruckwerte beugen werden, um sie dann in weltweiten Datenbanken der Gesundheitsforschung zu implementieren! Ist das nicht traumhaft?! „Ja, und dann?“ Dann bekommt er über sein internetfähiges Handy seinen Blutdruckwert wieder überspielt. „Mal abgesehen davon, dass ich so ein Handy nicht habe, was passiert dann?“ Äh . . . „Ja, was denn nun?“ Dann gehe er mit seinem Blutdruckwert zum Hausarzt.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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