THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Chirurgischer Schnitt

Rühle, Wolfgang

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LNSLNS Der seit Wochen medienpräsente Fälschungsskandal um ein ehemaliges Forscherteam am Max-
Delbrück-Centrum in Berlin-Buch ist nicht nur eine verwickelte wisenschaftlich-private Beziehungstragödie. Am Verhalten der aktiv Beteiligten kann fast exemplarisch gesehen werden, wie unterschiedlich Eingestehen von Schuld, das Akzeptieren von Verantwortung und der Mut zu Konsequenzen dissoziieren können; am Verhalten der Aufklärer wurde klar, wie wenig Wissenschaft auf ihren Mißbrauch vorbereitet ist.
In den Kommentaren war schnell die Rede vom "gnadenlosen" Konkurrenzdruck im Wissenschaftsbusiness. Was aber eigentlich nur eine weitgehend richtige Feststellung sein kann, wird bei allgegenwärtiger Wiederholung mindestens unterbewußt zur Entschuldigung und bietet einem (potentiellen) Täter zu salopp die Rolle des Opfers an.
Besonders die smarten Jungprofis mit Ambition, eben nur zur Hälfte Götter, haben mit dieser Rechtfertigungsgrundlage ihr Verhältnis zum "System" längst pragmatisch geklärt. Die Publikationszahl pro Zeiteinheit - der Output - ist das Maß der Dinge, Quantität und Qualität stehen in problematischem Verhältnis, Detailarbeit wird an ein Heer von Doktoranden delegiert, das mit einer nicht immer gesicherten Zukunftsaussicht am Laufen gehalten wird.
Statistik und Graphik sind kreativ und dienen der gewünschten Aussage, Studienzyklen orientieren sich an den Terminen von Kongressen, auf denen man präsent sein muß, Autorenschaften auf Publikationen und der Stellenplan sind Herrschaftsinstrumente, und für Kritik ist wenig Platz und Zeit. Damit ist noch gar nicht das zielgerichtete Retortendesign eines wissenschaftlichen Ergebnisses gemeint, das, wenn einmal gelungen, zur Methode werden kann.
Die Sicherheitszone zur größeren oder kleineren Mauschelei schrumpft mit dem Druck, den das real existierende "Publish or Perish"-Business ausübt. Solch strukturimmanenter Druck von allen auf alle kann nur in Schach gehalten werden, wenn er soweit wie irgend möglich neutralisiert wird durch Gegendruck mit dem gleichen Risiko, dem Karrierebruch nämlich. Derzeit haben das Aufdeckungsrisiko sowie das Sanktionsarsenal der akademischen Selbstverwaltung und des Dienstrechts unvergleichlich weniger Schrecken als die hochgezogene Augenbraue des Chefs und die Angst, im Wettbewerb den falschen Impact-Faktor zu haben.
Die Wissenschaft und ihre Administration im weitesten Sinne - Staat, Förderer, Verlage, Schriftleitungen und Hochschulgremien - müssen Verdachtsmomente und Hinweise schnell aufklären und reagieren (können). Keine Kontrollinstanz darf sich zurückhalten und in Sicherheit wiegen. Im aktuellen Fall beispielsweise gab es die Sehnsucht der Täter nach der Polizei, die ein Stück verlorene Ordnung wieder herstellt. So hoffte ein Teil der Betroffenen vergeblich, das "peer review"-Verfahren würde die simple Fälschung erkennen, das paper zurückweisen und damit den fehlenden eigenen Mut ersetzen.
Ist nach fairem Verfahren und Prüfung ein Vergehen gesichert, dann muß der schnelle chirurgische Schnitt juristisch möglich sein und auch erfolgen. Von den Organen wissenschaftlicher Selbstkontrolle ist mehr Führung und Konsequenz im Denken gefordert. Insgesamt ist mehr Transparenz erforderlich. Freiheit der Wissenschaft ist vor allem die Freiheit der Ziele und darf nicht sogar die interne Prüfung ernster Verdachtsmomente verhindern.
Im aktuellen Fälschungsfall wird einer der Beteiligten von der "Zeit" mit dem Satz zitiert, Verantwortlichkeit mit Rücktrittskonsequenz gäbe es nur in der Politik, nicht in der Wissenschaft. Wenn die Politik in diesem Umfeld zum Maßstab wird, ist etwas dramatisch schiefgelaufen.
Dr. med. Wolfgang Rühle
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