ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2011Einsatz von Honorarärzten: Lösung auf Zeit

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Einsatz von Honorarärzten: Lösung auf Zeit

Dtsch Arztebl 2011; 108(8): A-357 / B-289 / C-289

Flintrop, Jens

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Das Medienecho auf die große Mitgliederbefragung des Marburger Bundes (DÄ, Heft 7/2011) konzentrierte sich vor allem auf den Ärztemangel in den Kliniken. Dieser scheint nämlich noch deutlich größer zu sein als bisher angenommen. So sind nach den Angaben der an der Befragung teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte hochgerechnet mindestens 12 000 Stellen im ärztlichen Dienst der Krankenhäuser derzeit nicht besetzt (Befragungszeitraum: September und Oktober 2010). Bisher war man von „nur“ circa 5 500 offenen Arztstellen in den Krankenhäusern ausgegangen. Diese Zahl basierte auf einer Befragung von 450 Krankenhausgeschäftsführungen, die das Deutsche Krankenhausinstitut durchgeführt hatte (Befragungszeitraum: Januar bis März 2010). Doch woher kommt diese große Diskrepanz in den Befragungsergebnissen?

Eine mögliche Erklärung ist, dass die Ärzte und die Geschäftsführungen die Rolle der Honorarärzte in den Krankenhäusern komplett anders wahrnehmen:

  • Die Ärzte betrachten eine Arztstelle in der Abteilung offenbar auch dann noch als generell vakant, wenn die Geschäftsführung einen Honorararzt verpflichtet hat. Denn aus ihrer Sicht ist dies immer nur eine Übergangslösung; können sich doch die Honorarärzte auf den Dienst am Patienten konzentrieren und haben mit dem ungeliebten Drumherum wenig zu tun. Die vielen Verwaltungsaufgaben, die ärztliche Weiterbildung der jungen Kollegen, die Kontaktpflege zu den zuweisenden niedergelassenen Ärzten, die Personalgewinnung, Organisatorisches – alle diese Dinge bleiben beim „Stammpersonal“ hängen. Die angestellten Ärzte schätzen deshalb zwar ein Stück weit die Entlastung durch die auf Honorarbasis arbeitenden Kollegen, sie haben aber nicht den Eindruck, dass diese vollwertig eine Stelle im ärztlichen Dienst ausfüllen. Honorarärzte sind deshalb auch nur selten ein gleichberechtigtes Mitglied im Ärzteteam.
  • Für die Geschäftsführungen gilt eine ärztliche Stelle hingegen dann als besetzt, wenn ein Honorararzt die ärztlichen Tätigkeiten wahrnimmt. Dies ist deshalb nachvollziehbar, weil die Fallzahlen der Abteilung dadurch ja wieder stimmen. Wie die Aufgaben intern verteilt sind, interessiert die Geschäftsführung da offensichtlich nur am Rande.

Eine Statistik darüber, wie viele Honorarärzte inzwischen in den Krankenhäusern tätig sind, gibt es nicht. Seriöse Schätzungen gehen aber von mehr als 4 000 Ärzten aus, die ohne ein gleichzeitig bestehendes Angestelltenverhältnis gegen ein vereinbartes Honorar in deutschen Kliniken praktizieren – Tendenz steigend. Insofern ist die große Diskrepanz in den Befragungsergebnissen des Marburger Bundes und des Deutschen Krankenhausinstituts zu einem großen Teil erklärbar.

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Jens Flintrop Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Jens Flintrop Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

Aber auch den Krankenhausgeschäftsführungen sollte klar sein, dass der Einsatz von Honorarärzten immer nur eine Lösung auf Zeit sein kann. Denn nach einer gewissen Zeit, in der beim ärztlichen Stammpersonal die Freude über die Entlastung überwiegt, kippt in vielen Fällen die Stimmung in der Abteilung. Die zum Teil erheblichen Gehaltsunterschiede werden kontrovers diskutiert, und den Honorarärzten wird „Rosinenpickerei“ vorgeworfen. Aber auch aus Kostengründen sollten die Geschäftsführungen stets bemüht sein, ihre Stellen im ärztlichen Dienst mit festangestellten Kräften zu besetzen. Schließlich verdienen Honorarärzte bis zu 120 Euro je Stunde.

Jens Flintrop
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

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