ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2011Interview mit Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. Friedrich Hofmann (Universität Wuppertal), Ex-STIKO-Vorsitzender: Unmut hinter den Kulissen

POLITIK: Das Interview

Interview mit Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. Friedrich Hofmann (Universität Wuppertal), Ex-STIKO-Vorsitzender: Unmut hinter den Kulissen

Dtsch Arztebl 2011; 108(8): A-363 / B-295 / C-295

Zylka-Menhorn, Vera; Stüwe, Heinz

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Foto: Universität Wuppertal
Foto: Universität Wuppertal

Der soeben zurückgetretene Vorsitzende der Ständigen Impfkommission kritisiert das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium wegen mangelnder Unterstützung und fehlender Transparenz bei der Berufung von Mitgliedern.

Bei der Ständigen Impfkommission (STIKO) dreht sich das Personalkarussell. Das Robert-Koch-Institut (RKI), dem die STIKO angegliedert, aber nicht weisungsgebunden ist, bestätigt auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes (DÄ), dass es eine Neuberufung des Gremiums gegeben hat. Die konstituierende Sitzung habe am 17. Februar in Berlin stattgefunden. Danach sind von den bisherigen 16 Mitgliedern acht im Amt geblieben und acht neue Personen hinzugekommen. Zum Vorsitzenden wurde der ehemalige Leiter des Kölner Gesundheitsamtes, Dr. med. Jan Leidel, gewählt.

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Als Grund für die Veränderung teilte das RKI dem DÄ mit, dass die Kommission laut Geschäftsordnung grundsätzlich alle drei Jahre neu berufen wird. Dies bestätigt auch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) auf Anfrage und fügt hinzu: „Leitgedanken für die Berufung sind die fachliche Kompetenz in speziellen medizinischen Fachdisziplinen und die Integrität der Personen. Außerdem spielen die anstehenden Arbeitsschwerpunkte eine Rolle. Aktuell soll ein Fokus auf die evidenzbasierte Medizin und die Methodik gelegt werden.“ So weit, so gut?

Nach Recherche des DÄ gibt diese Aussage allerdings ein unvollständiges und beschönigendes Bild der Vorgänge wieder. Denn der bisherige Vorsitzende der STIKO, Prof. Dr. Dr. Friedrich Hofmann (Universität Wuppertal, Lehrstuhl für Arbeitsphysiologie, Arbeitsmedizin und Infektionsschutz), hat sein Amt trotz Wiederberufung überraschend niedergelegt. Hofmann war am 4. Dezember 2007 zum Vorsitzenden gewählt worden. Seither war die STIKO in besonderem Maß gefordert durch die anhaltende Diskussion um die Kosten-Nutzen-Relation der HPV-Impfung sowie um die Indikationen zur Influenza-Impfung A/H1N1 („Schweinegrippe“). Zudem wurde in den Medien immer wieder Kritik geäußert, dass einzelne STIKO-Mitglieder zu enge Verbindungen zur Pharmaindustrie pflegten.

Herr Professor Hofmann, welche Gründe bewegten Sie zum Rücktritt?

Hofmann: Es gibt eine ganze Reihe von Gründen: Durch die erhöhte Sitzungsfrequenz und die gestiegenen Anforderungen im Hinblick auf eine evidenzbasierte wissenschaftliche Vorgehensweise ist die Arbeitsbelastung aller STIKO-Mitglieder und der Geschäftsstelle am RKI erheblich gestiegen. Für mich bedeutet das, dass die Arbeit des STIKO-Vorsitzenden ehrenamtlich nicht mehr zu leisten ist. Darauf weise ich das BMG bereits seit Jahren vergebens hin. Der Zeitaufwand für den Vorsitzenden hat sich durch Vorbereitungs- und Arbeitsgruppensitzungen sowie die Mitgliedschaft qua Amt in weiteren Gremien – wie zum Beispiel der Pandemiekommission – so vermehrt, dass eine gewissenhafte Erfüllung dieser Aufgaben inzwischen nur hauptamtlich zu leisten ist.

Gibt es weitere Gründe?

Hofmann: Es steht im Infektionsschutzgesetz, dass die STIKO Impfungen als Maßnahme zur Prophylaxe empfehlen soll, aber nicht bestimmte Impfstoffe. Dies ist in der Praxis immer schwieriger einzuhalten, weil in zunehmendem Maß mehrere Impfstoffe gegen dieselben Erreger verfügbar sind, die sich hinsichtlich der Antigenzusammensetzung, also der Abdeckung unterschiedlicher Serogruppen, oder des Impfstoffprinzips, zum Beispiel konjugierte versus Polysaccharidimpfstoffe, unterscheiden. Dann aber gerät man in die Frontlinie zwischen den einzelnen Herstellern. Denn selbstverständlich haben die Impfstoffe der einzelnen Unternehmen verschiedene positive und negative Eigenschaften.

Der STIKO wurde aber doch auch vorgeworfen, sie empfehle – im Sinne der Industrie – (zu) teure Impfstoffe?

Hofmann: Dieser Vorwurf ist nicht haltbar. Im Preis schlagen sich die hohen Entwicklungs- und Herstellungskosten der Firmen für diese hochdifferenzierten Präparate nieder. Es ist richtig, dass die STIKO-Empfehlungen seit 2007 praktisch verbindlich sind. Das heißt, wenn der Gemeinsame Bundes­aus­schuss nicht innerhalb eines Vierteljahres gute Gegenargumente gegen die Einführung eines Impfstoffs hat, muss dieser als Pflichtleistung von den Krankenkassen übernommen werden. Die STIKO gibt ihre Empfehlungen aus medizinischer Sicht – bekommt aber Prügel, wenn sie einen teuren Impfstoff empfiehlt. Nur: Die STIKO kann gar keine Kosten-Nutzen-Bewertung abgeben – zumal ihre Mitglieder keine ökonomische Kompetenz haben. Überdies gehört eine Kosten-Nutzen-Bewertung auch nicht zu ihren gesetzlich festgelegten Aufgaben. Das ist ein ganz zentraler Punkt.

Wie steht es denn um die Transparenz der STIKO und ihrer Mitglieder?

Hofmann: Vor der Berufung muss jedes Mitglied einen Fragebogen von deutlich mehr als einem Dutzend Seiten beantworten. Das finde ich richtig. Es muss offenliegen, ob STIKO-Mitglieder an zulassungsrelevanten Studien mitgearbeitet haben. Andererseits wird man kaum einen eingefleischten Impfexperten finden, der nicht solche Studien durchgeführt hat; das gehört zum Geschäft. Außerdem wird man ja in die STIKO berufen, weil man Erfahrung auf diesem Gebiet hat. Man kann die STIKO doch nicht ausschließlich mit Theoretikern besetzen.

Dennoch werfen einige Medien und auch einzelne Abgeordnete der STIKO zu große Pharmanähe vor . . . 

Hofmann: Die Nähe zur Pharmaindustrie wird von verschiedenen Medien gern übertrieben dargestellt. Dazu ein Beispiel: Im Bayerischen Rundfunk hieß es neulich, mehrere STIKO-Mitglieder seien nach ihrem Ausscheiden in die Pharmaindustrie gegangen. Das ist einfach falsch. Seit 1972 war es genau eine Person. Ein Teil der Presse ist gegenüber der STIKO relativ feindlich gesinnt.

Wie meinen Sie das?

Hofmann: Wer STIKO-Mitglieder dafür kritisiert, dass sie Studien mit Mitteln der Pharmaindustrie durchführen, muss wissen: Die Alternative besteht darin, dass dann eben öffentliche Mittel dafür zur Verfügung gestellt werden. Das wäre mir lieb. Dennoch bin ich der Meinung, dass STIKO-Mitglieder sich mit der Industrie austauschen müssen. Man muss wissen, was in der Pipeline ist, man darf nicht von neuen Impfstoffen überrascht werden, sondern die STIKO muss sich lange im Vorfeld der Zulassung damit beschäftigen. Das habe ich oft gesagt und wurde dafür immer wieder kritisiert. Und das war sehr unbefriedigend.

Sind Ihnen persönlich Interessenverquickungen vorgeworfen worden?

Hofmann: Mir persönlich nicht, aber anderen Mitgliedern – allerdings nur von der Presse, nicht vonseiten des Ministeriums.

Fühlten Sie sich in Ihrer Arbeit vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium nicht genügend unterstützt?

Hofmann: Ich habe im Ministerium gute Beziehungen zu einzelnen Personen gehabt, allen voran zu Minister Rösler, der als Arzt Interesse am Impfwesen hat.

Ein Kernpunkt meiner Kritik am Ministerium ist, dass Transparenz hergestellt werden muss in Bezug auf die Berufung und Abberufung der Mitglieder. Seit dem letzten Berufungsprozess im Frühjahr 2010 hat niemand vom Ministerium je mit mir darüber gesprochen. Das BMG hat einfach neue Mitglieder berufen, ohne Gründe für das Ausscheiden der anderen zu nennen oder den Vorsitzenden darüber zu informieren. Somit liegen die Gründe, warum jemand in die STIKO kommt oder gehen muss, im Dunkeln.

Übrigens: Die Mitglieder, die jetzt ausgeschieden sind, wurden erst im Nachhinein vom BMG über ihre Abberufung informiert.

Gibt es Ihrer Meinung nach politische Gründe, weshalb man die STIKO nur halbherzig unterstützt?

Hofmann: Nun, die STIKO ist dann sehr nützlich, wenn es öffentliche Diskussionen oder Schwierigkeiten mit Impfstoffen gibt. Die Politik kann dann immer darauf verweisen, dass man für Impffragen eine unabhängige Kommission hat. Aber man tut nicht genug, um diese Kommission wirklich arbeitsfähig zu machen. Sie hat meines Erachtens lediglich eine Feigenblattfunktion.

Muss die STIKO strukturell und inhaltlich anders aufgestellt werden?

Hofmann: Meiner Meinung nach sollte sie unterschiedliche medizinische Fachrichtungen repräsentieren. Wenn Sie die Impfkalender der letzten Jahrzehnte vergleichen, werden Sie feststellen, dass viele Impfungen für Erwachsene hinzugekommen sind. Deshalb müssen die Fächer Gynäkologie und Innere Medizin vertreten sein. Die Gruppe der STIKO-Mitglieder, die aus praktischer Erfahrung etwas vom Impfen verstehen, verschwindet aber leider allmählich. Zudem sollte die Berufungszeit von derzeit drei Jahren verlängert werden, weil jede Neuberufung mit einer gewissen Einarbeitungsphase verbunden ist.

Und es gibt noch ein Problem: Der Infektionsschutz ist in Deutschland nach wie vor Ländersache, die STIKO ist aber eine Kommission der Bundesregierung. Das hat beispielsweise während der ,Schweinegrippesaison‘ zu erheblichen Komplikationen geführt. Hier müsste man meiner Meinung nach über eine Grundgesetzänderung nachdenken.

Jetzt ist die STIKO dem Robert-Koch-Institut angegliedert. Würden Sie eine andere Lösung bevorzugen?

Hofmann: Das muss nicht unbedingt das RKI sein, das könnte auch das Paul-Ehrlich-Institut sein oder direkt das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium. Aber das muss die Politik entscheiden.

Das Interview führten Dr. med. Vera Zylka-Menhorn und Heinz Stüwe.

@Auszug aus der Geschäftsordnung der Ständigen Impfkommission im Internet: www.aerzteblatt.de/11363

*www.rki.de/DE/
Content/Infekt/Impfen/STIKO/Mitglieder/
mitglieder_node.html

Ständige Impfkommission (STIKO)

Die Ständige Impfkommission (STIKO) wird gemäß Paragraf 20 Infektionsschutzgesetz gebildet, um öffentliche Impfempfehlungen auszusprechen. Die STIKO hat 12 bis 18 Mitglieder. Diese werden vom Bundesministerium für Gesundheit (BGM) im Benehmen mit den obersten Landesgesundheitsbehörden grundsätzlich alle drei Jahre neu berufen. Die Mitglieder sind Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Disziplinen der Wissenschaft und Forschung, aus dem Bereich des öffentlichen Gesundheitsdienstes und der niedergelassenen Ärzteschaft.

Neben den berufenen Mitgliedern nehmen Vertreter des Bundesministeriums für Gesundheit und oberster Landesgesundheitsbehörden, des Paul-Ehrlich-Institutes und des RKI beratend, aber ohne Stimmrecht an den Sitzungen der STIKO teil. Weitere Vertreter von Bundesbehörden können daran teilnehmen. Seit Februar 2007 ist auch der Gemeinsame Bundes­aus­schuss Gast in den Sitzungen der STIKO.

Die Mitgliedschaft in der STIKO ist ein persönliches Ehrenamt. Die Mitglieder sind bei ihrer Tätigkeit nur ihrem Gewissen verantwortlich und zu unparteiischer Erfüllung ihrer Aufgaben verpflichtet.

Die wissenschaftliche Arbeit von Expertinnen und Experten auf dem Gebiet des Impfwesens bringt auch Kontakte mit impfstoffherstellenden beziehungsweise -vertreibenden Unternehmen mit sich. So werden Forschungsvorhaben an Hochschulen und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen auch durch Drittmittel von privater Seite finanziert. Im Einzelfall ist zu bewerten, ob die entsprechenden Tätigkeiten mit den Pflichten eines STIKO-Mitglieds vereinbar sind. Vor ihrer Berufung haben die STIKO-Mitglieder daher gegenüber dem BGM Umstände offenzulegen, die einen möglichen Interessenkonflikt oder die Besorgnis der Befangenheit im Aufgabenbereich der STIKO begründen könnten. Das BGM prüft, ob Umstände von einem solchen Gewicht vorliegen, dass eine Berufung ausgeschlossen ist. Die Mitglieder sind ferner verpflichtet, ihre vor der Berufung gemachten Angaben regelmäßig zu aktualisieren und vor jeder Sitzung mitzuteilen, ob zu einzelnen Tagesordnungspunkten Umstände vorliegen, die zu einem Ausschluss von der Beratung und Beschlussfassung führen könnten.

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