ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2011Modellvorhaben Physiotherapie: Ärzte fürchten um Therapiesicherheit

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Modellvorhaben Physiotherapie: Ärzte fürchten um Therapiesicherheit

Dtsch Arztebl 2011; 108(8): A-376

Maus, Josef; Gerst, Thomas

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Keine Unterstützung von den nordrhein-westfälischen Orthopäden für das Projekt der BIG-Krankenkasse

Ein Modellvorhaben der BIG-Krankenkasse, das im April in Westfalen-Lippe und Berlin starten soll, hat schon im Vorfeld für erhebliche Unruhe gesorgt und wütende Proteste bei Orthopäden in Nordrhein-Westfalen ausgelöst. Es geht um das erste Modellvorhaben in der Physiotherapie nach § 63 Absatz 3 b Sozialgesetzbuch V, auf das sich die BIG-Krankenkasse mit dem Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten – IFK e.V. verständigt hat. Die Besonderheit des Projekts: Die etwa 40 teilnehmenden Physiotherapiepraxen können autonom über die Auswahl der therapeutischen Maßnahmen, die Dauer der Behandlungsserie und die Frequenz der Behandlungseinheiten für ihre Patienten entscheiden. Nach wie vor ist allerdings eine ärztliche Verordnung vor dem Therapiebeginn notwendig. Möglich ist die Vereinbarung solcher Modellvorhaben bereits seit dem Pflege-Weiterentwicklungsgesetz aus dem Jahr 2008.

Zweifel an den Kompetenzen

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Die Orthopäden in Nordrhein-Westfalen reagierten mit völligem Unverständnis auf das Vorhaben. „Die Verordnung einer indikationsgerechten Therapie setzt eine eingehende Untersuchung und Diagnostik sowie das Berücksichtigen von Kontraindikationen voraus“, erklärte Dr. med. Wolfgang Mertens, Vorstand des Ärztenetzwerkes Orthonet-NRW. Dies setze eine umfassende medizinische Ausbildung voraus, die nicht nur den therapeutischen Teilaspekt der Physiotherapie umfasse. Mertens weiter: „Seit wann sind Physiotherapeuten in der Lage, Krankheitsbilder abschließend und schlüssig zu diagnostizieren? Es fehlt ihnen nicht nur an medizinischem Wissen für die Differenzialdiagnostik, sondern auch das diagnostische Rüstzeug.“

Die im Orthonet-NRW zusammengeschlossenen Orthopäden können auch nicht nachvollziehen, wo mit dem Modellvorhaben Einsparpotenziale entstehen sollen, wenn der ausführende Physiotherapeut sein „eigener Verordner“ ist. Die Orthopäden sähen sich deshalb außerstande, „lediglich eine Eingangsdiagnostik zu erbringen, die den Physiotherapeuten juristisch zulasten des Arztes exkulpieren soll, um dann die Kontrolle über das weitere Heilverfahren gänzlich zu verlieren“. Das Ärztenetz kündigte an, allen Orthopäden in Nordrhein-Westfalen von einer Unterstützung des Projekts abzuraten.

Schrittweise in die Autonomie

Anders sehen das die Vertragspartner BIG-Krankenkasse und der Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten. Sie wollen vielmehr den Nachweis erbringen, dass mehr Autonomie in der physiotherapeutischen Therapie bei muskuloskelettalen Erkrankungen der Wirbelsäule, des Beckens oder der unteren Extremität die Effektivität und Effizienz der Patientenversorgung steigert. Für die IFK-Vorsitzende, Ute Repschläger, scheint das Modellprojekt geeignet zu sein, die Physiotherapie „in den nächsten Jahren schrittweise aus der Abhängigkeit der ärztlichen Verordnungen zu lösen“. Das Modellvorhaben wird mit einer wissenschaftlichen Begleitstudie evaluiert. JM/TG

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