ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2011Kodierrichtlinien: Nutzen und Nebenwirkungen

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Kodierrichtlinien: Nutzen und Nebenwirkungen

Dtsch Arztebl 2011; 108(8): A-395

Kerschreiter, Manfred

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Ab dem 1. Juli drohen uns niedergelassenen Ärzten die amtlichen Kodierrichtlinien. Ich möchte Ihnen meine Erfahrungen mitteilen, nachdem ich diese in meiner Praxis umgesetzt habe: Bei einer Praxis mit 800 Scheinen im Quartal müssen Sie mit 400 Fehlermeldungen rechnen. In der Stunde können Sie etwa 20 Fehlermeldungen beseitigen, das heißt, man benötigt etwa 20 Stunden zur Beseitigung der Fehler. Wenn Sie jetzt anfangen und bis zum Ende des Quartals jeweils eine halbe Stunde länger arbeiten, haben Sie die Fehler zum Ende des Quartals bereinigt. Dabei genügt es nicht, nur Probeabrechnungen durchzuführen; um die Fehler aufzuspüren, brauchen Sie das KBV-Prüfmodul, das heißt, Sie müssen eine vollständige Abrechnung machen. Ich musste 30 Abrechnungsläufe durchführen, um die Fehler zu entfernen.

Macht das Ganze Sinn? Leider nein: weder medizinisch, noch gesundheitspolitisch, noch wirtschaftlich.

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Medizinisch: Ihre Dauerdiagnosen werden sich erheblich verschlechtern. Die KBV will nach dem V. a. (Verdacht auf) jetzt auch den Z. n. (Zustand nach) aus den Dauerdiagnosen verbannen. Der „Zustand nach“ wird durch „Folgen von“ ersetzt. Ein inhaltlicher Unterschied ist mir nicht ersichtlich; Sie werden aber Stunden Ihrer Freizeit mit diesen Grammatikübungen verbringen. Die Diagnoseverschlechterung ergibt sich daraus, dass nur für einen ganz kleinen Teil eine Eins-zu-eins-Umsetzung möglich ist. Für den größten Teil müssen wenig sagende Allgemeinbezeichnungen verwendet werden. Zum Beispiel das spezifische „Z. n. Rippenfraktur S22.32Z“ wird ersetzt durch das unspezifische „Folgen einer sonstigen Fraktur des Thorax und des Beckens T91.2“ oder zum Beispiel „Z. n. Missbrauch T74.9“ wird ersetzt durch „Folgen sonstiger und nicht näher bezeichneter Schäden durch äußere Ursachen T98.1“ . . .

Gesundheitspolitisch und wirtschaftlich: Wenn die Diagnosenverschlüsselung mit der Honorierung verknüpft werden soll, wird ein Hamsterrad der Diagnosenverschlüsselung angeworfen werden, an dessen Ende die Gesellschaft maximal krank dargestellt wird. Eine verzerrte Darstellung des Krankheitszustands in der Gesellschaft ist gesundheitspolitisch nicht sinnvoll . . .

Nachdem Sie diese Grundlagenarbeit gemacht haben, müssen Sie jedes Quartal die Trennung von stets behandlungsbedürftigen und nur anamnestischen Diagnosen durchführen: bei durchschnittlich zehn Dauerdiagnosen und 800 Patienten müssen Sie jedes Quartal 8 000 Diagnosen überprüfen. Bei 100 000 Ärzten in der Bundesrepublik ergibt das eine Überprüfungsaufgabe von 800 Millionen Diagnosen. Ich nehme an, Sie stimmen mir zu, dass hier die Nebenwirkungen den Nutzen bei weitem übersteigen . . .

Dr. med. Dr. rer. pol. Manfred Kerschreiter,
86154 Augsburg

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