ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2011Kodierrichtlinien: Pragmatischer kodieren

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Kodierrichtlinien: Pragmatischer kodieren

Dtsch Arztebl 2011; 108(8): A-396

Popert, Uwe

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Bedingt durch die hochkomplexe Thematik und praxisferne Vorgaben der Ambulanten Kodierrichtlinien (AKR) sind einige Angaben des Fortbildungsartikels in Heft 4/2011 „Definition der Behandlungsdiagnose“ zu diskutieren. Die AKR-Vorgabe: „Auch sind Diagnosen als Behandlungsdiagnosen im Sinne der AKR zu werten, die Einfluss nehmen auf die Behandlung anderer Erkrankungen des jeweiligen Patienten“ wird missverständlich interpretiert.

Beispiel Hausarztkonsultation: Die Pollenallergie als Hinweis auf eine mögliche Lebensmittelallergie (Möhren, Äpfel, Nüsse . . .) ist bei einer „unspezifischen Gastritis“ möglicherweise genauso relevant wie das Ergebnis der Gastroskopie; die anamnestische Unterschenkelfraktur kann je nach Begleitumständen auf einen übermäßigen Alkoholgebrauch mit Gastritisrisiko hinweisen und ist deswegen in der Gesamtbetrachtung des Falls möglicherweise ebenfalls wegweisend und eine Behandlungsdiagnose.

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Zu Frage 6: Der „Zustand nach Appendektomie“ spielt bei der Untersuchung des Abdomens und der Wertigkeit der Differenzialdiagnosen eine wichtige Rolle und ist deswegen auch eine relevante Behandlungsdiagnose. Die Antwort „Dauerdiagnosen dienen dazu, anamnestische Angaben zu Patienten zu archivieren“ wird als falsch angesehen, spiegelt aber die derzeit überwiegend geübte (und durch den Text der AKR auch nicht ausgeschlossene) Praxis wider.

Alle Beispiele zeigen: Eine Aufschlüsselung der Dauerdiagnosen in „anamnestische“ und „aktuelle“ ist eine Fiktion, denn eine möglichst vollständige Einbeziehung aller zur Verfügung stehenden Daten ist wichtig. Warum soll man eigentlich die „anamnestischen Dauerdiagnosen“ wegschließen? In jahrelanger Arbeit haben viele Praxen genau so die wertvolle Krankheitsgeschichte dokumentiert. Genau diese Daten brauchen wir in naher Zukunft für den Not­fall­daten­satz. Was täte also ein pfiffiger Bürokrat? Er würde ein zusätzliches Zeitfeld für Dauerdiagnosen einführen. So wären sie nicht verloren, müssten nicht mehr aktiviert werden und wären trotzdem – optional – als vergangene Episode zu erkennen.

Ergänzend noch ein paar Hinweise aus der Praxis eines Allgemeinmediziners: Früher hat man einfach „Diabetes“ und „Glomerulonephritis“ nebeneinander gesetzt; jetzt muss es heißen: „Diabetes mit Glomerulopathie“ plus „Glomerulonephritis bei Diabetes“. Diese Kodierungen werden jetzt in hierarchisierte Morbiditätsgruppen (HMG) übersetzt und sind über den morbiditätsgewichteten Risiko­struk­tur­aus­gleich für die Krankenkassen bares Geld wert. Deutlich mehr als bei „Diabetes“ plus „Glomerulonephritis“ – obwohl die Aussage nicht wahrer geworden ist, denn in der Regel weiß ja keiner, ob die Nephritis wirklich vom Diabetes herrührt. Es ist nur eine Wahrscheinlichkeitsaussage. Dies ist nur ein Beispiel. Mehr als 140 verschiedene Diabetes-Kodierungen gibt es nun; mit Thesaurus eine Liste von 300 bis 400 verschiedenen Möglichkeiten.

Ein pfiffiger Bürokrat könnte auf die Idee kommen, „Diabetes“ plus „Nephritis“ direkt in die Definition der HMG hineinzuschreiben – ohne Umwege. Dann bräuchte man nur noch vier Diabetes-Diagnosen (Typ 1, Typ 2 mit und ohne Entgleisung) und hätte mehr Zeit für Patienten. Und die Kasse freute sich noch mehr, denn es würden weniger Diagnosen vergessen.

Vereinfachen könnte man auch die Zahl der Diagnosen insgesamt. Die ICD-10 kennt mehr als 14 000, im RSA sind etwa 3 400. Wenn drei Ärzte denselben Patienten kodieren, stimmen die Ergebnisse nur auf der Kapitelebene (entsprechend etwa 20 Diagnosen) überein. Die speziell auf hausärztliche Verhältnisse zugeschnittene ICPC-2-Klassifikation kennt etwa 700 bis 800 Diagnosen. Das wäre doch ein erheblicher Fortschritt!

Dr. med. Uwe Popert, 34119 Kassel

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