ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2011Interview mit Dr. med. Andreas Köhler und Dr. med. Carl-Heinz Müller, Vorstände der KBV: „Der Schlussstein fehlt noch“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. med. Andreas Köhler und Dr. med. Carl-Heinz Müller, Vorstände der KBV: „Der Schlussstein fehlt noch“

Maus, Josef; Rieser, Sabine

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Der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) über mehr Einfluss für die Regionen, Ziele für die nächste Amtsperiode und Forderungen an die Politik

„Auf der Bundesebene gibt es machtvolle Player. Da ist eine starke KBV als Gegengewicht notwendig.“Andreas Köhler / Fotos: Georg J. Lopata
„Auf der Bundesebene gibt es machtvolle Player. Da ist eine starke KBV als Gegengewicht notwendig.“
Andreas Köhler / Fotos: Georg J. Lopata

Herr Dr. Köhler, Herr Dr. Müller, die Frage, ob Sie erneut für den Vorstand der KBV kandidieren, haben Sie bereits mit Ja beantwortet. Was reizt Sie an einer neuerlichen Amtsperiode?

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Köhler: Wir haben in der zurückliegenden Amtsperiode erneut fundamentale Veränderungen erlebt, und zwar in vielen Bereichen, ob Versorgung, Vergütung oder Qualitätssicherung. Jetzt steht das Versorgungsgesetz an, und damit fehlt der wesentliche Schlussstein einer dauerhaft zukunftsfähigen haus- wie fachärztlichen ambulanten Versorgung. Diesen Schlussstein wollen wir mit setzen helfen, damit es wieder attraktiv ist, niedergelassener Arzt beziehungsweise Psychotherapeut zu sein.

Müller: Wir haben bestimmte Wege eingeschlagen, und die möchten wir nun auch weitergehen. Es ist eine Herausforderung, dem drohenden Ärztemangel entgegenzuwirken und Kollegen von der kurativen Versorgung zu überzeugen. Wir wollen darüber hinaus die Vernetzung von Haus- mit Fachärzten sowie von ambulantem und stationärem Bereich vorantreiben. Dazu kommt die Aufgabe, Ärzte mit anderen Berufsgruppen wie Psychologischen Psychotherapeuten oder Pflegekräften so zusammenzubringen, dass sie im Team Patienten versorgen.

Was waren im Rückblick wichtige Entwicklungen in der zurückliegenden Amtsperiode?

Köhler: Man vergisst schnell, dass noch vor wenigen Jahren die Abschaffung der fachärztlichen ambulanten Versorgung gefordert wurde. Auch Tendenzen, nichtärztlichen Ersatz für Hausärzte zu suchen, gab es. Heute wird anerkannt, dass es eine wohnortnahe ambulante haus- und fachärztliche Versorgung geben muss. Dass die ambulanten Strukturen und das, was sie leisten, anerkannt werden – das ist schon gelungen in den letzten sechs Jahren. Anfangs hatten wir noch Kopfpauschalen und die Koppelung der Ausgaben an die Grundlohnentwicklung. Heute haben wir ein Vergütungssystem mit einer starken Versichertenzentrierung und mit einer Berücksichtigung der Krankheitslast. Das neue System ist nicht perfekt, aber wichtige Punkte sind gesetzt.

„Der Kollektivvertrag muss kein starres Gebilde sein, sondern kann dazu beitragen, die Versorgung zu verbessern.“ Carl-Heinz Müller
„Der Kollektivvertrag muss kein starres Gebilde sein, sondern kann dazu beitragen, die Versorgung zu verbessern.“ Carl-Heinz Müller

Müller: Aus meiner Sicht ist ebenfalls wesentlich, dass der drohende Ärztemangel jetzt auch politisch anerkannt ist. Es ist uns zudem als Selbstverwaltung gelungen, die Honorartöpfe für Haus- und Fachärzte zu trennen – ohne den Gesetzgeber –, und zwar so, dass sie nun in allen KVen nach gleichen Regeln umgesetzt werden. Das zeigt, dass wir in der Selbstverwaltung auch effektiv handeln können. Wir haben den richtigen Weg eingeschlagen, aber wir müssen ihn auch fortsetzen.

Es gibt aber auch massive Kritik: an der Honorarreform und der Verteilung der Honorare, an der zunehmenden Zentralisierung und an der Abwehr von Selektivverträgen.

Köhler: Die zentralistischen Vorgaben der Honorarverteilung waren falsch. Wir müssen sie unbedingt regionalisieren. Allerdings setzt das eine gesetzliche Änderung voraus, die wir im Rahmen des Versorgungsgesetzes fordern.

Vor der jüngsten Honorarreform hatten die KVen mehr Spielräume, aber zufrieden waren die Ärzte auch nicht.

Köhler: Auch eine Regionalisierung wird ein Grundproblem nicht lösen: dass es eine unbegrenzte Nachfrage nach ambulanten ärztlichen Leistungen gibt, aber nur eine begrenzte Geldmenge. Instrumente zur Steuerung, die wir fordern, sind die Kostenerstattung, die Transparenz ermöglicht und auf die Eigenverantwortung der Versicherten setzt. Alternativ dazu gäbe es die Möglichkeit einer prozentualen Kostenbeteiligung des Versicherten. Die dritte Möglichkeit wäre eine Differenzierung des GKV-Katalogs in Grund- und Wahlleistungen. Aber der Gesetzgeber unterstützt leider keine dieser Alternativen.

Was wollen Sie also tun?

Köhler: Der einzige Weg, der uns derzeit bleibt, ist die Regionalisierung. Vor Ort kann man gerechtere Steuerungsoptionen einsetzen. Es reicht im Grunde nicht einmal aus, die Honorarverteilung auf der Ebene der KV zu steuern. Wir müssen die einzelnen Landkreise betrachten und die dortigen Verhältnisse in der Honorarverteilung abbilden.

Und wo liegen die Grenzen dieser stärker regionalisierten Politik?

Köhler: Zu Beginn unserer Amtsperiode hatten wir 531 Krankenkassen, gegenwärtig sind es 151. Wir haben einen sehr starken GKV-Spitzenverband und einen machtvollen Gemeinsamen Bundes­aus­schuss, dazu Konzentrationsbewegungen im stationären Bereich durch größere Klinikketten. Das bedeutet: Auf der Bundesebene gibt es machtvolle Player. Deshalb brauchen die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte einen Repräsentanten in den entsprechenden Gremien, damit ihre Interessen dort vertreten werden. Eine starke KBV als Gegengewicht ist notwendig.

Wie wird es im Streit Selektivvertrag versus Kollektivvertrag weitergehen?

Köhler: Noch vor fünf, sechs Jahren hieß es: Die Regelversorgung wird über Selektivverträge gesteuert werden. Heute wird anerkannt, dass der Kollektivvertrag die Grundlage einer ambulanten flächendeckenden Versorgung ist. Wir sind im Übrigen nicht grundsätzlich gegen Selektivverträge, sondern wir unterstützen sie als Suchmodell für eine bessere Versorgung. Wir haben nur ein Problem damit, wenn der Selektivvertrag den bisherigen Kollektivvertrag ersetzt, im Grunde aber nur der Organisator wechselt. In der nächsten Amtsperiode muss eine abschließende Diskussion stattfinden, wie das Verhältnis Selektivvertrag zu Kollektivvertrag sein soll, auch wegen der Probleme um Fairness und Versorgungsgerechtigkeit.

Müller: Wissen Sie, Praxisabläufe werden durch Selektivverträge nicht einfacher. Und beim Kollektivvertrag reden wir ja nun auch über eine Vertragsform, bei der wir nach vorne denken, uns neue Ziele setzen, zum Beispiel im Hinblick auf steigende Demenzerkrankungen oder vergleichbare Anforderungen. Der Kollektivvertrag muss kein starres Gebilde sein, sondern kann dazu beitragen, Versorgung zu verbessern. Das wird eine der spannendsten Fragen der nächsten Legislaturperiode: Wie können die Anhänger dieser beiden Vertragsformen zu gemeinsamen Zielen gelangen, damit Patientenversorgung und Vergütung besser werden?

Köhler: Das wird keine einfache oder freundliche Debatte werden. Aber es bewegt sich doch schon etwas, wenn Verfechter von Selektivverträgen befinden: Das, was sich als gut erweist, muss auch im Kollektivvertrag stattfinden.

Die Politik leugnet den Ärztemangel nicht mehr. Wird es damit leichter für die KBV, Forderungen durchzusetzen?

Köhler: Ich finde, Fragen der Arztzahl insgesamt und Fragen der Arztverteilung werden heute viel zu kritisch diskutiert. Ich unterstütze den Anspruch, dass es an jedem Ort möglichst eine gleich gute ambulante Versorgung geben soll und Ärzte deswegen gut verteilt arbeiten müssen. Nur: Um Ärzte gerecht zu verteilen, muss ich sie erst einmal haben. Dazu kommt: Wir haben eine immer stärkere Spezialisierung in der ambulanten fachärztlichen Versorgung, auch aufgrund von Verlagerungseffekten aus dem stationären Bereich. Das erfordert im Grunde mehr ambulant tätige Ärzte. Man sollte vorsichtig sein mit der Aussage, es sei alles nur ein Verteilungsproblem.

Müller: Es ist doch heute teilweise schon in Städten schwer, einen Nachfolger für eine hausärztliche Praxis zu finden. Außerdem hat jede Stadt ein großes Einzugsgebiet, aus dem heraus Patienten kommen. Das darf man nicht ignorieren. Dazu kommt: Ärzte und Ärztinnen, die Familie und Beruf verbinden, wollen nicht mehr 50 Stunden oder mehr arbeiten. Ältere Kollegen übrigens auch nicht mehr. Das, was auf dem Papier noch Überversorgung ist, ist in Wahrheit oft schon das Gegenteil.

Köhler: Zum Thema Ärztemangel wird es harte Diskussionen geben, schon wegen der Gegenposition der Krankenkassen. Nur: Ohne Ärzte keine Versorgung. Und Versorgung ist nicht nur unser Job, sondern auch der der Kassen.

Das Interview führten
Josef Maus und Sabine Rieser.

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