ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2011Nichtsteroidale Antiphlogistika: Erhöhen sie das kardiovaskuläre Risiko?

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Nichtsteroidale Antiphlogistika: Erhöhen sie das kardiovaskuläre Risiko?

Dtsch Arztebl 2011; 108(10): A-525 / B-424 / C-424

Heinzl, Susanne

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Seit im Jahr 2004 der COX-2-Hemmer Rofecoxib wegen Erhöhung des kardiovaskulären Risikos vom Markt genommen wurde, wird die kardiovaskuläre Sicherheit aller nichtsteroidalen Antiphlogistika (NSAR) diskutiert. Mit Standard-Metaanalysen waren die Ergebnisse bislang nicht eindeutig. Deshalb untersuchte eine Berner Arbeitsgruppe des klinischen Epidemiologen Peter Jüni in einer Netzwerk-Metaanalyse mit den Daten aus 31 klinischen Studien und von 116 429 Patienten erneut die kardiovaskuläre Sicherheit von nichtsteroidalen Antiphlogistika.

Zu den untersuchten Substanzen gehörten Naproxen, Ibuprofen,
Diclofenac, Celecoxib, Etoricoxib, Rofecoxib, Lumiracoxib und Placebo (Grafik). Primärer Endpunkt war ein tödlicher oder nichttödlicher Herzinfarkt, zu den sekundären Endpunkten gehörten tödliche und nichttödliche Schlaganfälle, kardiovaskulärer Tod, die Gesamtsterblichkeit und ein kombinierter Endpunkt aus nichttödlichem Herzinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulärer Letalität.

Die absolute Zahl an Ereignissen war gering; es traten 554 Herzinfarkte, 377 Schlaganfälle und 676 Todesfälle auf. Im Vergleich zu Placebo bestand das höchste Risiko für einen Myokardinfarkt bei Patienten, die Rofecoxib nahmen (Rate Ratio 2,12), gefolgt von Lumiracoxib (2,00). Am geringsten war das Herzinfarktrisiko mit Etoricoxib (0,75), Naproxen und Diclofenac (jeweils 0,82).

Das Risiko für einen Schlaganfall war bei Einnahme von Ibuprofen (3,36) am höchsten, gefolgt von Diclofenac (2,86), Lumiracoxib (2,81) und Etoricoxib (2,67). Die kardiovaskuläre Sterblichkeit war bei Etoricoxib (4,07) und Diclofenac (3,98) signifikant erhöht, auch die Gesamtsterblichkeit war unter diesen beiden Substanzen am höchsten (2,29 für Etoricoxib und 2,31 für Diclofenac).

Prof. Dr. med. Kay Brune, Erlangen, kommentiert die Befunde so: „Jüni kommt einige Jahre, nachdem er das kardiovaskuläre Risiko besonders bei Rofecoxib verorten wollte, nun zu der Einsicht, die andere von Anfang an vertreten haben: Alle Zyklooxygenasehemmer sind problematisch.“ Brune warnt davor, „Hitlisten“ zu erstellen. So scheine zwar Naproxen nach den Ergebnissen dieser Analyse unter den untersuchten Substanzen in kardiovaskulärer Hinsicht am sichersten zu sein, es sei aber mit einem hohen Risiko von Magenblutungen verbunden. Verwunderung könne auch die hohe Schlaganfallrate unter Ibuprofen auslösen. Allerdings war in den meisten Studien eine Tagesdosis von 2,4 g verlangt, eine Dosis, die in Deutschland kaum eingesetzt werde. Insgesamt seien in den analysierten Studien die NSAR in hohen Dosen eingesetzt worden.

Fazit: Auch wenn die absoluten Risiken klein sind: Bei der Gabe von nichtsteroidalen Antirheumatika muss das erhöhte kardiovaskuläre Risiko bedacht werden. Unklar bleibt nach Ansicht von Brune allerdings, in welchem Umfang Paracetamol zur Toxizität der untersuchten Substanzen beigetragen hat, denn Angaben zur rezeptfreien Komedikation fehlen.

Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

  1. Trelle S et al.: Cardiovascular safety of non-steroidal anti-inflammatory drugs: a network meta-analysis. BMJ 2011; 342: c7086.
  2. Ray WA: Cardiovascular safety of NSAIDs. BMJ 2011; 342: c6618.

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