ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2011Reform der psychotherapeutischen Versorgung: Verhältniszahlen korrigieren

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Reform der psychotherapeutischen Versorgung: Verhältniszahlen korrigieren

Bühring, Petra

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Die Berechnungen der Bedarfsplanung sind nicht immer nachvollziehbar. War- um in ländlichen Gebieten vier Psychotherapeuten je 100 000 Einwohner als ausreichend für die Versorgung gelten, während in Großstädten 40 Psychotherapeuten für die gleiche Anzahl zugelassen sein dürfen, um den Bereich als hundertprozentig versorgt zu bezeichnen, erschließt sich nur schwer. Die Versorgungsgrade bewegen sich zwischen 584 Prozent in Tübingen (70 Therapeuten je 100 000 Einwohner) und 111 Prozent im thüringischen Kyffhäuser Kreis, wo jedoch nur 2,4 Therapeuten für die gleiche Einwohnerzahl sorgen. Diese Zahlen stammen aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der SPD-Fraktion zur Versorgung psychisch Kranker im ländlichen Raum. Die Regierung bezeichnet die psychotherapeutische Versorgung „insgesamt als sehr gut“, weil bis auf wenige Ausnahmen fast alle Planungsbereiche als überversorgt ausgewiesen sind.

Theoretisch dürfte es also gar keine Wartezeiten geben. Dennoch warten Menschen in Kleinstädten etwa 104 Tage, einer aktuellen Studie zufolge, bis sie zu einem Erstgespräch eingeladen werden (Seite 107).

In keiner anderen Facharztgruppe sind die Versorgungsgrade – die schlicht die Verhältnisse zur Zeit des Inkrafttretens des Psychotherapeutengesetzes widerspiegeln – so unterschiedlich. Fatal wäre es geradezu, diese Verhältniszahlen als Basis für eine künftige neue Versorgungsplanung festzuschreiben. Sie müssen neu definiert werden.

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Nachdem die Union ihre Vorstellungen zu einem Versorgungsgesetz vorgestellt hat (PP, Heft 2), legte nun auch das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium Eckpunkte vor (Seite 108). Danach sollen Planungsbereiche nicht mehr wie bisher an kommunalen Grenzen ausgerichtet, sondern flexibel gewählt werden können. Darüber hinaus soll der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) unterschiedliche Planungsbereiche für die hausärztliche, fachärztliche und spezialisierte fachärztliche Versorgung festlegen können. Auch ist geplant, die Länder stärker in die Bedarfsplanung einzubeziehen. Die Union schlägt regionale sektorenübergreifende Versorgungsausschüsse vor, die die Grenzen von Planungsbezirken anders festlegen können, um die Sitzverteilung der Ärzte zu verbessern. Die Versorgungsausschüsse sollen auch prüfen, welche ambulanten Angebote die Kliniken der Region vorhalten und psychiatrische Institutsambulanzen und Sozialpädiatrische Zentren einbeziehen.

In diese Maßnahmen müssen die Besonderheiten der psychotherapeutischen Versorgung integriert werden. Eine flexiblere, dynamische fachgruppen- und sektorenübergreifende Versorgungsplanung fordern grundsätzlich auch die Bundes­psycho­therapeuten­kammer und die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung. Wenngleich die Kammer langfristig eine Steuerung der Versorgung über Versorgungsziele für ausgewählte Patientengruppen oder bestimmte Krankheitsziele anstrebt, die der G-BA definieren soll. Sollten künftig regionale Versorgungsausschüsse die Versorgung planen, ist es notwendig, dass neben den bisher vorgesehenen Landesvertretern von Kassenärztlichen Vereinigungen, Ärztekammern, Krankenhausgesellschaften, Krankenkassen und Ministerien auch die Psychotherapeutenkammern mit am Tisch sitzen. Sonst kann die angemessene Versorgung psychisch Kranker schnell wieder ins Hintertreffen geraten.

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